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Beiträge von Mai 2007

31.05.2007

ferndenken

von Detlef Guertler

Ein hübsches kleines Gedenke von Harald Brandstetter übers Denken, das gleich zwei Neuwortvorschläge enthält: Slow Thinking, dem Slow Food nachgebaut, als ebenso genießerisches wie gründliches Denken, und Fast Thonk, dem Fast Food entsprechend, als “mediale Luftverschmutzung”, als einfach-mal-so-rausgeplapperte bzw. -gebloggte Gedankenpartikel.

Als Neuwörter möchte ich mir die beiden zwar nicht zu eigen machen (dafür bin ich ein zu großer Anhänger des schnellen Denkens, als dass ich die Denkgeschwindigkeit alleine als Bewertungsmaßstab übernehmen würde), aber sie haben mich doch dazu angeregt, über Denk-Wörter nachzudenken. Ein paar davon gibt es ja schon, vor allem vor-, nach- und quer- sowie be-, ge- und über- und natürlich aus-, aber zumindest zwei fehlen mir noch:

1. ferndenken: Das ist die bislang nicht in einem Wort lieferbare Antwort auf die Frage: “Was macht eigentlich ein Visionär?” Visionieren geht ja nicht, spinnen stimmt nur manchmal, vor- oder vorausdenken ist zu nahe an der Gegenwart für die mark- oder zwerchfellerschütternden Einsichten wahrer Visionäre, die man in Zukunft folglich auch Ferndenker nennen darf.

2. flachdenken: So wie die meisten Menschen heute nicht mehr richtig zuhören können, keine Tisch- oder sonstigen Manieren mehr haben, können die meisten auch nicht mehr richtig denken (oder war das schon immer so?). Das, was gemeinhin Denken genannt wird, aber nur vom Sofa bis zur Mattscheibe reicht, ist mit dem Wort denken viel zu gut bedient. Auch als leichtes, wenn nicht gar flaches Schimpfwort ist der Flachdenker gut geeignet.

30.05.2007

Puddingpädagogen

von Detlef Guertler

Es gibt unter Journalisten und sonstigen Wortkünstlern viele Philosophien des ersten Satzes. Er soll mit der Tür ins Haus fallen oder gerade nicht, er soll den Leser in die Geschichte hineinziehen, oder dem real existierenden Leser, der den Teufel tut, sich in irgendetwas hineinziehen zu lassen, die ganze Geschichte erzählen. Es gibt nicht viele unter diesen Philosophien, die als Einstiegssatz ein einziges Wort akzeptieren.

Aber was schert uns die Philosophie. Wenn sich ein altkluger 31jähriger an seiner Elterngeneration, den 68ern, reibt, ist es ein genialer Geistesblitz, die Geschichte mit diesem einen Wort zu beginnen. “Puddingpädagogen.” Alles, was die Helden der New Economy an den Helden der Teach-Ins so ankotzt, kommt in diesem einem Wort zusammen.

Dass der Rest des Artikels von Tobias Kaufmann eher im Belanglosen driftet (außer dem ebenfalls großartigen letzten Satz), ist da leicht zu verschmerzen. Wer uns einen Puddingpädagogen schenkt, darf danach gerne ein paar hundert Zeilen Langeweile verströmen – beim 68er-Thema geht das schließlich allen so.

30.05.2007

Mirokolose

von Detlef Guertler

Das wäre sicherlich ein neuer schöner Name für epidemische Zustände, wenn Stürmer nicht mehr ins Tor treffen, meint Wortistik-Leser André Kücklich. Je nach Vereins-Affinität oder aktueller Form mögen andere Leser das anders sehen.

Von der äußeren Form her eignet sich die Mirokolose in der Tat hervorragend als Krankheitsbeschreibung, und immer nur “Ladehemmung” sollte sogar Sportjournalisten zu langweilig werden. Allerdings ist die Zahl der von Fußballernamen abgeleiteten Neuwörter verschwindend gering, schon gar, wenn man sie an deren Einfluss auf die Vornamensgebung bei Neugeborenen misst. Einzig das “Müllern” fand einige Jahre Platz im deutschen Wortschatz, wie das Fußballlied von Fredl Fesl bewies:

Plötzlich müllert’s vor dem Kasten,
Das Volk schreit “Uwe”, wie mir scheint,
Da trifft der Müller glatt daneben,
Denn er war ja nicht gemeint.
Und Gerd Müller war immerhin über viele Jahre der Bomber der Nation. Von diesem Status ist Miro dann doch noch weit entfernt. Wenn die Mirokolose also vom Witz zum Wort werden soll, müsste sich die Abschlussschwäche bei Miroslav Klose über einen längeren Zeitraum hinziehen, eine halbe Saison mindestens – und rechtzeitig zum Beginn der WM geheilt werden.

29.05.2007

Alpträumer

von Detlef Guertler

Morgens, kurz nach 4. Ein Schatten huscht durchs Schlafzimmer, kommt näher und näher, eine Hand nimmt Kurs auf den Kopf des Wortisten, dreht kurz vorher ab, tippt ihm statt dessen auf die Schulter, so lange, bis er aus dem Schlaf hochschreckt. “Was ist los?!” – “Ich habe Alpträume”, sagt Lucie, und kuschelt sich im Bett so zwischen die Eltern, dass der Wortist es seufzend vorzieht, den Rest der Nacht auf dem Sofa zu verbringen.

