Citoyen
von Detlef GuertlerAnregungen von Lesern gab es hier schon häufiger – Aufträge bislang noch nicht. Aber irgendwann ist ja immer das erste Mal. Heute also kam ein Auftrag von Wortistik-Leser Rick. Und zwar folgender:
“Können Sie bitte ein Wort erfinden, dass Citizen adäquat überträgt. Ich nehme an, Einwohner trifft es nicht so gut.
Immer Bürger sagen zu müssen, empfinde ich als Gemeinheit, weil in meinen Augen das Bürgertum genauso viel hinterhältigen Dreck am Stecken hat, wie z.B. die Kirche, die vom atheistischen Teil des Bürgertums so Haltet-den-Dieb-mäßig für viele Zustände verantwortlich gemacht wird.”
Puh! Das ist, werter Rick, eines der schmerzlichsten Löcher im deutschen Wortschatz. Beklagt wurde es schon vielfach, wenn auch in der Regel nicht mit dem englischen, sondern dem französischen Sprachgebrauch als Vorbild: Der Franzose könne zwischen dem bourgeois und dem citoyen unterscheiden, also dem wirtschafts- und dem radikalliberalen, dem Spieß- und dem mündigen Bürger, während das Deutsche nur den einen Bürger kenne, der unterschiedslos auf bourgeois wie citoyen geklebt werde.
Akzeptable Füllungen für dieses Sprachloch wurden bislang allerdings nicht angeboten. Das sollten wir in der Tat ändern, und zwar so schnell wie möglich. Schließlich beginnt dieser Tage, am 2. Juni genauer gesagt, die Kette der Gedenktage zu “40 Jahre 1968″, was damals nicht nur den Sturz der Bourgeoisie als Ziel hatte, sondern auch (zumindest in Deutschland) die Klasse der Citoyens entstehen ließ.
Die ersten Vertreter dieser Klasse kann man zwar wahlweise als “Toskana-Fraktion” oder “Alt-68er” bezeichnen, aber gesucht wird ja gerade nicht eine Bezeichnung für eine solche konkrete Menschenansammlung, sondern für die abstrakte Gruppe jener die bürgerlichen Freiheiten und die Menschenrechte hoch haltenden Zeitgenossen.
Spontan in den Sinn kamen mir Wörter wie Mündige, Initiative, Bewegte, aber eine Lösung ist da noch lange nicht dabei. Wer sucht mit?
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Staatsbürger.
“Verfassungspatriot” trifft – aber wen? Bzw. wen spricht er nicht an?
Der Begriff scheint aber schon zu den “verlorenen Wörter” zu gehören.
Mit ähnlicher kultureller Verwurzelung, als deutsches Pendant zum Citoyen, möchte ich die Dichter und Denker in den Jackpot werfen. Sie reden sich zwar nicht gegenseitig mit Citoyen an und lassen sich auch nicht so leicht ein Etikett an die Stirn kleben. In der deutschen Kulturgeschichte haben sie jedoch Erstaunliches zuwege gebracht, durchaus von den Citoyens inspiriert. Erstaunliches haben sie auch auf dem Gebiet der merkwürdigen Verschrobenheiten zuwege gebracht, weshalb ich sagen würde, dass sie in ihren Taten und Wirkungen genau diese abstrakte Gruppe jener die bürgerlichen Freiheiten und die Menschenrechte hoch haltenden Zeitgenossen bilden. Dieses in Wort und Tat, m. E. wesentlich tiefgründiger und gesellschaftlich wirksamer als Alt-68er oder Toskana-Fraktion und, im Gegensatz zu Letzteren, mit dem Gegenwind im Gesicht, der im eigenen Land stürmt.
StaatsfreundIn (Nr. 1)
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