Archive for Dezember, 2006

19.12.2006 von Detlef Guertler
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Hick

von Detlef Guertler

Der Herrscher des Wortreichs machte mich auf einen Artikel in der Sonntagsausgabe der Neuen Zürcher Zeitung (leider nicht online) aufmerksam: Der Schweizer Schriftsteller Hugo Loetscher erzählt dort über den veränderten Umgang mit Randerscheinungen der deutschen Sprache – wie zum Beispiel dem österreichischen, dem luxemburgischen oder dem Schweizer Deutsch.

Es habe sich, so Loetscher, “die Erkenntnis durchgesetzt, dass Deutsch keine homogene Sprache ist, sondern plurizentrisch”. So dass gerade auch vom Rand des deutschen Sprachraums die Hochsprache bereichert werden könne.

Die wortistische Weltanschauung ist demgegenüber weder mono- noch plurizentrisch, nimmt weder für den Rand noch für den Kern des Sprachraums Stellung, sondern agiert ästhetisch-demokratisch (oder demokrästhetisch?): Wo immer Neuworte herkommen, sind sie eingeladen, sich mit den derzeit gebräuchlichen Worten zu messen. Und nur ein Wort, das genügend Menschen davon überzeugt, es ihrem Wortschatz hinzuzufügen, hat eine Chance, ein vollwertiges Mitglied der deutschen Sprache zu werden.

Ja, solche Worte können sogar… weiter lesen

17.12.2006 von Detlef Guertler
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Plauderwelsch

von Detlef Guertler

Lob und Preis sei dem Herrscher des Wortreichs, der dieses Wort im schier undurchdringlichen Dickicht des Wortwarts entdeckte. Denn während die wortwärtlichen Wortschöpfungen meist eher eine kindlich-pubertäre Freude an der Subversion denn eine Prüfung auf Verständlich- oder Nützlichkeit verraten, macht sich Wortreich-Macher Michael Staub immer auch Gedanken darüber, wie Neuschöpfungen tatsächlich produktiv werden können.

Das Plauderwelsch zeigt diesen Unterschied sehr deutlich. Beim Wortwart wird es definiert als “Aussenstehenden unverständliches Gemurmele, welches meist in hysterische Lachanfälle übergeht”. Als solches wäre das Plauderwelsch allenfalls in wenigen Fällen verwendbar. Das Wortreich denkt weiter: “Schöner als das neudeutsche Smalltalk, netter als Gefasel und Gesülze, aber nicht gleich so hochgestochen wie das Kommunizieren oder Ausdiskutieren”, heißt es dort.

Und als Ersatz für den Small-Talk könnte dem Plauderwelsch tatsächlich eine brilliante (und charmante) Karriere bevorstehen. Denn auf diesem Platz klingt es wesentlich wohler als alles, was der Verein Deutsche Sprache… weiter lesen

16.12.2006 von Detlef Guertler
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Erfolgstherapie

von Detlef Guertler

Eigentlich sollte man meinen, auf dem Therapiemarkt gäbe es nichts, was es nicht gibt. Aber ausgerechnet diese so naheliegende, sofort verständliche Bezeichnung gibt es noch nicht. Dabei liegt es doch auf der Hand, dass die meisten Menschen, die einen Hau weg haben und/oder ihre gesamte Lebenszeit darauf verwenden, zu sich selber zu finden, vor allem darunter leiden, dass sie mit dem, was sie tun, nicht zufrieden sind. Wenn man nun dafür sorgt, dass sie endlich, endlich Erfolg haben, welchen Erfolg auch immer, dass sie etwas leisten, was Anerkennung findet, schwupps, sind sie geheilt.

Aber natürlich darf sich ein Erfolgstherapeut nie selbst Erfolgstherapeut nennen – das würde ja bedeuten, dass seine KundInnen schlaffe SäckInnen sind, die einer therapeutischen Krücke bedürfen, um halbwegs ordentlich zu funktionieren. Deshalb war die Erfolgstherapie gezwungen, unter einem Decknamen anzutreten. Unter dem jedoch hat sie sich schon längst klammheimlich etabliert: Sie nennt sich “Coaching”.

