Archive for Januar, 2007

19.01.2007 von Detlef Guertler
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freiwillige Ausreise

von Detlef Guertler

Schade, liebe Großgeister von der “Sprachkritischen Aktion”. Ich hätte mich so gerne über euer “Unwort des Jahres 2006″ erregt. Aber leider, leider, habt ihr dieses Jahr gar keins gewählt. “Freiwillige Ausreise” ist ja wohl nicht ein Wort, sondern derer zwei. Also: Thema verfehlt, Setzen, Sechs!

Und redet euch bitte nicht damit heraus, dass “Wort” ja nicht nur ein Wort bedeuten kann, sondern auch mehrere (wie z.B. ein Sprichwort ja üblicherweise aus mehreren Wörtern besteht). Das Wort, das mehrere Wörter bedeutet, wird nämlich im Plural zu “Worte”, während der Plural des einzelnen Wortes “Wörter” heißt. Und da ihr auf eurer Webseite von den bisher gewählten “Unwörtern des Jahres” redet, ist ja wohl erwiesen, dass ihr eurem selbst gestellten Anspruch nicht gerecht geworden seid.

Und das nicht zum ersten Mal. Schon 1992 (ethnische Säuberung), 1998 (sozialverträgliches Frühableben) und 2000 (national befreite Zone) habt ihr statt eines Unwortes einen, nun ja,… weiter lesen

18.01.2007 von Detlef Guertler
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Bundesbayern

von Detlef Guertler

Vorsicht: Im folgenden Absatz ist ein schwerer Fehler versteckt. 

Möglicherweise sind in der politjournalistischen Fachsprache die “Bundesbayern” schon länger gebräuchlich, die ich heute aus Marietta Slomkas Mund vernahm. Bei ihnen handelt es sich um die CSU-Bundestagsabgeordneten, für die bislang eher selten der Bedarf nach eigener Bewortung bestand, da sie sich inhaltlich, physiognomisch und alkoholisch kaum von den Bayernbayern unterscheiden. Jetzt hingegen gibt es diesen Bedarf, da die Bundesbayern einen der Ihren, Horst Seehofer, als Parteivorsitzenden haben wollen, während bei den Bayernbayern Erwin Huber Favorit zu sein scheint. Und so lange die V-Frage noch nicht beantwortet ist, dürfte uns der Bundesbayer noch häufiger in den Medien begegnen.

Und – den Fehler gefunden? Nein? Ist aber auch schwer zu finden. Sowohl Marietta Slomka als auch mir war völlig klar, dass “Bundesbayern” die CSU-MdBs meint – dabei gibt es doch noch viel mehr Bayern im Bundestag – zum Beispiel von der SPD, oder von den… weiter lesen

17.01.2007 von Detlef Guertler
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Weichwurst

von Detlef Guertler

Vorabendprogramm im Ersten. Bei „Das Quiz“ haben sich die Dessous-Models Cornelia und Sabine mit wesentlich mehr Glück als Verstand bis auf 30.000 Euro hochgeraten. Jörg Pilawa will die beiden dazu überreden, auch noch die 50.000-Euro-Frage in Angriff zu nehmen. Cornelia möchte gerne, aber Sabine will aussteigen. „Wirklich aufhören?“, fragt Pilawa. „Ja“, sagt Sabine, „ich bin eben `ne Weichwurst.“

Leider konnte Jörg Pilawa nicht mehr nachfragen, was das denn sein soll, denn die Sendezeit war abgelaufen. Aber es ist ja auch egal, was Sabine so ganz genau unter „Weichwurst“ versteht. Als überraschende Alternative zur ewig gleichen „Weichei“-Beschimpfung ist die Weichwurst allemal geeignet.

