Puddingpädagogen

von Detlef Guertler

Es gibt unter Journalisten und sonstigen Wortkünstlern viele Philosophien des ersten Satzes. Er soll mit der Tür ins Haus fallen oder gerade nicht, er soll den Leser in die Geschichte hineinziehen, oder dem real existierenden Leser, der den Teufel tut, sich in irgendetwas hineinziehen zu lassen, die ganze Geschichte erzählen. Es gibt nicht viele unter diesen Philosophien, die als Einstiegssatz ein einziges Wort akzeptieren.

Aber was schert uns die Philosophie. Wenn sich ein altkluger 31jähriger an seiner Elterngeneration, den 68ern, reibt, ist es ein genialer Geistesblitz, die Geschichte mit diesem einen Wort zu beginnen. “Puddingpädagogen.” Alles, was die Helden der New Economy an den Helden der Teach-Ins so ankotzt, kommt in diesem einem Wort zusammen.

Dass der Rest des Artikels von Tobias Kaufmann eher im Belanglosen driftet (außer dem ebenfalls großartigen letzten Satz), ist da leicht zu verschmerzen. Wer uns einen Puddingpädagogen schenkt, darf danach gerne ein paar hundert Zeilen Langeweile verströmen – beim 68er-Thema geht das schließlich allen so.


10 Kommentare zu "Puddingpädagogen"

  1. Ein hübsches Schimpfwort, das ich bei Bedarf noch mit “handgestrickt und blockgeflötet” ergänzen würde.

  2. Gibt’s für solche “98-er-Hudel-Geschichten” Feststoffhonorar oder Pudding-Salär?
    Oder wird dort flüssig finanziert – z.B. mit Großmama-Milch ernährt, bis zur nächsten Fütterungs-Umstellung auf Medikamentenabhänigigkeit?

    An der Gut-Achse soll, wird suggeriert, niemand verhungern. Sie dient zum Anklammern für Babygreifreflexe.
    Und wenn die gestressten Colony Collapse Disorder-Bees aus farbgetupfertem Versehen auf solchen Sprachblütenstängeln landen, entschweben sie unverzüglich wg. fehlendem Duft und mangels Nektar.
    … ab und dahin, wo die Heide blüht, Münte moniert, Peer den pekuniären Überdruss pierct, Struck am Hindu kuscht oder Angela am Bush hangelt.

  3. @antoninus: Da Kaufmann im Hauptberuf Redakteur des Kölner Stadt-Anzeigers ist, und dieser Text zuerst in der Wochendbeilage eben jenes Blattes erschien, dürfen wir getrost davon ausgehen, dass er für diese Geschichte überhaupt kein Honorar bekommen hat, da sie mit dem Redakteursgehalt abgegolten ist.
    Müsste Kaufmann hingegen alleine von dem leben, was ihm die Achse des Guten finanziell einbringt, wäre er längst schon verhungert, wie (fast) alle anderen Blogger auch.

  4. Ist denn Pädagogen nicht eigentlich schon Schimpfwort genug?
    Gegen Ende meiner Schulzeit (68er waren damals auch schon Alt-68er) hatte ich die These aufgestellt, dass unter den vielleicht 50 Lehrern, die ich (ohne Grundschule, also nur auf dem Gymnasium) mehr oder weniger lang ertragen musste, nur ein einziger nichtgestörter dabei war, der wirklich rundum in Ordnung war. Das war mein Mittelstufen Englischlehrer, ein prima Kerl, nicht zu kumpelhaft, nicht zu väterlich, nicht zu distanziert, der nie rumgeschrien hat, sich um die schwächeren Schüler gekümmert hat und uns allen ordentlich was beigebracht hat.
    Alle anderen waren krankhafte Choleriker, Alkoholiker, Psycho- Sozio- oder sonstige pathen. Auf jeden Fall neurologisch auffällig. Oder sie konnten einfach nur nix erklären. Oder wollten nicht. Meistens alles zusammen.
    Vor ein paar Jahren beim 20jährigen Abijubiläum kam irgendwann ein Rudel alter Mitschüler auf mich zu und hat mir schulterklopfend rechtgegeben. Ich hatte das schon längst vergessen.
    Dann kam noch einer dazu mit der heftigen Beschwerde: “das stimmt gar nicht!” Weil besagter Englischlehrer nämlich seinem späteren Oberstufen Englischlehrer gesagt hat, dass er ihm keine Eins mehr geben soll, weil “der ist gar nicht so gut, der tut nur so”.
    Somit musste ich meine nach so langer Zeit bestätigte These direkt wieder revidieren.
    Also für mich war das, was der Vertreter der 98er Hanseles mit Puddingpädagogik begrifflich macht, nur ein beliebiger Phänotyp der Pädagogik unter vielen, die deswegen ihre Ausprägung gefunden haben, weil man die ganzen Pfeifen und Lutscher, die sonst nichts auf die Reihe bringen, auf Lehramt studieren lässt.
    Ich erinnere mich auch mit Grausen an meine ersten Studiensemester, als ich in meinen Nebenfächern diverse Seminare mit 18-jährigen Lehramtskommilitonen überstehen musste.
    Wie kann man denn aus der Schule kommen mit nichts anderem im Sinn als direkt Lehrer werden zu wollen?
    Können die nicht erst was gescheites lernen im Leben? Oder vieleicht ein paar Jahre ins Ausland oder in die Fremdenlegion?
    Das mit dem Handgestrickten und Blockgeflöteten hat ja glücklicherweise nachgelassen, aber das “wollen wir drüber reden” oder “warum bist du so aggressiv” oder das Abbrechen von Diskussionen als fester Bestandteil des pädagogischen Repertoirs, wenn das Gegenüber das bessere oder überhaupt ein Argument hat (typischer Lehrerreflex zur Autoritätswahrung), haben die 98er Krücken doch genauso intus.
    Also liebe nihilistischen Spaßgesellschafter: tut doch bitte dem Pudding nicht unrecht!

