22.11.2006 von Detlef Guertler
Es scheint ein Trend zu werden: Die neuen Cremes, die sich die Damenwelt auf die Haut schmieren soll, werden nicht mehr wohlfühlweich, sondern hightechhart bewortet. Nach der molekularbiologisch wertvollen, aber wortistisch unterirdischen DNAge von Nivea setzt auch Procter&Gamble auf den Charme des Reagenzglases: Amino-Peptide seien der neue Trend im Schönheitsmarkt und Oil of Olaz bis zur Halskrause voll davon.
Dass Amino-Peptide wohl eher nichts mit Anti-Falten-Wirkung zu tun haben, legen die Recherchen von Plazeboalarm nahe,
dass auch die als Aminopeptid-Präsentatorin im Werbefernsehen allgegenwärtige Martina Kraus nichts von dieser Anti-Falten-Wirkung hält, hat sie sogar selbst verraten: “Das mit der Haut ist eh alles nur Retusche!!!!!” schreibt sie auf ihrer Stehsegler-Seite,
aber dass die Schmiercremewerber nicht mehr esoterisch-weichzeichnend mit Jojoba, Aloe Vera, Rosenöl, Mandelmilch und Byzantiner Königsnüssen um sich werfen, sondern mit Peptiden und Nukleinsäuren, das lässt hoffen.
21.11.2006 von Detlef Guertler
Ein schnuckliger Artikel von Parvin Sadigh über die Wissenschaft des Verliebens in Zeit Online (komisch: die unendliche Länge des typischen Zeit-Artikels kommt mir im Netz längst nicht so arrogant-pastoral vor wie in der gedruckten Ausgabe). Computer- und Biotechnologie haben es demnach möglich gemacht, schon vor dem Kennenlernen kalkulieren zu können, ob Fisch zu Fahrrad passt. Da zählen die Single-Börsen dann Matchingpunkte und errechnen daraus das Paarpotenzial, für das es bisher aufgrund fehlender wissenschaftlicher Grundlage noch kein eigenes Wort gab. Bestimmt werden demnächst Denalysen oder ein pheromonischer Schweißvergleich diese Potenzial-Rechnung noch komfortabler und treffsicherer machen.
Am Ende schaffen wir es dann mit megamoderner Technik, wieder genau da anzukommen, wo wir vor Erfindung der Liebesheirat schon standen: Damals entschieden die Eltern oder die Zünfte oder der Thronrat über das Paarpotenzial der windelpupsenden Sprösslinge, und weil damals Liebe und Ehe noch nichts miteinander zu tun hatten, kamen dabei definitionsgemäß… weiter lesen
20.11.2006 von Detlef Guertler
von Christian Dombrowski:
Wörter auf –itis bezeichnen in der Medizin Entzündungen aller Art. Man kennt Gastritis, Bronchitis, Arthritis, Iritis, Hepatitis, Myositis, Laryngitis, Tonsillitis, Sinusitis, Enzephalitis, Pankarditis, Pankreatitis, Osteomyelitis, Mastoiditis, Perikarditis, Cholezystitis, Otitis, Ostitis, Pleuritis, Rhinitis – letzteres ist die Nasenschleimhautentzündung, vulgo „Schnupfen“.
Lauter Entzündungen.
Ist „Telefonitis“ dann eine Entzündung des Telefons?
19.11.2006 von Detlef Guertler
Leonie und Annette stellen sich Rücken an Rücken. Lucie steigt auf ihren Stuhl und legt den beiden ein Buch auf den Kopf. “Leonie ist größer”, kräht sie. “Mama, ich habe dich überholt!”, freut sich Leonie. “Nach Größe geordnet ist unsere Familie jetzt Papa, Leonie, Mama, Lucie, Clemens.” – “Und nach Kleine geordnet ist Clemens der Erste”, stellt Lucie fest.
