Zeusianer

Den ganzen Nachmittag hat Clemens in seinem Zimmer hoch konzentriert mit Papier und Filzstift agiert. Schließlich kommt er nach oben mit seinem Tagwerk: zwei Blätter, auf denen säuberlich aus seinem aktuellen Lieblingsbuch abgemalt die Namen aller griechischen Götter stehen – Zeus, Hera, Athene, Hermes etc., und auch noch ein paar Nicht-Ganz-Götter wie Prometheus, Herakles und Narcissos.

„Das hast du großartig gemacht“, lobe ich ihn pflichtschuldig. „Und was machen wir jetzt damit?“ – „Beten!“ – „Beten?“ – „Ja, beten. Als letzte Woche das Gewitter war, habe ich zu Zeus gebetet, und wir sind nicht vom Blitz gestorben. Und jetzt beten wir zu allen Göttern.“

Tja. Wie die griechischen Götter gekämpft und geschweinigelt haben, das weiß ich natürlich noch auswendig, aber wie haben die Griechen damals zu ihnen gebetet? Haben die das überhaupt gemacht? Und wenn ja: Soll ich jetzt einfach mit Clemens zu Zeus beten? Gerade gestern ist seine Schwester aus dem Religionsunterricht ausgetreten, soll ich Clemens jetzt im Glauben an die alten griechischen Götter bestärken?

Wie nennt man überhaupt jemand, der an die alten griechischen Götter glaubt? Ihre Heimat war der Olymp, aber ihre Gläubigen kann man trotzdem weder Olympier noch Olympionike nennen. Olympist oder Olympianer wäre theoretisch möglich, ist aber so nahe an sportlicher Betätigung, dass der Bezug zur Religion nicht klar wird. Am plausibelsten erschiene mir der Begriff „Zeusianer“ – was zumindest bei Clemens deutlich zutrifft, denn der Blitzeschleuderer ist sein absoluter Lieblingsgott.

„Also Clemens, das mit dem Beten, ich weiß nicht. Ich glaube, die Griechen haben früher eher geopfert als gebetet.“ – „Was ist opfern?“ – „Dass man den Göttern etwas abgibt, was einem etwas wert ist. Meist wurde es dann verbrannt.“ – „Das da?“ Clemens hält mir fragend seine beiden Blätter entgegen. „Ach nein, Clemens, ich glaube, wir nehmen lieber Kerzen. Für jeden Gott zünden wir eine an. Das ist dann auch eine Art Opfer.“ So geschah es – und der Glauben an Zeus wird ganz sachte mit der Symbolik des Christentums verwoben.

Kommentare (3)

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  1. Goethe, als „Stürmer und Dränger“ – später huldigte er andern Göttern udn Göttinnen und Gottheits-Ideen:

    „Ich kenne nichts Ärmer’s
    Unter der Sonn‘ als euch Götter.
    Ihr nähret kümmerlich
    Von Opfersteuern
    Und Gebetshauch
    Eure Majestät
    Und darbtet, wären
    Nicht Kinder und Bettler
    Hoffnungsvolle Toren.“
    (…)
    *

    „Gebetshauch“ – das war ein Neologismus (verfasst zwischen 1772 und 1774) und ist verblasst in der Alltagssprache.

    „Opfersteuern“ werden ständig aktualisiert durch religionswirtschaftliche finanztechnische Operationen..

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  3. Gewiss haben die alten Griechen zu ihren Göttern gebetet, die altgriechische Literatur ist voll von Beispielen dafür. Eins der kuriosesten Gebete ist wohl das der Athene am Beginn des dritten Buches der Odyssee: Dort treibt die zum Mentor gewandelte Göttin ihre Maskerade so weit, dass sie zu Poseidon betet: Ein Gott, der zu einem anderen Gott betet… Das wird ganz naiv erzählt, im Vorübergehen gleichsam. Sehr tiefsinnig (und wie ein Vermittlungsangebot an Clemens) ist der Beginn des Zeushymnus aus der Parodos des „Agamemnon“ von Aischylos (Verse 160ff.), wo es heißt: „Zeus, wer Zeus auch immer möge sein – wenn er sich mit diesem Namen nennt, dann will auch ich ihn gern so nennen“ etc. Will sagen: Der Name des Gottes, zu dem man betet, ist eigentlich austauschbar, auf den Namen kommt es gar nicht entscheidend an…