18.03.2007 von Detlef Guertler
von Christian Dombrowski:
Eine Horde Urbäume auf Madeira zwischen Wind, Nebelschwaden und treibendem Regen. Das ruppige Wetter passt genau zu diesem Wald, der eher den Gnomen und Elfen anzugehören scheint als den Menschen. Die Bäume haben Felle aus Moos und Flechten und sind so alt, dass Teile von ihnen schon tot sind, Opfer großer holzfressender Pilze. Andere Teile leben weiter, zweigen und wurzeln aufs neue an und bringen Phantasmen an Kronen und Stämmen hervor.
„Urbaum“. Wenn man das Wort ein einziges Mal gehört hat, erscheint es gleich sehr vertraut – mindestens so vertraut wie „Urwald“ und mindestens so anheimelnd wie „Urgroßvater“. Der Duden aber kennt es nicht, eigenartigerweise. Und das „Große Wörterbuch der deutschen Sprache“ kennt bloß „Urlinde“. Aber das ist kein Baum, sondern jemand anderes.
Urbaum, m: ein sehr alter oder sehr hoher Baum
17.03.2007 von Detlef Guertler
von Christian Dombrowski:
Mit unregelmäßiger Regelmäßigkeit trifft man auf Bücher, die mit dem einzigen Ziel verlegt oder geschrieben worden zu sein scheinen, möglichst viele Menschen in Empörung zu versetzen. Geschäftlich ist das eine Rechnung, die oft aufgeht. Denn der Buchmarkt ist schließlich kein Ort des Schönen und Wahren, wo das Bessere stets der Feind des Guten wäre. Auch eine große Frechheit erregt die Aufmerksamkeit und Kauflust.
Man könnte bei derlei Produkten von „Empörbüchern“ sprechen.
Aktuell erfüllt Frau Hermans „Eva-Prinzip“ genau die Kriterien für diese Kategorie.
Empörbuch, n.: ein Buch, das eine These verficht, über die sich viele Menschen empören oder empören sollen
16.03.2007 von Detlef Guertler
Ein hübsches Wort, das der Kölner Stadtanzeiger in seine Überschrift zum Bericht über Takafumi Horie gesetzt hat. Leider nur klanglich hübsch, denn dem Gründer und Aufpuster des Internet-Unternehmchens Livedoor fehlt ein zentrales Element, das den Kamikaze schon immer ausgezeichnet hat: der Selbstmord. Wie alle hiesigen Feld-, Wald- und Aktionärsbetrüger hierzulande hat Horie zwar gemeinsam mit dem Vermögen vieler Aktionäre auch sein Unternehmen vernichtet, aber für ihn persönlich kann von Vernichtung keine Rede sein – kaum einer dieser charismatischen Börsenstars ist so dumm, nicht rechtzeitig vor dem Platzen der selbsterzeugten Blase ein Sicherheitspolster anzulegen.
Also, lieber Stadtanzeiger: das nächste Mal, wenn ihr euren Lesern erklären wollt, dass ein Bericht von einem Japaner handelt, schreibt einfach “Japaner” in die Überschrift.
15.03.2007 von Detlef Guertler
Die für ein Wirtschaftsblatt erstaunlich viel Humor praktizierende Financial Times Deutschland gönnt sich seit einigen Tagen in ihrer Satire-Rubrik “Das letzte” die Serie Powerdeutsch. Es handelt sich dabei um mal mehr, mal weniger treffende Bemerkungen über den Umgang von Managern mit Menschen und Worten, wobei es dem Wortisten hier gar nicht so sehr um eine Rezension dieser Serie geht, sondern eher um die noch verborgenen Potenziale dieses Wortes: Powerdeutsch!
Wäre das nicht eine wunderbare Alternative zum Allerweltsenglisch? Die Deutschen sind ja weltberühmt für ihren traditionellen Willen zur Macht, und keine Sprache der Welt eignet sich besser für die Hundedressur als das zackig-preußische Deutsch. Wird in Zukunft jeder globalisierte Manager, der etwas auf sich hält, ein paar deutsche Begriffe in seine Redebeiträge einflechten müssen, um hip zu sein – mal “zack-zack”, mal “Problemlösungskompetenz”, je nach Anlass?
Wäre ich das Goethe-Institut, würde ich ja sofort einen Wettbewerb für Powerdeutsch-Beobachtungen starten.… weiter lesen
12.03.2007 von Detlef Guertler
Ich gebe zu, ich war zu hart. Zu hart zu den Kollegen von der Aktion Lebendiges Deutsch und ihrem Versuch, eine Eindeutschung für Spam zu finden. Der eigentliche Zweck dieser Suche ist zwar erwartbar misslungen: E-Müll ist uncharmant und klanglich sperrig, chancenlos gegen das schlängelnd-zischende Spam. Insoweit kann ich mich also mit meiner letztmonatigen Einschätzung bestätigt fühlen: “Es gibt keinen Grund, hier irgendeinen Änderungsbedarf zu sehen.”
Aber: Bei den von den Aktionisten genannten weiteren Vorschlägen war einer, der mir ganz ausnehmend gut gefallen hat: Netzpest. Das passt zwar nicht wirklich zum Spam (der ist ja nicht ansteckend), würde sich aber ganz hervorragend eignen, um alles und jeden abzuqualifizieren, der/die/das sich im Internet breit macht und das besser bleiben lassen sollte. Stefan Niggemeier könnte Frank Huber als Netzpest bezeichnen, und Peter Turi macht das gleiche mit weiter lesen
11.03.2007 von Detlef Guertler
Von Christian Dombrowski:
Ramila, unsere indonesische Freundin, war aufgeregt: Ein ganzes Jahr lang sollte sie in Deutschland leben, um ihr Deutsch zu verbessern… Was für ein Abenteuer! Nun stand der weite Flug unmittelbar bevor.
