Urbaum

von Christian Dombrowski:

Eine Horde Urbäume auf Madeira zwischen Wind, Nebelschwaden und treibendem Regen. Das ruppige Wetter passt genau zu diesem Wald, der eher den Gnomen und Elfen anzugehören scheint als den Menschen. Die Bäume haben Felle aus Moos und Flechten und sind so alt, dass Teile von ihnen schon tot sind, Opfer großer holzfressender Pilze. Andere Teile leben weiter, zweigen und wurzeln aufs neue an und bringen Phantasmen an Kronen und Stämmen hervor.

„Urbaum“. Wenn man das Wort  ein einziges Mal gehört hat, erscheint es gleich sehr vertraut – mindestens so vertraut wie „Urwald“ und mindestens so anheimelnd wie „Urgroßvater“. Der Duden aber kennt es nicht, eigenartigerweise. Und das „Große Wörterbuch der deutschen Sprache“ kennt bloß „Urlinde“. Aber das ist kein Baum, sondern jemand anderes.

Urbaum, m: ein sehr alter oder sehr hoher Baum

Kommentare (-60)

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  1. Asche von Menschen in Urnen an Bäumen in heidnischen Hainen zu bestatten, wollen christliche Bischöfe nicht gestatten? Ungeweiht, das geht zu weit.

    Treu ist der Baum. Das englische „true“ und das deutsche „treu“ stammen vom Baume, vom tree (skandinavisch trae). Bevor das Adjektiv erfunden wurde, beschrieben die frühen Menschen Eigenschaften durch Vergleiche mit Tieren, Pflanzen, Dingen. Jemand ist (wie) ein Baum. Aus dem „wie etwas“ sein wurde das Adjektiv. Aus „wie ein Baum (tree) sein“ wurde treu sein.

    Solches Wissen über Wörter verdanke ich Klaus-Jürgen Haller. Dieser großartige Rundfunkjournalist i.R., gelernter Germanist und Philologe, war für viele Hörer lange Jahre „die Stimme“ von WDR2. Neben seinen Funktionen als Rundfunkjournalist, (legendärer) Moderator des Mittagsmagazins und Auslandskorrespondent erfreute er im Radio mit kleinen Beiträgen zur deutschen Sprache. Und die Ausführungen über den treuen Baum sind mir unvergesslich. Mein literarischer Urbaum.

  2. Könnte mit „Ur-Baum“ auch mein Final- oder Weiter-Lebensbaum gemeint sein, als mein persönlicher Freibaum in einem Friedwald…?

    Hochvermögende Erklärung:
    (Erklärung der Deutschen Bischofskonferenz)

    Die Konzeption des sogenannten „Friedwaldes“ (freier, unumfriedeter Wald; völlig naturbelassenes Waldgebiet; anonymes Urnenfeld; Baumsymbolik) lässt zentrale Elemente einer humanen und
    christlichen Bestattungskultur vermissen. Darüber hinaus sind bei dieser Bestattungsform weder ein christliches Totengedenken noch ein christlichreligiöses Brauchtum am Grab möglich (Kreuz, Licht, Weihwasserschale, Blumen). Die Deutung einer bloßen Rückkehr des Menschen in den Naturprozess liegt nahe. Das weltanschauliche Fundament der „Friedwald“-Konzeption ist das naturreligiöse Bekenntnis: „Der Baum ist Grab und Grabmal zugleich; er nimmt die Asche mit den Wurzeln auf als Sinnbild des Lebens über den Tod
    hinaus.“ Der Baum ist zwar ein altes und schönes Zeichen
    für den Kreislauf der Natur und ihres Lebens. Das menschliche Leben erschöpft sich aber nicht in naturhaften Abläufen. In Christus ist uns vielmehr verheißen, dass unser Leben mehr ist als ein Kreislauf von Werden und Vergehen, vielmehr werden wir am Ende unseres Lebens als unverwechselbare Personen von Gott auferweckt. Der „Lebensbaum“ der Christen ist darum kein noch so schöner Baum in der Natur, sondern das Kreuz Jesu Christi, das über den Gräbern aufgerichtet wird und den Tod von der Auferstehung her deutet.

