31.03.2007 von Detlef Guertler
von Christian Dombrowski:
Alexander, aus Hamburg gebürtig, wohnt seit vielen Jahren in Athen. Er ist mit einer Kreterin verheiratet und spricht Griechisch wie Wasser. Sein Deutsch indessen beginnt sich unter dem Eindruck der griechischen Umgebung leise, leise zu verändern. Noch fällt das kaum auf. Nur wenn man sehr genau hinhört, merkt man, dass Alexander manchmal nicht unmittelbar in seiner Muttersprache lebt und denkt. Gelegentlich muss er – bloß für einen Sekundenbruchteil – nach dem richtigen Ausdruck kramen; und zuweilen findet das passende Wort nur über eine Art Umweg.
Doch dabei gelingen ihm erstaunliche Leistungen.
Es war am 9. April 2004. Wir fuhren vom Athener Flughafen im Auto nach Piräus. Griechenland bereitete damals gerade die Olympischen Spiele vor, die im August eröffnet werden sollten. Es ging schleppend voran mit der Vorbereitung – das IOC hatte schon besorgte Emissäre ins Land geschickt, die nach dem Rechten schauen sollten. Während wir fuhren,… weiter lesen
30.03.2007 von Detlef Guertler
Etwas betrübt schaut der Hausherr auf den mit Holzspänen besäten Flur. “Mussten Sie wirklich so viel von der schönen alten Tür absäbeln, nur um das neue Schloss einbauen zu können?”, fragt er den Handwerker, der gerade das automatische Fingerabdruckidentifikationssystem in der Tür installiert. “Schauen Sie doch mal”, sagt der ihm, “so alt wie die Tür ist, so verzogen ist sie auch. Hier unten steht sie bald zwei Zentimeter ab, und da oben ist sie völlig press.”
In der Tat. Während man unten zwischen rechtem und linkem Türflügel bequem die allmorgendliche taz durchschieben könnte passt oben nicht einmal ein Fingernagel dazwischen. Dafür passt dort ganz hervorragend dieses von mir noch nie vernommene Adjektiv. Bisher muss man sich mehrwortigen Konstruktionen behelfen, um zu beschreiben, dass zwei Gegenstände derart eng zusammenkommen – mit “press” ist die Sache völlig klar. Passt auch überall dort, wo man eng umschlungene Liebespaare nicht allzu romantisch beschreiben möchte:… weiter lesen
29.03.2007 von Detlef Guertler
Heute mittag nett mit einer Heuschrecke unterhalten, die mir glaubhaft versichern konnte, dass ihr ganz besonderes Konzept der Übernahmefinanzierung “Heu ohne Schrecken” bedeute: “Wenn Unternehmer Müller die übrigen Anteilseigner seiner Familie aus der Firma herauskaufen möchte, können wir ihn genauso levern, als würde Blackstone oder Cerberus den Laden übernehmen.”
Levern. Das kommt vom englischen leverage, was im Zusammenhang mit Investments am ehesten mit Hebel übersetzt wird und ein Maß für das Verhältnis zwischen eingesetztem Eigen- und Fremdkapital darstellt. Ein LBO, Leveraged Buyout, ist eine größtenteils kreditfinanzierte Übernahme (wobei die Kredite hinterher gerne dem übernommenen Unternehmen in die Bilanz gedrückt werden).
In der Regel verwenden Deutsche, die sich an diesen Spielen beteiligen, dabei die Denglizismen leveragen (läweretschen) als Verb oder geleveragt (geläweretscht) als Adjektiv. Was schon gesprochen eher unappetitlich klingt, vom Schriftbild ganz zu schweigen. Da ist levern oder gelevert schon ein deutlicher Schritt nach vorne.
