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vonDetlef Guertler 26.04.2007

Wortistik

Neue Zeiten brauchen neue Wörter. Doch wer trennt die Spreu vom Weizen? Detlef Gürtler betätigt sich als Wortwart der Nation.

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Da sage noch einer, im Internet-Zeitalter breite sich Information mit Lichtgeschwindigkeit aus. Schon vor zwei Jahren hat die Deutsche Forschungsgemeinschaft beschlossen, einen Sonderforschungsbereich „Gentelligente Bauteile“ an der Universität Hannover zu fördern, und vergangene Woche erst hat sich die Zeit als erstes ordentliches Medium des Themas angenommen, und das hat die Wortwarte gemerkt, und dadurch schließlich der Wortist. Wer weiß, wie lange es noch dauert, bis die Gentelligenz in der Bild-Zeitung oder gar im Spiegel auftaucht!

Inhaltlich ist diese Wortschöpfung allerdings ein wenig problematisch. Für die Hannoveraner Produktionstechniker mit ihrem Sonderforschungsbereich ist es ganz bestimmt eine revolutionär neue Erfindung, wenn sich Kurbelwellen an ihr bisheriges Leben erinnern und ihre Memoiren schreiben können. Der Rest der Welt denkt bei Gentelligenz hingegen an die vererbte, also genetisch bedingte Intelligenz beim Menschen, was nun wiederum mit dem Thema der Produktionstechniker nichts zu tun hat.

Wobei mir da auffällt: Wir streiten uns zwar mindestens seit Jahrzehnten darum, welcher Teil der menschlichen Intelligenz ererbt und welcher anerzogen ist, aber eigene Worte haben wir für diese beiden Intelligenzwurzeln bisher nicht gefunden. Also könnten wir doch (solange Bild und Spiegel die Hannoveraner Produktionstechniker noch nicht entdeckt haben) deren Wortschöpfung entwenden und frech behaupten, dass Gentelligenz ab sofort den ererbten Anteil unserer Intelligenz bezeichnet.

Und der erworbene, erlernte, den Umweltbedingungen geschuldete Teil der Intelligenz? Da plädiere ich für Vitelligenz, weil hier ja alles enthalten ist, was mit unserem Leben zu tun hat.

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http://blogs.taz.de/wortistik/2007/04/26/gentelligenz/

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kommentare

  • Touché ! Ein weiterer guter Grund, die taz zu mögen.

    Dem Vorschlag, die Intelligenz, die man durch Erziehung und das sonstige Leben erwirbt, Vitelligenz zu nennen, kann ich nicht folgen. Das assoziiert zu sehr mit Vi…
    Ach, es ist wohl Ironie.

    Da man der angewandten Intelligenz nicht mehr ansehen kann, wie sie erworben wurde, ist eine Differenzierung nach Gentelligenz und Vitelligenz nicht möglich. Belassen wir es also bei Intelligenz. Schön, wenn wir erleben dürfen, dass sie segensreich eingesetzt wird.

    Der „trennende Bindestrich“ soll mir helfen, einen ollen Witz zum Besten zu geben, der erzählt zwar besser kommt, aber ich versuche es mal geschrieben. Man stelle sich einen preußisch-berlinerisch-bellenden Feldwebel vor, der seine Soldaten anbrüllt: „Männa, ihr wollt telljent sein? Ihr seid nicht telljent! Ihr seid in-telljent.“
    (in memoriam Harald Juhnke) 🙂

    P.S.: Eltern intelligenter Kinder glauben an Vererbung.

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