16.12.2006 von Detlef Guertler
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Redaktör

von Detlef Guertler

“Lass’ die drei doch in Ruhe”, ruft Annette durch den Raum. “Es soll halt so ähnlich klingen wie die 3 Tenöre, wenn’s ihnen Spaß macht, bitteschön.” – “Es sind aber doch gar keine Redakteure, die da am Montag in Berlin im TIPI-Zelt auftreten”, beharre ich. “Henryk M. Broder ist Spiegel-Autor, Matthias Matussek leitet das Spiegel-Kulturressort und Gabor Steingart das Spiegel-Hauptstadtbüro. Zwei Führungskräfte, eine Edelfeder, kein einziger Redakteur.”

Annette seufzt. “Deshalb nennen sie sich ja auch “Die 3 Redaktöre”, nicht Redakteure. Für drei Redakteure würde wahrscheinlich auch niemand am Montag 9,50 Euro Eintritt zahlen. Aber wenn Broder, Matussek und Steingart über Deutschland herziehen, klappt’s vielleicht.”

Ich war noch lange nicht überzeugt. Aber Annette schnitt mir das Wort ab. “Beschwer dich bitte beim Spiegel, beim Veranstalter oder in deinem Blog, aber nicht bei mir.” Ich protestiere: “Soll ich jetzt etwa behaupten, dass Redaktör ein Neuwort ist, mit dem man journalistische… weiter lesen

14.12.2006 von Detlef Guertler
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Biosentimentalität

von Detlef Guertler

Wir leben in Zeiten, in denen auch die weltbesten Schachspieler keine Chance mehr gegen die Maschine haben; in denen sich Computer selbst programmieren und die Roboter sich anschicken, innerhalb von wenigen Jahrzehnten auch noch König Fußball zu entthronen. Da könnte es uns gut passieren, dass die Biosentimentalität, die gerade eben Ian Hacking in der London Review of Books erfunden hat (und die der Perlentaucher und die Wortwarte entdeckten) sich zu einem fulminanten Trend auswächst.

Dann sind die guten alten Zeiten jene, als noch ein Mensch am Telefon war, wenn wir den Kundendienst anriefen; als die Autos noch von den Fahrern gelenkt wurden; als Lehrer, die von Schülern attackiert wurden, noch im Krankenhaus landeten, und nicht in der Werkstatt. Und die Jugend von morgen wird den Kopf (oder die Festplatte) über die alten Säcke schütteln, die nicht begreifen wollen, dass es ein Fortschritt ist, dass… weiter lesen

13.12.2006 von Detlef Guertler
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Balzbranche

von Detlef Guertler

Ein wunderhübsches Neuwort im Wörterblog gefunden: “Das Sich-Interessant-Machen, das Sich-Spreizen und das Pfauenrad-Schlagen mittels eines ebenso hohlen wie prätensiösen Vokabulars – das ist natürlich vor allem in den Balzwissenschaften daheim: in Werbung, Marketing, Marktforschung und Public Relations. Denn die haben’s schon von ihrer Aufgabe her nötig.” Dass diese Betätigungsfelder etwas mit pfauen und sich-aufblasen zu tun haben, wurde schon häufig beschrieben – aber das Wort Balzwissenschaft ist völlig neu.
Nun kann man sich natürlich drüber streiten, ob Werbung und/oder PR Wissenschaften sind. Um diesem Streit aus dem Weg zu gehen, verunwissenschaftlicht man das Wort und spricht alliterierend von Balzbranchen. Dann könnte man allerdings immer noch darüber streiten, welche Bereiche des Journalismus ebenfalls zu den Balzbranchen gehören: Kundenzeitschriften bestimmt, und die Auto- und Reisejournalisten bestimmt auch. Und wer noch?

13.12.2006 von Detlef Guertler
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grüt

von Detlef Guertler

von Wolfgang Wilhelm
Einen interessanten Weg, um Wikis aus der rein ehrenamtlichen in die zumindest halbprofessionelle Welt zu transformieren, geht die »Wikiweise« . Sie will Beiträge belohnen und nennt die dazugehörige Fiktivwährung »Wiwit« bzw. »Milliwiwit«. Ein Besitzer selbiger müsste demnach ein »(Milli)wiwitwer« sein, oder? ;) Interessant ist aber die 1000-er statt der üblichen 100-er Währungsaufteilung.
Lesen wir weiter: »Grüte Wiwits können die Farbe ändern, sie sind entweder grün oder rot, mit ein paar Abstufungen dazwischen.« (Demnach regierte in Deutschland von 1998 bis 2005 die »Grüte Koaliton«). Wenn diese Sorte der Wiwits grün auf dem Konto erscheint, werden die Beiträge des Kontoinhabers von den Nutzern eher positiv beurteilt, bei rot eher negativ.
Habe ich noch was vergessen? Ja, die “Bezahlung” der angenommenen Leservorschläge. Eine Möglichkeit für den Taz-Blog:
Pro angenommenem Wortvorschlag wird die Werbung einen Monat lang für die entsprechende IP weggeklickt!
Grußstaben aus dem Allgäu, ~~~~