Mit 8 Jahren muss man noch nicht wissen, dass die deutsche Sprache in ihrer unerforschlichen Weisheit als Gegenteil zur Größe nicht die Kleine verwendet, sondern die Kleinheit. Wenn überhaupt, denn bei den meisten Verwendungen von “Größe” wird gar kein Gegenteil verwendet. Es wird nichts nach Kleinheit geordnet, sondern immer nur nach Größe; es gibt weder eine historische Kleine noch eine historische Kleinheit, sondern nur eine historische Größe; eine unbekannte Größe heißt auch unbekannte Größe, wenn sicher ist, dass sie ziemlich klein ist; und Kleider und Schuhe haben immer nur Größen, nie… weiter lesen
19.11.2006 von Detlef Guertler
Große Aufregung im politischen Berlin: CDU und SPD haben sich noch nicht geeinigt, wie die Nachfolgeregelung für das Stasiunterlagengesetz aussehen soll, das zum Jahresende ausläuft. Wenn keine neue Regelung beschlossen werden sollte, wird ab 1. Januar 2007 überhaupt kein öffentlich Bediensteter mehr auf seine Stasi-Kontakte überprüft. Das liefe dann auf einen “Persilschein für Stasispitzel” hinaus, schreibt die FTD, und auch für Jörg Drieselmann, Leiter der Gedenkstätte im Ex-Stasihauptquartier in der Normannenstraße, “ist der Gedanke, dass Stasi-Mitarbeiter ab 2007 quasi einen Persilschein bekommen, unerträglich.”
Nun ist ja allgemein bekannt, dass es in der DDR überhaupt kein Persil gab, nicht einmal auf Bezugsschein. Das Persil der DDR hieß nämlich Spee, und kam aus dem Waschmittelwerk Genthin, das vor dem Sozialismus genau wie Persil zu Henkel gehörte und auch heute wieder dazugehört. Also müsste man doch zeithistorisch korrekt einen Persilschein, der sich auf die DDR-Zeit bezieht, nicht Persilschein, sondern Speeschein nennen, oder?
18.11.2006 von Detlef Guertler
20 Grad und Sonnenschein mitten im November, kein Wunder, dass da die Kreativität knospt und sprießt. Von einem “Blitzsommer im November” schreibt gar die Rheinische Post. Rein meteorologisch ist das allerdings nicht korrekt, da der Sommertag definitionsgemäß erst bei Höchsttemperaturen von 25 Grad anfängt. Schon besser machten es da die Kollegen von der Berliner Morgenpost, auf die die erste mir bekannte Blitzsommer-Nennung zurückgeht: Am 3. Mai 2005 beschrieben sie damit einen 31,5-Grad-Tag in Berlin – das ist doch ganz was anderes als der, na ja, Blitzfrühling diese Woche.
17.11.2006 von Detlef Guertler
Da sage noch einer, unsere Politiker seien fantasielos und würden immer nur das gleiche rhabarbern: Uns Umweltminister Sigmar Gabriel hat gerade ein Wort geschöpft, das bei Google zuvor noch keinen einzigen Treffer zu verzeichnen hatte – die Wohlfühlökonomie.
Anders als seinerzeit der Wohlfahrtsstaat, der von seinen Erfindern als überaus anstrebenswertes Ziel angesehen wurde, wird die Wohlfühlökonomie von ihrem Erfinder überaus hässlich behandelt. Die Umweltbranche sei eben jenes nämlich nicht, und auch kein Nischenmarkt, sondern ein ernstzunehmender Wirtschaftszweig, der in nicht allzu ferner Zukunft die Automobilindustrie an volkswirtschaftlicher Bedeutung überflügeln werde.
