Spreche

Über ein inhaltlich eher belangloses Sprachkritikessaychen im Online-Börsenblatt des Deutschen Buchhandels gestolpert, weil es den formal interessanten Einfall enthält, einige absichtliche Rechtschreib- und Grammatikfehler in den Text einzubauen: „Wer uns bis morgen die Zahl der in diesem Text steckenden Fehler nennt, bekommt ein vom Chefredakteur signiertes BÖRSENBLATT“, verspricht der Autor, ein gewisser Jochen Jung.
Mit solchen Fehlern ist es ja so ähnlich wie mit den Mutationen in der Natur: Viele Veränderungen in unserer Dena fallen überhaupt nicht auf, weil die davon betreffende Stelle im Dena-Strang gar keine sinnvollen Informationen enthält. Vom Rest wirkt das meiste entstellend, und mendelt sich damit selbst wieder aus der Welt, und nur ein klitzekleiner Rest all dieser Fehler ist nicht nur lebensfähig, sondern kann auch noch einen Fortschritt bedeuten.

Zu diesem Rest gehört im erwähnten Text die „Spreche“. Der Autor hat das Wort nur als fehlerhafte Schreibweise von „Sprache“ verwendet – aber spräche irgendetwas dagegen, Spreche als Wort für das zu verwenden, was wir bisher umständlich „gesprochene Sprache“ nennen? Dafür haben wir bisher nur abwertende Vokabeln wie Jargon oder Slang sowie das ironisierende -sprech, etwa in der Orwellschen Neusprech. Das ist ungerecht und typisch intellektuell-schriftsprachliche Überheblichkeit.
Die „Sprache“ darf gerne bleiben, was sie ist, und außerdem auch noch das umfassen, was bisher „Schriftsprache“ heißt. Aber die Spreche hat es verdient, mit ihr auf Augenhöhe zu kommen.

Kommentare (12)

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  1. Also doch Marlene. Die hatte ich nach anfänglicher Assoziation (leidenschaftlicher Cineast)gleich wieder ausgeschlossen, weil nach exzessivem Blondiermittelgebrauch doch Inbegriff der Blondine (bis Marilyn kam). Augenfarbe übrigens: blaugrau. Aber das sieht man natürlich in den ganzen Schwarzweißfilmen nie und im Engel in der Tat chemiefrei dunkelblond.

  2. Rehaugen und dunkelblonde Locken…
    http://www.goethe.de/ins/cn/hon/kue/flm/de1839534.htm

    Zum Professor in diesem Film würde natürlich der Grüne Punkt passen.

  3. Tja, . . . zur Individualität der Spreche:
    Leider verstehe ich weder Ihre Frage noch wer mich da grüßt – sicher nicht der Spezi vom grünen Punkt. Und zu dem Gemütsmensch muss ich sagen, dass dieser nicht zu meinem aktiven Wortschatz gehört. Ich weiß nämlich gar nicht, was das ist. Bei meinem Tunnelblick auf das Gute im Menschen, bin ich mir aber sicher, dass es ein Kompliment ist. Daher bedanke ich mich hier auch ganz artig.
    „P.S. Ich mag Uli Hoeneß“: Sehr, sehr interessanter Ansatz! Hab ich so noch nicht gehört. Und wenn Sie drüber reden möchten – ich bin selbstverständlich immer für Sie da. Diskretion garantiert.
    „wozu braucht ihn die Bundesliag?“ : Na aus schnöd pekuniären Gründen, als Projektionsfläche für all das Elend in der Welt und für die Dramaturgie – ohne einen richtig finstren Schurken sind die Guten doch nur die Hälfte wert.

  4. Professor wie?? Endlich ein Gemütsmensch. Schönen Gruß vom blauen Engel. 🙂

    P.S. Ich mag Uli Hoeneß, aber wozu braucht ihn die Bundesliag?