Abends, kurz nach 7. “Mama, ich bin mit den Hausaufgaben fertig”, sagt Lucie. “Darf ich fernsehen?” – “Nein, darfst du nicht”, sagt Mama. “Gestern hast du stundenlang ferngesehen, als wir deine Schwester zum Flughafen gebracht haben, und prompt konntest du in der Nacht nicht schlafen. Einem Alpträumer wie dir scheint Fernsehen nicht gut zu bekommen.”

Bei Lucies Geschwistern kommt es schon immer wieder mal vor, dass irgendwelche Ereignisse des vergangenen oder des kommenden Tages so aufregend sind, dass sie lange nicht einschlafen können – aber wenn sie schlafen, schlafen sie. Nur Lucie steht immer wieder nachts auf der Matte, weil sie von ihren Träumen aufgeweckt wurde. Eine Alpträumerin eben; denn wenn es Träumer und Tagträumer geben darf, wird ja wohl auch der Alpträumer erlaubt sein.

28.05.2007

Citoyen

von Detlef Guertler

Anregungen von Lesern gab es hier schon häufiger – Aufträge bislang noch nicht. Aber irgendwann ist ja immer das erste Mal. Heute also kam ein Auftrag von Wortistik-Leser Rick. Und zwar folgender:

“Können Sie bitte ein Wort erfinden, dass Citizen adäquat überträgt. Ich nehme an, Einwohner trifft es nicht so gut.

Immer Bürger sagen zu müssen, empfinde ich als Gemeinheit, weil in meinen Augen das Bürgertum genauso viel hinterhältigen Dreck am Stecken hat, wie z.B. die Kirche, die vom atheistischen Teil des Bürgertums so Haltet-den-Dieb-mäßig für viele Zustände verantwortlich gemacht wird.”

Puh! Das ist, werter Rick, eines der schmerzlichsten Löcher im deutschen Wortschatz. Beklagt wurde es schon vielfach, wenn auch in der Regel nicht mit dem englischen, sondern dem französischen Sprachgebrauch als Vorbild: Der Franzose könne zwischen dem bourgeois und dem citoyen unterscheiden, also dem wirtschafts- und dem radikalliberalen, dem Spieß- und dem mündigen Bürger, während das Deutsche nur den einen Bürger kenne, der unterschiedslos auf bourgeois wie citoyen geklebt werde.

Akzeptable Füllungen für dieses Sprachloch wurden bislang allerdings nicht angeboten. Das sollten wir in der Tat ändern, und zwar so schnell wie möglich. Schließlich beginnt dieser Tage, am 2. Juni genauer gesagt, die Kette der Gedenktage zu “40 Jahre 1968″, was damals nicht nur den Sturz der Bourgeoisie als Ziel hatte, sondern auch (zumindest in Deutschland) die Klasse der Citoyens entstehen ließ.

Die ersten Vertreter dieser Klasse kann man zwar wahlweise als “Toskana-Fraktion” oder “Alt-68er” bezeichnen, aber gesucht wird ja gerade nicht eine Bezeichnung für eine solche konkrete Menschenansammlung, sondern für die abstrakte Gruppe jener die bürgerlichen Freiheiten und die Menschenrechte hoch haltenden Zeitgenossen.

Spontan in den Sinn kamen mir Wörter wie Mündige, Initiative, Bewegte, aber eine Lösung ist da noch lange nicht dabei. Wer sucht mit?

27.05.2007

Krippenkritikerin

von Detlef Guertler

nennt der neue Spiegel Eva Herman. Das hat vorher noch niemand getan – lediglich Walter Mixa wurde vereinzelt bereits mit der männlichen Variante des Wortes bedacht. Die wunderbare Kombination von Alliteration und Zungenbruch hätte allerdings eine höhere Verbreitung verdient.

Besonders schön, sowohl inhaltlich als auch wortistisch, wäre natürlich folgende Meldung: “Christliche Krippen kritisieren Krippenkritik von Krippenkritiker Mixa und Krippenkritikerin Herman”. Aber darauf werden wir wohl noch lange warten müssen.

26.05.2007

Doping-Gen

von Detlef Guertler

Wenn die entwickelte Welt anfängt, sich über FCKW oder PVC zu erregen, kann man davon ausgehen, dass ihre eigenen Produktionsstätten weitgehend abgeschrieben sind und in den Schwellen- oder Entwicklungsländern gerade größere Produktionskapazitäten für diese Stoffe aufgebaut werden. Und wenn die Radsportler tränenerstickt ihr EPO-Doping von vor zehn Jahren gestehen, kann man davon ausgehen, dass es längst andere Methoden gibt, mit denen man sich auf Leistung bringt.