Diese Behauptung ist zwar mit Vorsicht zu genießen, schließlich stammt die Behauptung von den Unternehmensberatern von Roland Berger, die ja schon das Layout ihrer Kundenzeitschrift bei Brand Eins geklaut haben. Insbesondere aber ist heftigst zu bekämpfen, dass die Verbindung des Halbwortes “Wohlfühl-” mit einem ökonomischen Begriff so negativ eingeführt wird. Sowohl Wohlfühlökonomie als auch Wohlfühlwirtschaft als… weiter lesen
16.11.2006 von Detlef Guertler
“Von einer Weihnachtsdiät haben wir noch nie gehört”, behauptet der Kleine-Krauter-Konzern Edeka in einer Werbung, und schiebt gleich im nächsten Satz nach, “dass bisher keine eine Weihnachtsdiät erfunden hat.”
Das ist jedoch nicht ganz richtig. Auf einer nur noch im Google-Zwischenspeicher existierenden Webseite findet sich nicht nur EINE, sondern DIE definitive Weihnachtsdiät – in zehn Schritten:
1. Wenn du etwas isst und keiner sieht es, dann hat es keine Kalorien.
2. Wenn du eine Light – Limonade trinkst und dazu eine Tafel Schokolade isst, dann werden die Kalorien in der Schokolade von der Light – Limonade vernichtet.
3. Wenn du mit anderen zusammen isst, zählen nur die Kalorien, die du mehr isst als die anderen.
4. Essen, welches zu medizinischen Zwecken eingenommen wird, z.B. heiße Schokolade; Rotwein, Cognac, zählt NIE!
5. Je mehr du diejenigen mästest, die täglich rund um dich sind, desto schlanker wirkst du selbst!
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15.11.2006 von Detlef Guertler
Wwwusch, saust Clemens ins Haus: “Papa, Papa, ich habe heute ein Tor geschossen! Mein erstes Tor!!” – “Toll, Clemens! Wie war das denn?” – “Also da stand Manuel, und da ich, und dann hat Manuel den Ball zu mir geschossen, und Lucas stand im Tor, und da habe ich unten ganz in die Ecke geschossen, und dann war es ein Tor!” – “Super! Los, Clemens, das müssen wir feiern.” – “Aber zuerst muss ich noch ins Fernsehen.” – “Ins Fernsehen?” – “Ja. Die Tore werden doch immer im Fernsehen gezeigt.” – “Auch die Tore von fünfjährigen Jungen im Trainingsspiel auf dem Sportplatz unter der Jugendherberge von Marbella?” – “Bestimmt. Da muss ich nur die Presse kontaktieren.”
Leider war weder ein Kameramann noch ein Fotograf dabei, um den historischen Moment im Bild festzuhalten. Und sooo käseblättrig ist auch die hiesige Lokalpresse nicht, um Clemens’ Tor zu melden, selbst wenn er sie… weiter lesen
14.11.2006 von Detlef Guertler
Eines der meistbejubelten Neuwörter im neuen Duden war die “Brötchentaste”, jene, so der Duden, “Taste am Parkscheinautomaten für kostenloses kurzes Parken”. Die Zahl der -tasten im Duden verzeichnete damit eine phänomenale Wachstumsrate von 50 Prozent, denn zuvor waren dort nur die Maus- und die Returntaste anzutreffen.
Nun ist die Taste nicht nur doppelt so klangvoll wie ihr englischer Kollege, der “key”, sie ist auch geradezu der Inbegriff des Haptischen (was ja vom Tastsinn herkommt), wohingegen der Engländer vor einer Tastatur wohl immer noch darüber ins Schwärmen gerät, wie damals Alan Turing im 2. Weltkrieg den deutschen Geheimcode entschlüsselte. Außerdem gibt es in Zeiten von Fern-, Infrarot- und Was-weiß-ich-noch-Bedienungen immer mehr Tasten an Geräten, die eine ganz spezielle Form oder Funktion haben, sich also ihren eigenen Namen verdient haben.
Also: Neue Tasten braucht das Land! Fangen wir heute mal mit der Knubbeltaste an. Die hat die Wortwarte bei weiter lesen