    Ich bitte zeitlich genötigt um jeglich wähnenswerte Aus-, Bei- oder Abkunft. – Auch gene mit Zitaten aus dem CIC (Codex Iuris Canonici).

    Freibaum – ich komme!

  3. @kopflast
    Der Kopf als Sitz der „Grütze“
    braucht manchmal eine Stütze.
    „Mit Namen macht man keine Witze.“
    – gilt nicht für Pseudonyme.

    Wenn man sich unter`s Kinn fasst,
    vermindert das die Kopflast?
    Nicht wirklich, aber sie ist dann leichter zu (er)tragen.

  4. Das ist vielleicht der schönste, kreativste, sinnvollste Blog, den ich kenne. Solcherart Denken und Beobachten braucht es.
    Sehr schön.

  5. Lieber Polyphem, ich hatte mit mir selbst gewettet, dass Du dieses Gedicht zitieren würdest, und Du hast mich nicht enttäuscht. Und bist und bleibst der gebildetste und verspielteste Zyklop, den ich kenne!

  6. Werte kopflast (welch Pseudonym!), die Bäume, die ich oben beschreibe, habe ich Anfang 2006 auf Madeira gesehen. Es sind Lorbeerbäume wie jene, die Du auf Gomera besucht hast. Nein, besonders hoch sind sie nicht, aber ehrfurchtgebietend durch ihr unvordenkliches Alter und durch ihren Wuchs, ihre Gestalten, so knorrig, bizarr und eigenwillig… Beide Inseln, Gomera wie Madeira, liegen in der nebelsatten Strömung der Passate und fächern mit ihren Wäldern Wolken aus dem Wind. So erhalten sich dort Biotope von Lorbeerbäumen, die viel Feuchtigkeit brauchen, seit langer Zeit.

    Auch Madeira war früher ein einziger Wald. Aber der portugiesische Name der Insel, der auf deutsch „Holz“ bedeutet, deutet Dir schon an, was aus den meisten Bäumen geworden ist. Erhalten hat sich ein vergleichsweise armseliger Restbestand im Bergland. Der ist aber immer noch so eindrucksvoll und schön, dass man nur so staunt, wenn man darin steht.

    Und übrigens: Willkommen im Club!

    Christian Dombrowski

  7. Nachtrag – für die, die zwar das „Große Wörterbuch der Deutschen Sprache“ aber nicht das „Große Heinz-Erhardt-Buch“ zur Hand haben: 🙂

    „Urlaub im Urwald

    Ich geh im Urwald für mich hin…
    Wie schön, dass ich im Urwald bin:
    Man kann hier noch so lange wandern,

    ein Urbaum steht neben dem andern.

    Und an den Bäumen, Blatt für Blatt,
    hängt Urlaub.
    Schön, dass man ihn hat!

  8. Immer dieser Wahn, dass Urbäume Menschen „zugehören“ oder dass den Menschen Lorbeerwälder gewachsen sind. Wenn Mann so alt ist wie ich, wachsen ihm die Nase und die Ohren zu. Mit Haaren. 🙂

    P.S.: Literaturempfehlung: Heinz Erhardt – „Ur-Laub“.

  9. Werter Christian,

    dieses Gefühl von urtümlicher Pflanzenkraft habe ich auf Gomera kennengelernt. Dort ist den Menschen ein Lorbeerwald gewachsen. Gleich eine Vielzahl zum Urbaum, dem Vater aller Bäume, ein Urwald. Und obwohl der Lorbeerwald nicht in himalayanischer Höhe liegt, ziehen Wolken mitten durch ihn hindurch.
    Der Urbaum ist dann allerdings kein sehr hoher Baum.

    Deutschland, habe ich einmal gelesen, sei in der Vergangenheit ein einziger Wald gewesen. Inzwischen dürfte jedoch von den alten und sehr alten Bäumen kaum noch einer dabei sein.
    Wenn so ein Baum Pech hat, dann lebte er auf dem Stadtgebiet von Köln. Hier hat gerade das Grünflächenamt aufgeräumt und nur noch Stümpfe zurückgelassen!

    Schön das sich mal einer um die ganzen schönen Worte kümmert 😉

    Mach et jut

    kopflast