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vonDetlef Guertler 01.12.2006

Wortistik

Neue Zeiten brauchen neue Wörter. Doch wer trennt die Spreu vom Weizen? Detlef Gürtler betätigt sich als Wortwart der Nation.

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Ein heute bei der Wortwarte als neu verzeichnetes Wort hat mich schwer ins Grübeln gebracht. „Klar ist nur, dass die Kernidentität als Umweltpartei bleibt“, schreibt Bernd Oswald in der Süddeutschen Zeitung über die Grünen nach einem Jahr in der Opposition. Was, so frage ich mich seither, steckt im „Kern“ drin, was in der „Identität“ noch nicht drinsteckt? Ist nicht die Identität das, was man selber ist, ist sie nicht der eigentliche Kern eines Menschen, einer Organisation, einer Gesellschaft? Wofür braucht dieser Kern noch einen Kern, den man ihm voranstellt?

Und wenn es tatsächlich eine Kernidentität geben sollte, also jene ganz besondere Identität, die im Kern der Identität sich befindet, dann ist der Nicht-Kern der Identität – ja, was? Wenn es eine Kernidentität gibt, müsste es auch eine Randidentität geben, oder gleich mehrere davon. Randidentitäten der Grünen (die ja als Kernidentität Umweltpartei sind, wie Bernd Oswald weiß) wären dann beispielsweise die Schwulenpartei, die Joschka-Fischer-Partei, die 68er-Partei, die Multikulti-Partei und die Regierungspartei.

Wenn man Google als Maßstab nimmt, gibt es allerdings keine Randidentität. Der einzige Treffer für diese Suchanfrage ist ein Text mit der schönen Überschrift „Der territoriale Konflikt auf Shebaa Bauernhöfen im Mittlere Osten“, der auch im weiteren Verlauf des Textes so klingt, als sei er von Google persönlich übersetzt worden, was der Satz, in dem sich die Randidentität versteckt hat, schlagend beweist: „Während die Kommission übertragung seine Arbeit war, zum der Randidentität festzustellen, behielt die syrische Regierung Steuerung über den Bauernhöfen bei.“

Wenn es also keine Randidentität gibt, gibt es auch keine Kernidentität wzbw (Abkürzung für „was zu beweisen war“, eine Art Tildengruß der Mathematiker).

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http://blogs.taz.de/wortistik/2006/12/01/randidentitaet/

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kommentare

  • Guten Morgen, werter Wortist. Chapeau-lyphem wäre ein lustiges Wort. Vielen Dank, dass Sie den alten Link für einen linken Alten ausgegraben haben. Ich hatte ihn nicht gefunden (weil ich ihn nicht gesucht hatte). So will ich mich mal wiederholen: „Das gesprochene Wort fängt niemand wieder ein. Aber es geht im guten Falle aufgrund seiner “Schlechtheit” wieder verloren. Das geschriebene Wort bahnt sich seinen (falschen) Weg“ (Wein-selig, und völlig nüchtern.)

  • Um etwas zu sagen, benötigt man Wörter; aber man kann auch Worte machen, ohne etwas zu sagen und sich dabei noch hoffnungsfroh verrennen. Umweltthemen waren mal die „Kernkompetenz“ der Grünen. Mancher möchte gern Kompetenz haben und erfindet die „Kernidentität.“ Ich glaube, wir hatten schon mal was Ähnliches zum Thema Verantwortung?

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