16.01.2007 von Detlef Guertler
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Knievertrauen

von Detlef Guertler

So sehr der Wortist es persönlich bedauert, dass Sebastian Deisler heute seine Karriere beendet hat (wo doch heute eigentlich Ede Stober dran gewesen wäre, seine Karriere zu beenden), so freudig hat er das ganze neue Wortfeld registriert, dass Deisler in seiner Rücktritts-Pressekonferenz eröffnet hat. “Ich habe kein richtiges Vertrauen mehr in mein Knie”, begründete Deisler nämlich seine Entscheidung.

Gerade im Leistungssport kann auf diese Weise eigentlich jeder Körperteil zum Vertrauensvorwort werden. Speerwerfer brauchen Armvertrauen, Läufer Beinvertrauen, Horst Hrubesch glänzte durch Kopfvertrauen, und bei Steffi Graf war meiner Erinnerung nach das fehlende Patellasehnenvertrauen der eigentliche Rücktrittsgrund.

Aber auch jenseits des Sports können Körperteile entsprechend bewortet werden. Hauptursache von Alkoholismus wäre demnach übersteigertes Lebervertrauen, all denen, die so gerne ihren Kopf abschalten und aus dem Bauch heraus entscheiden, darf man getrost Bauchvertrauen unterstellen, und bei Fidel Castro sollte man nicht mehr allzuviel Darmvertrauen zeigen.

15.01.2007 von Detlef Guertler
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schlammschmusen

von Detlef Guertler

Klingt das nicht wunderbar? So matschend, schmatzend, sauwohlig-suhlend! Hach, man könnte geradezu die CSU-Führungsspitze darum beneiden, dass ihr ein solches Wort aufs Leiberl geschneidert wurde.

Okay, es war nur der in Bayern eher abfällig betrachtete “Stern”, der diesen Begriff auf seiner Webseite unterbrachte, und dann auch noch in dem eher unappetitlichen Zusammenhang mit einer “Bild”-Attacke auf Horst Seehofers Privatleben. Aber die Nordlichter vom Stern hätten ja auch ein so hässlich-zischendes Wort wie Haifischteich oder eine abgegriffene Götterdämmerung verwenden können. Doch statt dessen: schlammschmusen.

Danke, Stern. Und danke, Edmund Stoiber – ohne dein unwürdiges Wanken hätte dieses Wort niemals das Licht der Welt erblickt.

14.01.2007 von Detlef Guertler
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Ohnsünderin

von Detlef Guertler

Stammt er nicht von Nicolo Machiavelli, jener großartige Vorschlag, wie man alternde Fürsten loswird? Wie man dem taumelnden, angeschlagenen, aber immer noch gefährlichen Leitwolf seine Herrschaft entreißt und neu verteilt – obwohl doch jeder, der die Pfote gegen ihn erhebt, befürchten muss, zum zwar letzten, aber doch Opfer des Fürsten zu werden. War es nicht jener Machiavelli, der sich mit einem diabolischen Grinsen niederkniete, mit den Sandkörnern auf dem Boden spielte und sagte: “Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.”

Nein, es war natürlich nicht Machiavelli, sondern Jesus Christus, und er hatte es eigentlich auch ganz anders gemeint. Aber genau so lief sie ab, die Attacke auf Edmund Stoiber – mit Gabriele Pauli als Ohnsünderin. In der gleichen Rolle wie gut ein Jahr zuvor Andrea Nahles, die als Ohnsünderin Franz Müntefering zu Fall brachte.

Theoretisch könnte es auch eine männliche Form dieses lauteren Königsmörders geben, den… weiter lesen

13.01.2007 von Detlef Guertler
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Slogan

von Detlef Guertler

Braucht man das wirklich, liebe Aktion Lebendiges Deutsch: eine Eindeutschung für “Slogan”? Immerhin verwendet nicht nur der notorisch anglizismenverdächtige Deutsche dieses Wort, sondern auch die mindestens genauso notorisch einheimischsprachichen Franzosen und Spanier (letztere lediglich aussprachetechnisch mit einem e- vor dem slogan). Scheint also nicht gar so furchtbar zu sein, dieses Wort für den Werbespruch.

