Dreistelle

von Detlef Guertler

Bei der Lektüre des Frauenblättchens “Mujer hoy” auf einen Artikel über Mileuristas gestoßen – was alle diejenigen bezeichnet, die weniger als 1000 Euro (mil euros) im Monat verdienen. Also offiziell halb Spanien (weil die Schwarzgeldeinnahmen ja offiziell nicht mitgezählt werden). Der Begriff tauchte erstmals in einem El-Pais-Artikel vom Oktober 2005 auf, als Erfinderin wurde dort die damals 27jährige PR-Angestellte Carolina Alguacil aus Barcelona genannt.
So willkürlich die 1000-Euro-Grenze auch sein mag, sie scheint ganz gut die Working Poor abzugrenzen, also diejenigen, die sich trotz Erwerbsarbeit k(aum)einen menschenwürdigen Lebensunterhalt leisten können.

Und wie übersetzt man Mileuristas auf Deutsch? Die Tausendeuros? Geht nicht, weil zu nahe am ganz anders konnotierten Tausendsassa. Tausend-Euro-Generation, wie von Markus Trapp vorgeschlagen? Das reduziert die Spannweite auf eine Altersklasse, was zwar dem ursprünglichen Ansatz von Carolina Aguacil nahe kommt, aber nicht dem deutschen Definitionsbedürfnis: Hier verorten sich Generationen nicht über Geld bzw. Nicht-Geld, sondern über gemeinsame Erfahrungen. HartzIVler? Da fehlt der Bezug zum Arbeiten – beim Mileurista geht es ja nicht in erster Linie um Menschen ohne Geld, sondern um Menschen mit Arbeit ohne Geld.

Man könnte deshalb statt der Menschen auch die Arbeit beworten. Eine Dreistelle wäre dann der Oberbegriff für Jobs, die keinen vierstelligen Monatslohn einbringen – also weniger als 1000 Euro. Ob brutto oder netto, ob mit Staatsstütze oder ohne, bleibt erst einmal den Definitoren da draußen überlassen: Der DGB wird garantiert wesentlich mehr Dreistellen identifizieren als der BDI.


7 Kommentare zu "Dreistelle"

  1. Eine kleine Richtigstellung zum Begriff Tausend-Euro-Generation:

    Dies war nicht mein Übersetzungsvorschlag für Mileuristas, sondern die Übersetzung der Überschrift des El-País-Artikels «La generación de los mil euros».

    Wie man Mileuristas gut übersetzen könnte, lässt sich aus der Begriffsbildung im Spanischen ableiten: Die spanische Wortschöpfung verbindet ja das Wort “Euro” mit der berufsbezeichnenden Endung “-ista”, wie aus periodista (Journalist) oder florista (Florist). Davon abgeleitet ergäbe sich im Deutschen das Pendant Tausendeurist.

    Und Tausendeuristen gibt es leider auch in Deutschland viel zu viele.

    Viele Grüße,
    Markus Trapp
    http://textundblog.de

    P.S. Wann gibt es hier die vor längerer Zeit schon einmal angekündigte Möglichkeit, dass Kommentierende ihre Website/ihr Blog beim Kommentieren verlinken können?

  2. Pingback: Mileurista - Der Tausendeurist » Text & Blog – Das Weblog von Markus Trapp.

  3. “Angestellte im öffentlichen Dienst” ist die korrekte Übersetzung. Eventuell auch “Fachhochschulabsolventen”. Mit einer Dreiviertelstelle bleibt man im öffentlichen Dienst gerne auch mal deutlich unter 1000 Euro.

  4. Wie wär’s mit “Geringverdiener”? Denn genau das sind sie ja. Trotz sehr guter Ausbildung erhalten sie viel zu geringes Gehalt.

  5. Solche Wort-Neuerfindungen und Zwangsübersetzungen setzen sich sowieso nicht durch, zumal es mit “Geringverdiener” und “Prekariat” schön ähnliche Begriffe gibt (letzteres 2006 auf Platz 5 bei der Liste der Wörter des Jahres, Platz 2 war übrigens “Generation Praktikum”). Eine 1-zu-1-Entsprechung gibt es ‘eh nicht.

  6. @Jakob: Wenn man vorher so genau wüsste, was sich durchsetzt, wäre das mit dem Erfinden natürlich wesentlich einfacher. Wenn man hingegen von vornherein weiß, dass sich eh nichts Neues durchsetzt, hat man damit vor allem deshalb recht, weil es dann gar nichts Neues mehr gibt.
    Da ist es mit der Sprache ein wenig so wie mit dem Markt für Getränke: Es gibt sowieso schon genug, mehr als genug, und die Wahrscheinlichkeit, dass ein neues Getränk sich durchsetzt, ist verschwindend gering, schon gar, wenn man nicht Coca-Cola heißt. Was aber diverse Groß- und Kleinunternehmen nicht davon abhält, ständig neue Flüssigkeitsmischungen auf den Markt zu bringen – und was Dietrich Mateschitz nicht davon abgehalten hat, mit “Red Bull” zum mehrfachen Milliardär zu werden.

  7. Mein Vorschlag: der Mileurista ist natürlich ein Teurone, also jemand, der mit Tausend Euros auskommt, und für den dann alles ganz schön teuer ist.

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