  5. Wer je versucht hat, einen Wackelpudding an die Wand zu nageln, kann verstehen, was es bedeutet, mit Eltern und Lehrern aufzuwachsen, die Kindern nicht die Chance geben zu pubertieren und zu rebellieren. Kind will doch auch mal unverstanden sein.

    Der Freiburger Kabarettist Jess Jochimsen, der ebenso wie Tobias Kaufmann zu den bedauerlichen und bedauernswerten Kindern der 68er gehört, bringt das Elend dieser Folge-Generation in sehens- und hörenswerter Form auf die Bühne.

    @prof. mortinus: Welche Lehrer für “uns” gut waren, kann nur jedeR für sich selbst entscheiden. Eine “ungute” Gattung von Pädagogen wurde auf diesem Kanal schon mal aufgrund eines Neuwortes besprochen. Da ich an gutem Gedächtnis “leide” :-) . habe ich die Diskussion wiedergefunden. Hier ist der Verweis: http://taz.de/blogs/wortistik/2006/09/03/rathematik

    P.S.: z.Zt. werden Folgen von Dr. Oetkers “Liebling” aus Kreuzberg mit Manfred Krug als Vertilger von Götterspeise im deutschen Fernsehen wiederholt. Es gibt offenbar auch “Puddingjuristen”. :-)

  6. Pingback: Wortistik » Blog Archive » jungklug

  7. @polyphem: Ich wollte schon ganz leise anmerken, dass »Mr. Word ‘n’ Roll« (Detlef Gürtler) scheinbar mindestens genauso gerne über »Tobias Kaufmann« schreibt, wie über »Giovanni di Lorenzo & Co.« ( http://www.taz.de/blogs/wortistik/2006/07/22/breker/ ). Also ein gelebtes Streite Deine Freunde? http://www.taz.de/blogs/wortistik/2007/04/16/streite-deine-freunde/

    Doch kam er mir zuvor und schrieb wieder über Kaufmann http://taz.de/blogs/wortistik/2007/06/02/jungklug/ Und außerdem wäre das mit dem ganz leise auch nicht gegangen: Ganz blind wird wohl kein Tazblogger etwas freischalten. Denk’ ich mal. ;)

    Gruß aus dem Allgäu, W. Wilhelm

  8. @Allgäuer: Würde ich blind freischalten, kämen jeden Tag ein paar Dutzend Spam-Kommentare auf die Seiten. Und im Unterschied zu Plumpsack di Lorenzo gehört Kaufmann zu jener Sorte Journalisten, die sich immer wieder um die Findung neuer Wörter bemühen. Das kann zwar nicht immer gut gehen, ist aber immer mindestens einen Blick, wenn nicht sogar eine Kritik wert.

  9. @antoninus:
    cogito ergo sum – Ich summe, also bien ich (to bee or not to bee.)

  10. Mir persönlich gefällt der Puddingpädagoge recht gut, stellt er doch einen schönen Gegensatz zum bei uns in der Familie gebräuchlichen “Steißtrommler” dar. Ich bin ca. ’68 eingeschult worden und meine Eltern hielten die damalige Lehrerschaft auch nicht gerade für Pädagogen. Das Thema scheint mir generationsübergreifend, nur ab und an eben mit anderen Vorzeichen.

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