ferndenken
von Detlef GuertlerEin hübsches kleines Gedenke von Harald Brandstetter übers Denken, das gleich zwei Neuwortvorschläge enthält: Slow Thinking, dem Slow Food nachgebaut, als ebenso genießerisches wie gründliches Denken, und Fast Thonk, dem Fast Food entsprechend, als “mediale Luftverschmutzung”, als einfach-mal-so-rausgeplapperte bzw. -gebloggte Gedankenpartikel.
Als Neuwörter möchte ich mir die beiden zwar nicht zu eigen machen (dafür bin ich ein zu großer Anhänger des schnellen Denkens, als dass ich die Denkgeschwindigkeit alleine als Bewertungsmaßstab übernehmen würde), aber sie haben mich doch dazu angeregt, über Denk-Wörter nachzudenken. Ein paar davon gibt es ja schon, vor allem vor-, nach- und quer- sowie be-, ge- und über- und natürlich aus-, aber zumindest zwei fehlen mir noch:
1. ferndenken: Das ist die bislang nicht in einem Wort lieferbare Antwort auf die Frage: “Was macht eigentlich ein Visionär?” Visionieren geht ja nicht, spinnen stimmt nur manchmal, vor- oder vorausdenken ist zu nahe an der Gegenwart für die mark- oder zwerchfellerschütternden Einsichten wahrer Visionäre, die man in Zukunft folglich auch Ferndenker nennen darf.
2. flachdenken: So wie die meisten Menschen heute nicht mehr richtig zuhören können, keine Tisch- oder sonstigen Manieren mehr haben, können die meisten auch nicht mehr richtig denken (oder war das schon immer so?). Das, was gemeinhin Denken genannt wird, aber nur vom Sofa bis zur Mattscheibe reicht, ist mit dem Wort denken viel zu gut bedient. Auch als leichtes, wenn nicht gar flaches Schimpfwort ist der Flachdenker gut geeignet.
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“Flachdenken” sitzt – da braucht es gar keine weiteren Erklärungen. Wenn ich an die in der Schweiz aufliegenden täglichen Gratiszeitungen denke, so muss die Liste unbedingt ergänzt werden mit “flachschreiben” und “flachlesen”.
“Ferndenken”? Was ist denn visionär daran, mit den Gedanken in die Ferne zu schweifen? Oder wird unter Ferndenken die Kunst verstanden, beim Fernsehen gleichzeitig zu denken?
@Hausi:
Die Ferne hatte ich hier nicht räumlich, sondern zeitlich gemeint. Aber da es bei Neuwörtern nicht darauf ankommt, was der Schöpfer sich gedacht hat, sondern was der potenzielle Nutzer dabei denkt, bleibt mir nichts anderes übrig als zu konstatieren, dass der deutschen Sprache ein Adjektiv fehlt, das eine weit in die Zukunft reichende Zeitspanne beschreiben kann, ohne dabei als räumliches Adjektiv missverstanden zu werden.