12.12.2006 von Detlef Guertler
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gemütliche Austriazismen, O – Z

von Detlef Guertler

Sorry, dass die Fortsetzung so lange gedauert hat, aber ich war auf Reisen und hatte meine Festplatte und meine Duden-CD nicht dabei. Jetzt also alle Wörter mit den Anfangsbuchstaben von O bis Z, die der Duden sowohl als Österreichisch (österr.) als auch als umgangssprachlich (ugs.) kennzeichnet.

Öffi
Ohrwaschel
Outwachler
Packelei
Pallawatsch
Patsch
Patscherl
patschert
petschiert
Pflanz
pflanzen (in der Bedeutung zum Narren halten)
Pick
picken (in der Bedeutung kleben)
pickert
Platte (in der Bedeutung Gangsterbande)
pracken
Pracker
Pülcher
pumperlgesund
pumpern
Radi
Radl
Ramasuri
Rein (in der Bedeutung flacher Kochtopf)
rittern
Rotzpippen

Sacktuch
Sager
sandeln
Schaffel
scherren
Scherz (in der Bedeutung Brotkanten)
Schinakel
schlampert
Schlankel
Schlapfen
schliefen (in der Bedeutung in den Bau kriechen)
Schmäh
Schmutzianweiter lesen

12.12.2006 von Detlef Guertler
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anti-aging

von Detlef Guertler

Heiß tobt die Diskussion im Forum des Vereins Deutsche Sprache um die aktuelle Monatsaufgabe der “Aktion Lebendiges Deutsch”: Soll man wirklich ein deutsches Wort für “anti-aging” suchen, wo es doch so etwas überhaupt nicht gibt? Schließlich macht uns keine der Cremes und Kuren, die dieses Adjektiv im Namen führen, auch nur eine Sekunde jünger:  “Anti-Aging ist kein Begriff, sondern eine Lüge. Das Deutsche bedarf ihrer nicht”, schreibt dort etwa schamane, und schlägt folgerichtig als Eindeutschung “Jüngeraussehvortäuschundpappköppendasgeldausdertascheziehquark” vor.

Genau wie die ebenfalls im VDS-Forum aufgetauchten Vorschläge Runzelrückstau und Altershemmung hat jedoch auch Jüngeraussehvortäuschundpappköppendasgeldausdertascheziehquark einen entscheidenden Mangel: Es handelt sich um Substantive – anti-aging wird aber in der Regel als Adjektiv gebraucht. Anti-aging beschreibt eine Eigenschaft, die diese Cremes haben sollen (aber natürlich nicht haben), also müsste die Neubewortung nach einem Eigenschaftswort suchen, das ebenfalls verspricht, den Alterungsprozess aufzuhalten, aber dieses Versprechen in der Realität nicht halten kann.… weiter lesen

11.12.2006 von Detlef Guertler
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Liebseligkeit

von Detlef Guertler

Zwei der sympathischten deutschen Wörter, die Liebe und die Seligkeit, in einer typisch deutschen Zusammensetzung. So wie die Redseligkeit einen besonderes ausgeprägten Redefluss und die Mühseligkeit besonders große Plackerei bezeichnet, würde Liebseligkeit ein besonderes Liebesvermögen bezeichnen. Würde – wenn wir dieses Wort benutzten.

Wir dürften gar wohl. Wir könnten uns dabei auf Robert Musil berufen, der im “Mann ohne Eigenschaften” schrieb: “Anscheinend ist seine Liebseligkeit mit der Redseligkeit im Wesen verbunden, und das so tief geheimnisvoll, daß es fast an die Alten gemahnt, nach deren Philosophie Gott, Menschen und Dinge aus dem ‘Logos’ entstanden sind, worunter sie abwechselnd den Heiligen Geist, die Vernunft und das Reden verstanden haben.”

Auch der nicht minder respektable (oder kann man “ehrselige” sagen?) Burkhard Spinnen verwendete dieses Wochenende die Liebseligkeit in der “Literarischen Welt”: “Die Liebseligkeit, sagt Musil, ist eine Redseligkeit. Wenn wir unsere Kinder lieben, reden wir mit ihnen.”

Aber… weiter lesen