30.04.2007 von Detlef Guertler
Wenn Stefan Raab einen DSDS-Kandidaten in RAF-Manier als Gefangenen von RTL posieren, schäumt der TV-Teil der Medienwelt über. Wenn Dirk und Mac in Fahndungsfoto-Manier einen Bundesinnenminister als “Stasi 2.0.” karikieren, passiert selbiges im Internet-Teil der Medienwelt.
Nun sind wir hier zwar für Überschäumungen jeglicher Art nicht zuständig, aber dafür für Neuwörter. Und zwar erfüllt “Stasi 2.0.” dieses Kriterium nicht, aber dafür die Schäublone – also die Schablone, mit der man die Schäuble-Fahndungskarikatur an Haus- und sonstige Wände sprühen kann.
Man muss weit zurückgehen, um einen ähnlich putzigen Umgang mit Ministernamen zu finden. Nämlich gut 40 Jahre, und ins Bundesland Nordrhein-Westfalen, wo Kultusminister Paul Mikat, um die Babyboomer-Schüler irgendwie unterrichten zu können, unstudierte AushilfslehrerInnen einstellte – die Mikätzchen.
Doch während die Mikätzchen es auch heute noch auf viele Treffer und einen Wikipedia-Eintrag bringen, wird die Schäublone wohl nur über eine wesentlich begrenztere Lebensdauer verfügen – etwa doppelt… weiter lesen
29.04.2007 von Detlef Guertler
Clemens rülpst beim Abendessen. Wie üblich sagt er “Schulz!” – “Schulz!”, antwortet Lucie, und gleich darauf “Dauerschulz!”, denn wer “Dauerschulz!” sagt, muss nicht mehr jedesmal “Schulz!” sagen, wenn jemand anderes rülpst und deswegen “Schulz!” sagt.
“Wie lange dauert eigentlich Dauerschulz?”, will Clemens wissen. “Einen ganzen Tag”, weiß Lucie. Leonie weiß es besser: “Nicht EINEN ganzen Tag, sondern nur DEN ganzen Tag. Um Mitternacht ist es vorbei.” Jetzt will Lucie es auch besser wissen. “Um Mitternacht gilt es noch. Erst eine Sekunde NACH Mitternacht ist es vorbei. Oder eine Millisekunde. Oder eine Trillisekunde.”
Wenn die Kinder schon alles besser wissen, wäre es nicht nur uncool, wenn der Vater es noch besser weiß und erklärt, dass es die Trillisekunde gar nicht gibt, sondern dass nach der Millisekunde die Mikrosekunde und schließlich die Nanosekunde kommen. Es wäre auch wortistisch nicht korrekt. Denn gerade weil zwar bei großen Zahlen die Trillion, aber niemals bei… weiter lesen
28.04.2007 von Detlef Guertler
Gerade auf dem Grabbeltisch im El-Caballo-Outlet in der Altstadt von Marbella einen Gürtel gekauft und auf dem Tisch daneben ein Schild entdeckt: “neceseres 8 €”. – “Heißt das auf spanisch wirklich neceser?”, frage ich meine Frau. “Ja klar. Auf deutsch heißt es ja auch so.” – “Aber auf deutsch schreibt sich das Necessaire, weil das Wort aus dem Französischen kommt.” – “Auf spanisch kommt das Wort auch aus dem Französischen, und trotzdem schreibt der Spanier es natürlich neceser, weil der Spanier alles so schreibt, wie man es spricht.” – “Dann könnten wir das auf deutsch eigentlich auch machen.” – “Aber bitte mit großem N.”
27.04.2007 von Detlef Guertler
Der Schnäppchenjäger und ihrer Werbesprüche wurde an dieser Stelle bereits mehrfach gedacht. Von LeserIn Tonnenmaus kommt nun ein weiterer Vorschlag: Sparität. Der/Die Vorschlagende bezeichnet das Wort selbst als “die blödeste Wortschöpfung der letzten 10 Minuten”, aber so weit muss man da nicht gehen. Warum soll man Schnäppchenjäger oder “preisbewusste” Kunden nicht als Sparitäter bezeichnen. Und wenn alle Mittelmeerbadeorte und -inseln von sich sagen, dass sie den Qualitätstouristen ansprechen, wissen wir doch alle, dass sie am Ende doch nur die Sparitätstouristen bekommen.
Das unterschiedliche Einkaufsverhalten von Männlein und Weiblein an Schlussverkaufstagen könnte man folgerichtig als Geschlechter-Sparität bezeichnen…
26.04.2007 von Detlef Guertler
Da sage noch einer, im Internet-Zeitalter breite sich Information mit Lichtgeschwindigkeit aus. Schon vor zwei Jahren hat die Deutsche Forschungsgemeinschaft beschlossen, einen Sonderforschungsbereich “Gentelligente Bauteile” an der Universität Hannover zu fördern, und vergangene Woche erst hat sich die Zeit als erstes ordentliches Medium des Themas angenommen, und das hat die Wortwarte gemerkt, und dadurch schließlich der Wortist. Wer weiß, wie lange es noch dauert, bis die Gentelligenz in der Bild-Zeitung oder gar im Spiegel auftaucht!
Inhaltlich ist diese Wortschöpfung allerdings ein wenig problematisch. Für die Hannoveraner Produktionstechniker mit ihrem Sonderforschungsbereich ist es ganz bestimmt eine revolutionär neue Erfindung, wenn sich Kurbelwellen an ihr bisheriges Leben erinnern und ihre Memoiren schreiben können. Der Rest der Welt denkt bei Gentelligenz hingegen an die vererbte, also genetisch bedingte Intelligenz beim Menschen, was nun wiederum mit dem Thema der Produktionstechniker nichts zu tun hat.… weiter lesen
24.04.2007 von Detlef Guertler
Hallo Wortist,
schreibt Kaishakunin,
schon das Interview in der heutigen Zeit gesehen?
