imperialistig
von Detlef Guertlervon polyphem:
Der “Schutzwall” der DDR wurde “antiimperialistisch” genannt. Sind die G8-Schutzanlagen imperialistisch? Oder sind G.W. Bush und Kohorten schon weiter? Sind Sie imperialistig? Imperialistig als Beschreibung für “freundliche Übernahme” durch Export von Demokratie, Coca-Cola, Kaugummi und Killerspiele.
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Und als Substantiv gibt es dann nicht nur Der Imperialist und Die Imperialistin, sondern auch Die Imperialist.
In Südafrika gibt es eine ähnlich lustige Geschichte, nämlich jene der Anhänger der Apartheit, die heute ganz abgeschottet von der schwarzen Bevölkerung leben will…
Bleiben wir aber im guten, alten Europa. Man erlaube mir, dass ich dafür etwas ausholen muss: Uns Buchhändlern wird ja gerne (und zwar zurecht!) vorgeworfen, dass wir, obwohl wir überdurchschnittlich viel lesen, uns viel zu wenig mit Literatur über den Buchhandel beschäftigen. In dieser Logik eine Frage an den Wirtschaftseuropäer Gürtler: Würde man im Wettbewerb der Systeme als guter, alter Europäer nicht besser fahren, sich protagonistischer http://www.taz.de/blogs/wortistik/2006/07/01/protagonistischer-konflikt/ gegenüber Amerika zu verhalten?
Oder findet das still und heimlich, jedenfalls öfter als wir es vermuten und merken, jenseits der Bühne von Globalisierungsgegnern statt? Letztens kam als Randnotiz im Fernsehen, dass sich Amerika und Europa auf mehr gemeisame Standards im Automobilbau einigen wollen. Na hoffentlich nicht im Konsens.
Übrigens hat(te) Deutschland von Luther bis Töpfer auch einige Exportnieten zu bieten… Jedenfalls war nur einer der vielen amerikanischen Präsidenten katholisch.
Gruß aus dem Allgäu, W. Wilhelm
@Allgäu:
Wichtiges Element bei der Konstruktion von protagonistischen Konflikten ist die Existenz eines gemeinsamen Ziels. Die Tarifautonomie beispielsweise funktioniert ja nur so lange, wie die Gewerkschaften die Kuh nur melken, nicht schlachten wollen.
Dieses gemeinsame Ziel ist im Systemwettbewerb zwischen rheinischem und angelsächischem Kapitalismus derzeit nicht vorhanden. Üblicherweise gelingt das am ehesten, wenn ein gemeinsamer Feind existiert. Das gab’s schon mal, nämlich in der Kalten-Kriegs-Zeit: Der Deutsche durfte die Soziale Marktwirtschaft erfinden und ausbauen, damit die westeuropäische Arbeiterbewegung sich nicht auf die Seite des Ostblocks schlägt.
Kann sein, dass das mit dem gemeinsamen Feind bald wieder was wird, wenn der Chinese noch ein paar Jahre weiter wächst. Aber lustig wird das dann trotzdem nicht. Also könnte es sich in der Tat lohnen, jenseits des Feindbilds nach einem gemeinsamen Ziel von angelsächischem und rheinischem Kapitalismus zu suchen.
Nur das Finden dürfte nicht einfach werden…
Bei Wolfgang Wilhelm entdecke ich einen überraschenden Hang, sich mit Konfessionieten zu befassen. Ich erinnere mich da an seine Bemerkungen über einen grün-katholischen Ort im Breisgau. Bisher hatte ich mich nie für Religionszugehörigkeit, Glauben o.ä. von großen Menschen und kleinen Leuchten interessiert. Es sind die Ergebnisse ihrer Taten, die mich beeindrucken. Positiv oder negativ. Dass Martin Luther katholisch war, ist allerdings auch mir nicht entgangen. Ich vermute, dass die Massenmörder und die Heiligen, die Dichter und die Physiker, die Philosophen und die Mediziner usw. in den Religionen und Konfessionen gleich verteilt sind? Oder gibt es da gravierende Ausreißer? Gibt es Statistiken? Jetzt bin ich neugierig geworden.
Interessante Gedanken: Danke! Irgendwie erinnert mich das an die Möglichkeiten, wie man zwei männliche Kaninchen dazu bringt, dass sie sich vertragen:
Ich lasse mich überraschen.
* Man sperrt sie zusammen ein, damit sie gemeinsam Angst haben.
* Man besorgt ihnen weibliche Kaninchen.
Vielleicht befinden sich die entsprechenden Weibchen auch im Weltall?
