halbtragisch
von Detlef GuertlerEin merkwüdiges Adjektiv, dass sich da der Schriftsteller Bodo Kirchhoff hat einfallen lassen, um in der WamS Peter Hartz zu beschreiben. Wobei auch die Erklärung, die er dazu liefert, nicht wirklich zur Aufklärung beiträgt: “Jemand wie er leidet unter Selbstüberschätzung und stolpert über sein eigenes Handeln. Er machte sich die Selbstverliebtheit der Politiker und Betriebsräte zunutze. Er ließ ihnen Zuwendungen zukommen, die ihr Leben temporär verbesserten. Diese Verbesserungen stehen in keinem Verhältnis zu der Lebensverschlechterung der unzähligen Betroffenen.”
Trennt also wirklich das verurteilungswürdige Motiv die Tragödie von der Halbtragödie? Dann gäbe es vermutlich keine einzige Tragödie mehr auf dem Spielplan derTheater – eine ordentliche Schurkerei gehört nun mal zu jeder Tragödie.
Hingegen ist das klassische Element der Tragödie, die Unentrinnbarkeit der Vernichtung, im Fall Hartz geradezu prototypisch ausgeprägt: Auf Piechs Rat hin hat Hartz die Betriebsräte mit jungem Fleisch geködert, damit sie mehr als zehn Jahre treu und brav die für VW äußerst ungünstigen Verträge mit Porsche bzw. der Porsche Holding absegnen. Aber 2005 brauchte Piech die Gewerkschafter nicht mehr und ließ sie über die Klinge springen – den spendablen Gewerkschafterfreund im VW-Vorstand gleich mit dazu.
Hätte er rechtzeitig ausgepackt, er hätte zumindest seine Ehre retten können; aber dafür wahrscheinlicham eigenen Leib erfahren, was Ferdinand Piech mit Leuten anstellt, die partout nicht ihre Klappe halten.
Wenn also jemand einen Stoff suchen sollte, um mal wiedereine Tragödie geau nach klassischem Rezept aufzuführen: einen besseren als die VW-Sage gibt es nicht.
Kommentar schreiben
Ja, Dank! – Zr Gänze aufgezeigt:
Diese Männers – Manager des Kapitals und ihrer Gunstmöglichkeiten – markieren keine tragischen Gestalten.
Sie sind als halbe Menschen nur Normal-Politiker auf der öffentlichen Bühne mit ihren Halbschatten.
Sie sind keine fürstbischöflichen oder kaiserlichen Marschälle mehr mit mordender und brennender Soldateska; sie bewegen per Verteilen, Zuweisung und Buchung Millionen oder Milliarden – in einer Halbdemokratie.
“Eine ordentliche Schurkerei gehört nun mal zu jeder Tragödie.”
Bei Shakespeare waren die Schurken Menschen. Bei den alten Griechen machten sich die Götter einen Spaß daraus, ein armes Menschlein an eine Weggabelung zu setzen und es ins Dilemma zu schicken. So hart hat es Peter Hartz nicht getroffen.
Neben der Endung …mäßig gibt es für die standardisierte Adjektivisierung noch das angehängte …haft. Herzhaft nennt man z.B. Speisen, die deftig, kräftig sind. Damit wenigstens ein Adjektiv von jener halbtragischen Existenz bleibt, schlage ich “hartzhaft” vor für das, was Schwaben “Geschmäckle” nennen. Allerdings nur auf Bewährung.
Das ist ja sehr hartzhaft bei Siemens. Gibt es den Kleinfeldblog noch?
Hartzhaft könnte übrigens auch als Substantiv verwendet werden.
“Hartzhaft” als Synonym für eine ausgekungelte Bewährungsstrafe
Pingback: www.inadäqu.at » language, langwitch im sandwitch
@antoninus:
Ist eine Halbdemokratie eine Schein-Demokratie?