  5. Ach ja, der Duden. Also ich hab ja nur den Atlas. Und ich bin auch ganz zufrieden damit. Der hat irgendwie doch ein Mindestmaß an Dramaturgie.
    Als Wortistiknovize kann ich übrigens über das Verhältnis der Disziplin zum Duden nur spekulieren. Aufgrund der deterministischen Finitheit eines publizierten Wortbestandes würde ich ja auf ein antagonistisches tippen. Aber vielleicht ist es ja eher wie zwischen Uli Hoeneß und der Bundesliga. Keiner mag ihn, aber ohne ihn gehts auch nicht.
    Selbstverständlich ist Dena viel schöner als Dens. Da haben Sie völlig recht. Das klingt nach Rehaugen, dunkelblonden Locken bis zum Schulterblatt und einem verzückend natürlichen Lächeln. Dens affiniert doch mehr mit einem aknegeplagten Sachsenbub.

  6. .. hab ich doch schon seit Munds- und Kindesbeinen so gesprechet! Amen!

  7. Und zur Dena: Der Duden meint, dass die Desoxigedönssäure auf deutsch eben nicht DNS heißt, sondern DNA. Die Form DNS wird nur noch als „veraltend“ geführt. Außerdem klingt Dena viel schöner als Dens.

  8. In der Tat, Prof. Mortinus (herzlich willkommen übrigens), sind wir dem Wahren, Schönen, Guten, und vor allem dem Neuen verpflichtet. Ständig auf der Suche nach Wörtern, mit denen wir unsere deutsche Sprache (und Spreche) bereichern können. Sich über schlechte und unpassende Wörter aufzuregen, lohnt nur dann den Aufwand, wenn man eine Alternative dazu anbieten kann – um wieviel ehren- und würdevoller ist es doch, dem Deutschen ein schönes neues Wort zu schenken, als ein schlechtes altes (oder schlechtes neues) Wort zu verprügeln.
    Was der Wortist unter dem Wort Wortistik versteht, ist wie bei den meisten Neuwörtern eher unerheblich. Es kommt drauf an, was die Menschen daraus machen. Meinen eigenen Vorgarten, dieses Weblog, kann ich nach Kräften in Ordnung halten. Alles andere liegt in Volkes Hand.

  9. Also was ich meine ist: Echauffiert sich ein Wortist über Sprachverhunzung oder kann er sie auch selbst betreiben?
    Was mir gerade noch einfällt ist, dass Dena ja eigentlich einen Anglizismus implementiert, denn deutsch müsste es doch Dens heißen. Denn Dena ist nicht die Abkürzung von Desoxygedöns-Säure sondern von desoxythingy-acid. Ich dachte ich erwähne das mal, also natülich so ganz ohne irgendjemand zunahetreten zu wollen, weil ich nämlich die Erfahrung gemacht habe, dass, wenn man die Leute fragt, was der Unterschied zwischen DNS und DNA ist, kaum einer eine Antwort hat.

  10. Natürlich gibts die Spreche. Ich stelle das mal außer Zweifel. Nach gefühlter Linguistik bezeichnet das aber – wie auch die Schreibe – den Duktus des Sprechenden, also etwas ganz Individuelles und nicht etwa Slang oder Jargon. Hätte allerdings auch nichts dagegen, das dahingehend aufzubohren. Dann müsste man aber auch ugs., vulg. oder pej. von Quatsche, Lalle und Ohrabkaue reden dürfen. Und da steuern wir vielleicht auf ein Dilemma zu, denn ich frage mich, wie hieße das denn bei Quasseln oder Labern?
    Da ich heute das erste mal hier bin und es mir doch noch am Überblick fehlt hätte ich da gerademal noch die Frage: Ist Sprachverhunzung auch Wortistik? Ist Wortistik neutral gemeint oder steckt da was Hehres drin?

  11. Erst kostenlos Korrektur lesen und dann dem Börsenverein auch noch das Altpapier entsorgen – das ham wir gern so was!

    Warum soll es nicht „Spreche“ geben, „Schreibe“ gibt’s doch auch?

  12. Gibts die nicht längst? Na, vielleicht ist es auch nur die Denke, an die ich da denke.