“Die Pharmafront steht längst woanders”, nämlich beim “transgenen Doping”, schreibt heute die ehemalige DDR-Leistungssportlerin Ines Geipel in der “Welt” und kann uns berichten, dass schon 30 potenzielle Dopinggene ausgemacht worden seien.

Super: Aus aktuellem Anlass ein aktuelles Neuwort! So muss es sein, denke ich mir, füge lediglich den Bindestrich ein, weil  Doppingen eher wie eine schwäbische Kleinstadt oder irgendein Verb aussieht, und mache noch den Routine-Googleabgleich. Wie erwartet gerade mal eine Handvoll Treffer für Doppinggen, aber erstaunlicherweise hatte einer davon ebenfalls schon festgestellt, dass schon dreißig potenzielle Dopinggene ausgemacht worden seien: ein Artikel von Benno Vogel aus der Schweizer Wochenzeitung WOZ vom Juli 2006.

Die Ähnlichkeiten sind denn auch tatsächlich mehr als deutlich. Vogel schrieb vor fast einem Jahr:

“Rund dreissig potenzielle Dopinggene sind bisher bekannt. Sie tragen die Bauanleitungen für Blut- und Wachstumshormone, für Entzündungshemmer oder für Antischmerzfaktoren. (…) Die Resultate aus Tierversuchen sind zum Teil verblüffend. (…) Für Marathonläuferinnen könnte das PPAR-Gen von Interesse sein: Mäuse, die eine zusätzliche Kopie dieses Gens enthalten, laufen doppelt so weit wie üblich.”

Und hier die entsprechende Passage bei Frau Geipel:

“Rund 30 potenzielle Dopinggene sind mittlerweile bekannt. Sie tragen die Bauanleitungen für Blut- und Wachstumshormone, für Entzündungshemmer oder Antischmerzfaktoren. Die Resultate aus Tierversuchen sind dabei oft verblüffend. So das PPAR-Gen. Das dürfte demnächst für Marathonläuferinnen durchaus von Interesse sein. Denn Marathonmäuse, die eine zusätzliche Kopie dieses Gens enthalten, laufen einfach mal doppelt so weit.”

Womit nicht nur festgehalten werden kann, dass für das Doping-Gen Benno Vogel die Ehre der Neuwortschöpfung gebührt, sondern dass Frau Geipel auch noch ein bisschen daran feilen sollte, wie man ordentlich bei anderen Leuten abschreibt.

25.05.2007

Klicke

von Detlef Guertler

Regine Heidorn schlägt vor, die im Deutschen immer noch sehr französisierte Clique immer dann in Klicke umzubeworten, wenn es sich um Web-2.0.-Zusammenrottungen handelt, also Klick-Cliquen bzw. “Webseiten oder Blogs, die einen in sich geschlossenen Zirkel von Hyperreferrenzen bilden, in den Außenstehende nur schwer aufgenommen werden”. Gute Idee.

 

24.05.2007

Müllverschwendung

von Detlef Guertler

Auf dem Weg in die Tiefgarage, genau dort, wo man anhalten muss, um das Tor zu öffnen, hat ein Scherzbold zwei leere Zigarettenschachteln auf dem Mäuerchen platziert. “Papa, nimm die mit!”, fordert mich Lucie auf. “Was soll ich mit zwei leeren Zigarettenschachteln?” – “Na, wegwerfen!” – “Keine Lust.” – “Doch, Papa, bitte, das ist sonst Müllverschwendung!”

Das trifft. Wo wir uns ohnehin der konsequenten Nicht-Trennung unseres Hausmülls schuldig machen, und all die Ressourcen, die in unserem häuslichen Müll stecken, mit Verachtung strafen. Müllverschwendung ist in Deutschland eines der fluchwürdigsten Vergehen überhaupt und wird bestimmt bald ins Strafgesetzbuch aufgenommen.

Die bislang so vorbildlich im Kampf gegen die Müllverschwendung engagierten Staaten in Hinterasien und Lateinamerika zeigen leider deutliche Zeichen des Schwächelns. Während bislang die Armut dort so groß war, dass Hunderttausende von Menschen ihren Lebensunterhalt nur davon fristen konnten, auf den Müllkippen nach verwertbaren Resten zu suchen, birgt der steigende Wohlstand nunmehr die Gefahr, dass wertvolle Reststoffe ungenutzt vor sich hinmodern müssen.

23.05.2007

Konzernsponsoring

von Detlef Guertler

Eine lustige Funktion, die Stephan Althoff bei der Deutschen Telekom ausfüllt (oder zumindest hat): Leiter Konzernsponsoring. Wenn beim Sportsponsoring der Sport gesponsort wird, und beim Kultursponsoring die Kultur, wird ja beim Konzernsponsoring offensichtlich der Konzern gesponsort. Natürlich klingt das wesentlich besser als Subvention oder Vetternwirtschaft, und wenn das nächste Mal der Strom- oder der Benzinpreis erhöht wird, dürfen wir alle unser kleines Scherflein zum Konzernsponsoring beitragen.

Ach – mit Konzernsponsoring meint die Deutsche Telekom das Geld, das sie selber als Sponsor ausgibt? Dann sollte sie auch das passende Wort dafür verwenden.