„Heute kaufe ich Tiket“, schrieb sie per E-Mail an meine Frau. „Also fliege Freitag. Holt ihr mich im Flughafen ab? Wenn alles ist klapp, lande ich Samstag 6 Uhr 15 in Frankfurt. Bitte, wenn ihr Zeit habt, holt ihr mich im Flughafen ab?“
Natürlich standen wir Samstag früh in Frankfurt am Flughafen. Und alles war klapp. Ramila traf pünktlich ein und freute sich sehr, dass wir da waren. Ihr kleines braunes Gesicht unter dem Kopftuch erstrahlte richtig. Auch die nette Familie, bei der sie als Au-pair-Mädchen arbeiten sollte, war gekommen. Ein richtig großer Bahnhof für Ramila!
Eine ihrer ersten Fragen war übrigens, ob sie denn in Deutschland auch Schnee sehen würde. Den gibt es nämlich nicht… weiter lesen
10.03.2007 von Detlef Guertler
von Christian Dombrowski:
„Wenn die Erde im Klimaschock vegetiert“, schreibt Daniel Haas in seiner Kolumne auf Spiegel Online, „muss man ein Zeichen setzen.“ Er habe deshalb damit begonnen, auf dem Weg zur Arbeit Autos zu zerkratzen. In die Kühlerhaube von Wagen ab 100 PS ritze er eine Zeichnung, die sich gegen das Männlichkeitsgehabe der Besitzer wendet. Dazu das Wort „Klima-Nazi“. Haas nennt das eine „gravierende Maßnahme.“
Der Text ist selbstverständlich nicht ernst gemeint. Das Wort „Klima-Nazi“ jedoch hat alle Anlagen zu einem markigen Kampfbegriff. Wir werden es in Zukunft wohl häufiger hören.
09.03.2007 von Detlef Guertler
Nach ein paar Tagen Dienstreise endlich wieder zu Hause. Clemens zeigt mir gleich als erstes seine neue Zahnlücke. Die erste! Und weil ihm die Zahnfee dafür ein paar Dinosaurier vorbeigebracht hat, wird mir als nächstes seine dadurch erklecklich gewachsene Dino-Sammlung präsentiert. Das heißt: Jetzt sind es zwei Sammlungen. “Kuck mal, Papa, das hier sind die Fleischer, und das da drüben sind die Graser.” Paläobiologisch gesehen kann man sicherlich darüber streiten, ob der Stegosaurus wie von Clemens eingeordnet ein Pflanzenfresser war; und wortistisch gesehen scheint mir der “Graser” kein hundertprozentig geeigneter Ersatz für den “Pflanzenfresser” zu sein. Aber zur Abwechslung hier und da mal eingestreut, das hätte schon was. Denn auch wenn die Kuh heutzutage eher mit Sojaschrot gefüttert wird, so ist und bleibt sie doch ein Graser.
Den “Fleischer” hingegen wird man wohl kaum entsprechend verwenden können. Es sei denn natürlich, man ist fünf Jahre alt.
06.03.2007 von Detlef Guertler
Wenn die Präsidentschaftskandidatin Segolene Royal Veranstaltungen im ganzen Land abhält, bei denen die Leute Reden und Vorschläge machen, und sie nur zuhört und die Wunschzettel einsammelt, dann nennen ihre Gegner das, wenn ich der Zeit glauben darf, “Gesellschaftskaraoke” (wenn ich Reuters glauben würde, hieße es “Politik-Karaoke”, aber das kann ja nicht sein, weil der Zeit-Text drei Wochen nach der Reuters-Meldung veröffentlicht wurde, und die Kollegen von der Zeit diese Wochen bestimmt genutzt haben, um intensiv den richtigen Wortlaut zu recherchieren).
Wenn wir das Wort ernst nehmen, lautet der Vorwurf also, dass hier billige Volksbelustigungen veranstaltet werden, bei denen einzelne Leute sich zum Affen machen, weil sie etwas vorführen, was sie nicht können. Komisch: Das ist genau die Vorstellung, die sich bei mir immer einstellt, wenn ich Politiker große Reden schwingen höre. Ist nicht eine Bundestagsdebatte weit eher eine Karaoke-Veranstaltung als diese Royal-Foren.
“Ich verstehe nicht,… weiter lesen
05.03.2007 von Detlef Guertler
Selbst die allerschärfsten Befürworter der RAF haben nie behauptet, dass diese einen positiven Einfluss auf die deutsche Sprache gehabt hätte. Verquaste Phrasen, halbverdautes Politwelsch, Guerrillagewäsch vom langweiligsten: Wenn es sonst keine Gründe gäbe, diesen Laden zu verabscheuen, allein schon aus sprachästhetischen Gründen hätte die RAF schärfstens bekämpft werden müssen.
Ganz in dieser von ihm selbst so lange gepflegten Tradition steht nun Christian Klars Wortschöpfung, der Meinungsblockwart. Die Junge Welt zitiert dankenswerterweise nicht nur das Wort, sondern gleich den ganzen Satz, in dem es stand: »Niemand von diesen Meinungsblockwarten fand es interessant, bis eben genau einen Tag vor der Vollzugsplankonferenz der JVA Bruchsal«, schrieb Klar in einem Brief über die multimediale Kritik, die sich vor einer Woche an seinem Rosa-Luxemburg-Grußwort vom Januar entzündete.
Saudumm, dieses Wort. Denn selbst wenn man in Klars Denke bleibt, haben sich die Medien hier eben NICHT als Blockwarte verhalten. Ein Blockwart ist schließlich… weiter lesen