Insbesondere, da die reindeutsche Variante… weiter lesen
27.03.2007 von Detlef Guertler
Gerade eben noch wurde an dieser Stelle der Kobiwahn beschrieben, wonach alle Produkte, die etwas auf sich halten, aus KOntrolliert BIologischem Anbau sein müssen, da dürfen wir uns auf den nächsten ökologischen Marketingtrend freuen: Demnächst werden alle Produkte, die etwas auf sich halten, mit ihrem positiven Effekt auf das Weltklima werben.
Vorgemacht hat es natürlich Toyota mit seinem Hybrid-Auto Prius (das übrigens im gleichen Jahr auf den Markt kam, in dem Audi den allerersten Serienwagen mit Hybridantrieb wieder vom Markt nahm, wegen zu geringer Verkaufszahlen), jetzt ziehen, wie überraschend, die Hersteller von Recyclingpapier nach: “Recyclingpapier ist Klimaschutzpapier”, sagt Franz Winterer, Sprecher der Initiative pro Recyclingpapier.
Das Wort Klimaschutzpapier hat rein marketingmäßig nicht nur die Umwelt auf seiner Seite, sondern auch den Rhythmus. Singen Sie einmal “Rettet die Welt mit Klimaschutzpapier!” auf die Melodie von “We all live in a yellow submarine”, und sie kriegen das Zeug… weiter lesen
26.03.2007 von Detlef Guertler
Ein merkwüdiges Adjektiv, dass sich da der Schriftsteller Bodo Kirchhoff hat einfallen lassen, um in der WamS Peter Hartz zu beschreiben. Wobei auch die Erklärung, die er dazu liefert, nicht wirklich zur Aufklärung beiträgt: “Jemand wie er leidet unter Selbstüberschätzung und stolpert über sein eigenes Handeln. Er machte sich die Selbstverliebtheit der Politiker und Betriebsräte zunutze. Er ließ ihnen Zuwendungen zukommen, die ihr Leben temporär verbesserten. Diese Verbesserungen stehen in keinem Verhältnis zu der Lebensverschlechterung der unzähligen Betroffenen.”
Trennt also wirklich das verurteilungswürdige Motiv die Tragödie von der Halbtragödie? Dann gäbe es vermutlich keine einzige Tragödie mehr auf dem Spielplan derTheater – eine ordentliche Schurkerei gehört nun mal zu jeder Tragödie.
Hingegen ist das klassische Element der Tragödie, die Unentrinnbarkeit der Vernichtung, im Fall Hartz geradezu prototypisch ausgeprägt: Auf Piechs Rat hin hat Hartz die Betriebsräte mit jungem Fleisch geködert, damit sie mehr als zehn Jahre treu und… weiter lesen
25.03.2007 von Detlef Guertler
von Christian Dombrowski:
Als „Österreicherei“ lässt sich jegliches Verhalten bezeichnen, das für Österreicher typisch ist, Österreichern als Charakteristikum zuerkannt wird oder sich auf etwas explizit Österreichisches bezieht. Zum Beispiel das häufig beschriebene Rekurrieren auf den Habsburger Mythos, also das ideelle Fortleben des Habsburger Reiches noch im heutigen kleinen Österreich. Oder die Neigung, Meinungsgegensätze eher nebeneinander bestehen zu lassen als sie auf die Spitze zu treiben. Und mancherlei mehr.
Was für die Schweiz (siehe „Schweizerei“) billig ist, sollte auch für Österreich recht sein.
Österreicherei, f.: Verhalten oder Einstellung, die etwas Österreichisches in besonderer Weise betont; eine für Österreicher als typisch empfundene Verhaltensweise
24.03.2007 von Detlef Guertler
von Christian Dombrowski:
Frühlingshaft, sommerlich, herbstlich, winterlich – für alle Jahreszeiten kennen wir Adjektive. Warum nicht auch für die Monate? Weil sie sich nicht so markant voneinander unterscheiden lassen wie die Jahreszeiten? Weil man im großen Ganzen niemals den Frühling mit dem Herbst, aber doch gelegentlich den Mai mit dem November verwechseln kann – wenigstens was das Wetter betrifft?
