Alpträumer
von Detlef GuertlerMorgens, kurz nach 4. Ein Schatten huscht durchs Schlafzimmer, kommt näher und näher, eine Hand nimmt Kurs auf den Kopf des Wortisten, dreht kurz vorher ab, tippt ihm statt dessen auf die Schulter, so lange, bis er aus dem Schlaf hochschreckt. “Was ist los?!” – “Ich habe Alpträume”, sagt Lucie, und kuschelt sich im Bett so zwischen die Eltern, dass der Wortist es seufzend vorzieht, den Rest der Nacht auf dem Sofa zu verbringen.
Abends, kurz nach 7. “Mama, ich bin mit den Hausaufgaben fertig”, sagt Lucie. “Darf ich fernsehen?” – “Nein, darfst du nicht”, sagt Mama. “Gestern hast du stundenlang ferngesehen, als wir deine Schwester zum Flughafen gebracht haben, und prompt konntest du in der Nacht nicht schlafen. Einem Alpträumer wie dir scheint Fernsehen nicht gut zu bekommen.”
Bei Lucies Geschwistern kommt es schon immer wieder mal vor, dass irgendwelche Ereignisse des vergangenen oder des kommenden Tages so aufregend sind, dass sie lange nicht einschlafen können – aber wenn sie schlafen, schlafen sie. Nur Lucie steht immer wieder nachts auf der Matte, weil sie von ihren Träumen aufgeweckt wurde. Eine Alpträumerin eben; denn wenn es Träumer und Tagträumer geben darf, wird ja wohl auch der Alpträumer erlaubt sein.
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