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vonDetlef Guertler 27.03.2007

Wortistik

Neue Zeiten brauchen neue Wörter. Doch wer trennt die Spreu vom Weizen? Detlef Gürtler betätigt sich als Wortwart der Nation.

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Gerade eben noch wurde an dieser Stelle der Kobiwahn beschrieben, wonach alle Produkte, die etwas auf sich halten, aus KOntrolliert BIologischem Anbau sein müssen, da dürfen wir uns auf den nächsten ökologischen Marketingtrend freuen: Demnächst werden alle Produkte, die etwas auf sich halten, mit ihrem positiven Effekt auf das Weltklima werben.

Vorgemacht hat es natürlich Toyota mit seinem Hybrid-Auto Prius (das übrigens im gleichen Jahr auf den Markt kam, in dem Audi den allerersten Serienwagen mit Hybridantrieb wieder vom Markt nahm, wegen zu geringer Verkaufszahlen), jetzt ziehen, wie überraschend, die Hersteller von Recyclingpapier nach: „Recyclingpapier ist Klimaschutzpapier“, sagt Franz Winterer, Sprecher der Initiative pro Recyclingpapier.

Das Wort Klimaschutzpapier hat rein marketingmäßig nicht nur die Umwelt auf seiner Seite, sondern auch den Rhythmus. Singen Sie einmal „Rettet die Welt mit Klimaschutzpapier!“ auf die Melodie von „We all live in a yellow submarine“, und sie kriegen das Zeug nie wieder aus dem Ohr (musikalisch natürlich). Wir dürfen (oder müssen) davon ausgehen, dass sich das Klimaschutz-Etikett nach und nach in immer mehr Produktbereichen durchsetzen wird. Klimaschutz-Lampen, Klimaschutz-Milch, Klimaschutz-Sofas etc. Wobei vermutlich bei häufiger Verwendung schon bald die etwas umständliche Langfassung „Klimaschutz-“ durch „Klima-“ ersetzt werden dürfte: Bucht Klimahotels, esst Klimaspargel, kaut Klimakaugummi – mit der Stiftung-Klimatest-zertifizierten besten CO2-Bilanz aller Kirschgeschmack-Kaugummis!

Bekanntlich muss alles, was irgendwie mit Marketing zu tun hat, erst mit einem superneu-schnieken Trendwort beklebt werden, bevor sich die Produktmanager von Unilever oder Beiersdorf trauen, auf den Zug aufzuspringen. Da der hierfür üblich verdächtige Matthias Horx gerade damit beschäftigt ist, die Menschheit in Zukunfts-Optimismus zu baden, ist er dafür gerade nicht abkömmlich.

Da der Wortist hingegen seinen Beitrag zum Zukunfts-Optimismus bereits vor fünfdreiviertel Jahren veröffentlicht hat, hat er gerade freie Kapazitäten für die Erschaffung von Marketing-Trendwörten. Und siehe da: Völlig überraschend hat noch niemand, in Worten: niemand, bislang das Substantiv Klimismus oder das Adjektiv klimistisch oder das Verb klimisieren verwendet. Also tun wir das doch einfach: Klimismus bezeichnet ab sofort die Aufladung herkömmlicher Produkte mit Klimaschutz-Aspekten, die dafür gestartete Werbekampagne ist klimistisch, und wenn der Kunde das Zeug dann tatsächlich wie bescheuert kauft, wurde das Produkt (und/oder die Zielgruppe) erfolgreich klimisiert.

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https://blogs.taz.de/wortistik/2007/03/27/klimismus/

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kommentare

  • In Regierungskreisen werden offenbar (endlich!) relativ weit reichende, zum Teil wirklich radikale Maßnahmen diskutiert, allerdings noch auf informellem Niveau, aber immerhin:
    – Der Preis für Trinkwasser wird (bei einem täglichen Mindestbedarfskontingent je Person zum Selbstkostenpreis) auf zwei Euro je Liter angehoben.
    – hohe City-Maut
    – Limitierung von Mobilität (Kilometerkonten, Kilometerhandel, Besteuerung des selben)
    – Einführung von “Ohne”-Tagen, z.B. 1 Tag im Monat kein Strom, 1 Tag im Monat kein Wasser, etc.

    Siehe
    http://potsdamprotokoll.blogspot.com/

  • […] Nachdem wir ja wissen, dass allein alle Stand-by-Geräte in Deutschland so viel Strom verbrauchen wie 7500 Biomassekraftwerke erzeugen (oder so ähnlich), geht es in Zeiten des Klimismus wohl darum, hier einen ökologisch korrekten Kampfbegriff zu finden – ein Wort, das man jedem entgegenschleudern kann, der immer noch nicht begriffen hat, dass nur ein komplett ausgeschalteter Fernseher ein guter Fernseher ist. […]

  • Ahnte ich was im Klimbischen System..?

    Wartete das magisch kryptische Wort Klimbim auf seine Entzauberung; auf den Kuss des Wortisten!
    Hat das sensibel terroristische Klima schon lange mit seinen Störungen vorgearbeitet, um Kopf (Brocasches Sprachzentrum), Zunge (aller Sprachen) und Lippen (aller Genera) zu irritieren – bis endlich „anthropogen werbemäßiger Klimismus“ diagnostiziert werden kann?

    Aber die Therapie?
    Tacismus – im Getöne absoluter Stille?
    Klimistisch analog : Ihr werdet in den Wind schweigen. (1 Kor 14,9) im Zeugma mit: Den ihr gesät habt (Hos 8,7).

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