ZEIT online 24.4.2007 – 15:40 Uhr
Mrozeks Liste
Wörter wie “knorke” und “Bandsalat” sind vom Aussterben bedroht, meint Bodo Mrozek. Schon 3000 solcher Wörter hat er gesammelt. Gespräch mit einem Wortbestatter
Das verdient doch Unterstützung, oder?
Vielen Dank für den Hinweis, lieber Kaishakunin. Da die Zeit nicht zu meinen regelmäßigen Lektüren gehört (das zu erklären wäre eine lange Geschichte, die nicht nur mit Giovanni di Lorenzo zu tun hat), entgeht mir so was schon mal. Unterstützung verdient hierbei vor allem das Wort “Wortbestatter”, das offensichtlich von der Zeit-Redaktion speziell für diesen Anlass erfunden wurde, jedenfalls bei Google keine weiteren Treffer produziert.
Allerdings ist Mrozek mitnichten ein Wortbestatter, da er ja gerade nicht die Absicht hat, ein Wort unter die Erde bzw. in Vergessenheit zu bringen, sondern ganz im Gegenteil diese retten möchte –… weiter lesen
24.04.2007 von Detlef Guertler
Es war schon spät gestern abend, und es war irgendein Werbeblock auf Sat.1, da ist die Aufmerksamkeit ohnehin etwas eingeschränkt, aber plötzlich schreckte ich hoch: War da ein Neuwort in der Pizza-Werbung versteckt? Zu dem Standard-Bild “Pizza im Ofen” gab es den Nicht-Standard-Satz “wenn sie frisch im Ofen hochbackt”.
Nun mal abgesehen davon, dass eine Pizza nicht backt, sondern gebacken wird (aber Passiv-Konstruktionen mögen die Werbefuzzis nicht), und dass ich mir zu “hochbacken” eher ein Muffin oder ein Soufflé vorstellen möchte als eine Fertig-Pizza, ist die Schöpfung dieses haptisch-drastischen Wortes eine lobenswerte Leistung. Aber wen soll ich loben? War es eine Wagner-Pizza? War es Oetker? Meine Frau meint, Buitoni gehört zu haben, aber machen die überhaupt Pizzas? Wie gesagt, es war spät am Abend. Für sachdienliche Hinweise bin ich deshalb jederzeit dankbar.
22.04.2007 von Detlef Guertler
von Christian Dombrowski:
Da saßen wir nun auf der Bank am Hafen und beobachteten die Tauben, die zwischen den Steinen nach Körnern pickten oder Brotkrumen. Um genau zu sein: Wir beobachteten, wie die Täuberiche die Taubinen behelligten und bedrängten. Sie liefen zur Dame ihrer Wahl, plusterten die Federn auf und sträubten das Nackengefieder, so dass sie, im Rahmen ihrer Möglichkeiten, größer und prächtiger erschienen. Die Weiber aber wollten nichts wissen von solchem Getu und torkelten weg, unwillig gurrend.
Es war sehr unterhaltsam. Nicht zuletzt auch deshalb, weil man darüber nachgrübeln konnte, warum die Sprache in vielen Fällen kein Wort für etwas bereit hält, was in der Natur doch unzweifelhaft vorkommt: Für das weibliche Tier einer Art.
Nicht bloß die Deutschen sind in diesem Punkt nachlässig. Im Spanischen zum Beispiel bedeutet „paloma“ ganz allgemein „Taube“ und „palomo“ im speziellen die männliche Taube, den Täuberich. Nur bei Tieren, die seit langem… weiter lesen
22.04.2007 von Detlef Guertler
Verkehrsampeln sind Rot, Gelb, Grün. Nur die Fußgängerampeln nicht, die sind nur Rot und Grün. Allerdings gibt es zwei Rots: Das Rot, das heißt, dass man stehenbleiben muss, und das Rot, das heißt, dass man weiterlaufen muss – nämlich dann, wenn man bei Grün losgelaufen ist und mitten auf der Straße die Ampel auf Rot umschaltet.
Sie, werte Leser, wissen das natürlich. Aber wie sagt man’s seinem Kinde? Sagt man ihm, wie ich kürzlich: “Bei Rot die Straße zügig überqueren”, prustet es klarerweise ab sofort bei jeder roten Ampel: “Los, Papa, die Straße zügig überqueren!”
Wahrscheinlich wäre es besser gewesen, dem Geh-Rot ein eigenes Wort zu schenken: “Das ist nicht Rot, das ist Fastgrün.” Fastgrün bedeutet fast dasselbe wie Grün (gehen also, allerdings nur weitergehen), sieht allerdings ganz anders aus. Rot nämlich. Zur südländischen Straßenüberquerungsweise passt das ganz gut: Wenn kein Auto kommt, ist die Fußgängerampel nämlich grundsätzlich fastgrün.
21.04.2007 von Detlef Guertler
von Christian Dombrowski:
Wenn das Wetter bei der Gartenparty gut ist; wenn eine Parklücke sich auftut wie bestellt; wenn der lang vermisste Schlüssel vom Schreibtisch wieder auftaucht; wenn die Elektrikerrechnung glimpflicher ausfällt als vermutet; wenn im Kino kein langer Vordermann die Sicht auf die Leinwand versperrt; wenn ein netter Bekannter plötzlich den Weg kreuzt und genauso sympathisch ist wie beim letzten Treffen; wenn der Feierabend gekommen ist und die Tagesarbeit getan; wenn eine Sternschnuppe aufleuchtet am Himmel und man sich etwas wünschen darf: das Glück in kleiner Münze, als Alltagserfolg oder hübsche Überraschung: Erfreulichkeiten.