@polyphem: Habe ich etwas schlechtes über Breisgaumetropole gesagt? Freiburg verbindet grüne Politik und den Katholizimus und in dieser Logik sind Teile von Lateinamerika vermutlich »marxistisch-katholisch.« Da ich mich politisch im Osten von Berlin nicht so auskenne, frage ich nur: Darf man einige Stadtteile als »grün-atheistisch« bezeichnen?
Wenigstens was die (antike) Philosophie betrifft, so verbinde nicht nur ich diese v.a. mit den Griechen. Umgekehrt nehme ich es niemandem ab, wenn er von sich behauptet, andere absolut objektiv wahrnehmen zu können: Was für eine trügerische Sicherheit!
Paradox finde ich übrigens die Denkweise der »Bright-Bewegung«: Wenn der Atheismus nötig ist, dann ist sind Brights doch auch wieder religiös. »Nullreligiös«. Was wiederum bedeutet, dass doch eine (Nichts-)Religion nötig ist. Vielleicht ist der Atheismus so die Anarchie unter den Religionsformen und alle, die mit Religion nichts am Hut haben, nennt man statt »Atheisten« besser »Egal-isten«?
Vielleicht weiß polyphem noch eine Antwort auf die paradoxe Frage, ob ein Mensch sagen kann, ob Gott einen Gott haben kann? Ein Freund aus Warschau (katholisch) hätte mir schon mindestens zehn Zeilen früher eine Antwort gegeben: Ach Wolfgang (Koseform), mein lieber, genieße das Leben, denke einfach nicht so viel nach! Diese Antwort beschäftigt mich heute noch…
Gruß aus dem Allgäu, W. Wilhelm
@ W.W.
Das Wortspiel Konfessionieten drängte sich mir auf als ich von den Exportnieten gelesen hatte. Es ging dabei nicht um Wertung grünkatholischer Milieus im Badischen. Mir war aufgefallen, dass bei Kommentaren aus dem Allgäu häufig auf Konfession abgehoben wird.
Die Region in den gebrauchten Ländern, in der ich aufgewachsen bin (nördlich des Limes), ist durch die Folgen des Krieges 1618 – 1648 und durch die Flüchtlinge und Vertriebenen, die nach dem WK II dorthin gekommen sind, konfessionell ziemlich gemischt. Folge davon ist übrigens überwiegend und überraschenderweise Toleranz. Natürlich wusste man zur Schulzeit, welchem Bekenntnis die Mitschüler und Lehrer angehörten. Und dass z.B. Adenauer und Kennedy katholisch waren, weiß man, wenn man jemals Nachrichtenmedien in Deutschland wahr genommen hat und ich behaupte nicht und bin auch nicht der Meinung, dass man andere Menschen völlig objektiv wahrnehmen und beurteilen kann.
Ich habe gesagt, dass ich “große” Menschen nach den Ergebnissen ihrer Taten beurteile. Ihre Religionszugehörigkeit war mir im Normalfall nicht bewusst. Da ich neugierig geworden bin, weiß ich jetzt, dass Goethe und Schiller protestantisch getauft waren, aber ich vermute, dass das Zufall ist. Die alleinige Einteilung nach rk. und ev. Konfession schränkt sowieso zu sehr ein. Heinrich Heine, wäre am liebsten nur Deutscher gewesen. Er ist übrigens Lieblingsdichter eines deutschen Exkanzlers.
Die Frage, ob ein Gott einen Gott haben kann, ist so leicht zu beantworten wie die Frage, wer Gott erschaffen hat. Die Menschen konnten Gott erschaffen. Töten können sie ihn nicht. Das ist schon bei seinem Sohn nicht gelungen.
Von der Paradoxie zur Aporie ist es nur ein kleiner Schritt. Das Be-Denken lösbarer Aufgabenstellungen oder das Denken und sich etwas ausdenken sind für einen alten Mann reiner Genuss. Das braucht er zum Leben. Der polnische Freund meint vermutlich, man solle nicht an aporetischen Konflikten grübeln. Das entspricht wohl dem berühmten Carnegie-Satz “Sorge Dich nicht, lebe.” Ein gläubiger Mensch hat es damit vermutlich leichter. Die Frage, “was die Welt im Innersten zusammen hält”, stellen wir heute den Naturwissenschaftlern. Die gewinnen ständig neue Erkenntnis. Magie und Philosophie können diese Frage nicht beantworten.
Freundlich grüßt Polyphem.
P.S.: Zurück zum Thema imperialistig: “Die katholische Kirche ist die Fortsetzung des römischen Reiches mit anderen Mitteln.”
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