Gleichviel. Was spricht dagegen, auch die Monate mit Adjektiven zu bedenken? Nichts spricht dagegen. Und also wären da:
januarisch
februarisch
märzhaft (märzig?)
aprilisch
mailich (maienhaft?, mai-isch?)
junisch
julisch
augustig
septembrig
oktobrig
novembrig
dezembrig
Andere Vorschläge?
Für die Wortistik-Datenbank:
januarisch: in der Art des Januar, dem Januar entsprechend
februarisch: usw.
22.03.2007 von Detlef Guertler
Ein äußerst beklagenswertes Wort das, und gleichzeitig ein Beleg für die Macht, die ein Begriff ausüben kann. Denn die Flatrate ist als Synonym für eine alles inklusivierende Pauschale vom Internetten und Telefonieren her so positiv besetzt, dass sie als Angebot in Kneipen und Klubs wesentlich sympathischer rüberkommt als das gleichbedeutende “Saufen, bis der Arzt kommt”.
Eigentlich wäre es also besser, ein anderes Wort als die Flatrate zu verwenden; nicht weil sie ein Anglizismus ist, sondern ein Verharmloser. Saufpauschale zum Beispiel. Allerdings würde keiner der Wirte, die Flatrate-Trinken anbieten, dieses Wort verwenden, und wenn nur diejenigen, die ohnehin nicht saufpauschalgefährdet sind, einen Bogen um das Wort Flatrate machen, ist auch keinem geholfen. Mit Wortistik ist diesem Phänomen also nicht beizukommen – also muss es wohl doch das Gaststättengesetz richten.
20.03.2007 von Detlef Guertler
Vor einiger Zeit hatten wir an dieser Stelle dem VW-Konzern ein wenig Nachhilfeunterricht in der Ent-Anglisierung technischer Begriffe gegeben (Folge 1, 2, 3, 4). Doch ansonsten ist der Wortist im großen und ganzen mit der Verwendung der deutschen Sprache im Weltreich von Ferdinand dem Legastheniker zufrieden: Auch in spanischen VW-Anzeigen heißt beispielsweise der Slogan unübersetzt “Aus Liebe zum Automobil”. Das geht schon sehr in Richtung “Powerdeutsch”.
Much ungermaniger ist die Performance des Marketing Departments der German Bahn. Finden nicht nur, aber auch vier CDU-Bundestagsabgeordnete, denen jetzt aufgefallen ist, dass es nicht nur im Deutschen im allgemeinen Anglizismen gibt, sondern im besonderen beim Staatskonzern auf Schienen. ”Surf&Rail”, “Surf&Travel”, “Call a Bike”, und jetzt auch noch ”Touch&Travel”.
Dass ausgerechnet Laurenz Meyer einer jener vier Abgeordneten ist, die “Touch & Travel” am liebsten mit “Fummeln & Reisen” übersetzen wollen, lässt uns allerdings daran zweifeln, dass diese… weiter lesen
19.03.2007 von Detlef Guertler
Gestern bei Google News einen ARD-Beitrag zu einem mir nicht mehr einfallenden Thema gesehen, bei dem im Anreißer die Formulierung “auf Trapp” stand. Sofort auf den Link geklickt, aber in der gerade aktuellen ARD-Fassung stand bereits “auf Trab”. Wie immer werden die schönsten Schreibfehler sofort umgebracht (wie bereits zum Thema Wehmutstropfen diskutiert)
Wer nach “auf Trapp” sucht, wird eine ganze Menge Treffer finden. Allein schon, weil jeder, der etwas auf Trab bringt, diesen Trab wie Trapp ausspricht. Und der ja eher gemütlich wirkende Pferde-Trab gar nicht so recht zum eher brüsken “auf Trab bringen” passt, das wiederum vom ungestümen Trapper gar nicht so weit entfernt ist.
Warum also nicht “auf Trapp”? Es wäre ein wahres Stück Powerdeutsch. Und irgendwann erlaubt es dann sogar der Duden.