Besonders hübsch ist eine englische Übersetzung für Slogan im LEO-Wörterbuch. Danach wird das deutsche Slogan nicht nur mit Slogan übersetzt, sondern auch mit shibboleth, was wiederum ins Deutsche übersetzt nicht nur Slogan heißt, sondern auch Parole, Plattitüde oder Schlagwort. Alle drei Wörter sind zwar auch durchaus mögliche Eindeutschungen für den Werbeslogan, allerdings hätte keines von ihnen auch nur den Hauch einer Chance, im täglichen Gebrauch oder gar von den hauptberuflichen Slogan-Verwendern verwendet zu werden.

Was dann? Alle sich sofort anbietenden Negativ-Begriffe wie Dummsatz oder Leidspruch leiden unter dem gleichen Problem… weiter lesen

12.01.2007 von Detlef Guertler
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Reiß-Phase

von Detlef Guertler

aus dem Allgäu von Wolfgang Wilhelm:

Heute sind mir in einer Geschichte zwei lustige Begriffe begeget:
3-jähriges Kind [reißt Seiten aus einem Buch raus]
Buchhändlerin: »Hey, das macht man nicht!«
3-jähriges Kind [unbeeindruckt]
Buchhändlerin [sieht die Mutter]: »Fällt Ihnen das nicht auf, was Ihr Kind macht?«
Mutter: »Das ist ganz normal in diesem Alter, das Kind ist in der Reiß-Phase«
Buchhändlerin: »Dann befinden Sie sich jetzt in der Zahl-Phase«
:D :D :D

11.01.2007 von Detlef Guertler
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Antikriegsbeil

von Detlef Guertler

Nachdem Lothar Lemnitzers Wortwarte das Genderkriegsbeil entdeckt hat, ist es höchste Zeit, auch dieses Kriegsbeil auszugraben. Statt auf Appeasement zu machen, hätten beispielsweise die Weltmächte der 30er Jahre gegen Hitler das Antikriegsbeil zücken können. Und heutzutage fänden alle UNO-Blauhelmeinsätze unter diesem Begriff Platz. Wer hingegen nur selbst von sich behauptet, dass er einen Krieg anfängt, um einen Krieg zu verhindern, darf sich natürlich nicht mit dem Antikriegsbeil schmücken – sonst gäbe es ja gar keine Kriege mehr, sondern nur noch Antikriege.

10.01.2007 von Detlef Guertler
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Sinnkonsum

von Detlef Guertler

Glückwunsch, deutsche Sprache – du hast es geschafft! Du bist im Trend. Denn endlich, endlich, fangen unsere geliebten Trendforscher an, ihre neu entdeckten (bzw. uralten, aber neu verpackten) Trends in deutsche Worte zu kleiden.

Ein schlagendes Beispiel für diesen Trend (das Hoax-Zukunftsinstitut würde von “Trendbeleg” sprechen) ist der neu von Andreas Steinle, dem Leiter der Zukunftsakademie des Hoax-Zukunftsinstituts, ausgerufene Trend des Sinnkonsums. “Die Verbraucher fragen wieder verstärkt: Wo kommen die Waren her?”, sagt Steinle, und beerdigt damit gleich auch die Geiz-ist-Geil-Mentalität. (Was schon jeher zum Kerngeschäft aller Trendforscher gehört, denn wenn es nur auf möglichst niedrige Preise ankommt, hätte ja kein Unternehmen mehr Geld übrig, um die teuren Trendforscher zu bezahlen.)
Der neue Trendforscher-Trend ist denn auch nicht inhaltlich, sondern sprachlich neu. Im Juni 2005 hieß der Konsumtrend, der laut Steinle die Geiz-ist-Geil-Mentalität ablösen sollte, noch “Hyper-Consuming”, und die zugehörige 190-Euro-Studie wurde soweiter lesen