22.05.2007 von Detlef Guertler
Seit Menschengedenken, seit Jahrhunderten, ach, seit Jahrtausenden heißt die aus Vater, Mutter und gemeinsamen Kindern gebildete Menschenansammlung ”Familie”. Alle anderen Formen menschlichen Zusammenlebens konnten allenfalls mit einem Präfix als -familie durchgehen, etwa Großfamilie (mit Großeltern), Kleinfamilie (mit ohne Kinder), Stieffamilie (mit nicht gemeinsamen Kindern und/oder Eltern) oder Patchworkfamilie (mit all dem und noch viel mehr).
Wenn die klassische Familie ein Präfix bekam, handelte es sich in der Regel um ironische Brechungen oder weiße Schimmel, etwa bei Normal-, Standard- oder Durchschnittsfamilie, weil man der normalen Familie eben kein Normal- davorsetzen muss, um sie als normal, der Norm entsprechend, zu kennzeichnen.
Jetzt droht dieser ebenfalls seit Menschengedenken totgesagten und immer wieder weiterlebenden Familie Gefahr. Durch die “Komplettfamilie”. Gemeint ist mit diesem (jetzt bei der Wortwarte als Neuwort aufgenommenen) Begriff zwar immer noch die Vater-Mutter-gemeinsame Kinder-Kombination, aber sie wird sprachlich nicht mehr als Norm betrachtet, sondern als eine beliebige von vielen möglichen Kombinationen.
Die Vielzahl der gescheiterten Ehen… weiter lesen
21.05.2007 von Detlef Guertler
Wer etwas tut, ist ein Täter. Welche Tätigkeit übt demnach ein Attentäter aus? Er begeht ein Attentat, einen Anschlag oder ähnliches, aber ein eigenes Verb für die Tätigkeit des Attentäters gibt es im Deutschen nicht.
Der Spanier sieht das anders. Der hat gerade die ETA aufgefordert, im Vorfeld der Kommunalwahl am nächsten Sonntag keine Anschläge zu begehen, und verwendet dafür das Verb “atentar”, passend zum Substantiv “atentado”.
Würden wir die gleiche Methode anwenden, könnte dabei attentieren, attentatieren oder attentun heraus. Alle drei Varianten sind allerdings mit erheblichen Mängeln behaftet. Attentieren ist sehr nah am wesentlich harmloseren Attentismus befindlich, attentatieren klingt ein wenig stottrig, attentun hingegen lässt sich schwer konjugieren: er/sie/es hat attengetan…
Kann das wirklich so schwer sein, hierfür ein Verb zu finden?
20.05.2007 von Detlef Guertler
Bei der Lektüre des Frauenblättchens “Mujer hoy” auf einen Artikel über Mileuristas gestoßen – was alle diejenigen bezeichnet, die weniger als 1000 Euro (mil euros) im Monat verdienen. Also offiziell halb Spanien (weil die Schwarzgeldeinnahmen ja offiziell nicht mitgezählt werden). Der Begriff tauchte erstmals in einem El-Pais-Artikel vom Oktober 2005 auf, als Erfinderin wurde dort die damals 27jährige PR-Angestellte Carolina Alguacil aus Barcelona genannt.
So willkürlich die 1000-Euro-Grenze auch sein mag, sie scheint ganz gut die Working Poor abzugrenzen, also diejenigen, die sich trotz Erwerbsarbeit k(aum)einen menschenwürdigen Lebensunterhalt leisten können.
Und wie übersetzt man Mileuristas auf Deutsch? Die Tausendeuros? Geht nicht, weil zu nahe am ganz anders konnotierten Tausendsassa. Tausend-Euro-Generation, wie von Markus Trapp vorgeschlagen? Das reduziert die Spannweite auf eine Altersklasse, was zwar dem ursprünglichen Ansatz von Carolina Aguacil nahe kommt, aber nicht dem deutschen Definitionsbedürfnis: Hier verorten sich Generationen nicht über Geld bzw.… weiter lesen
19.05.2007 von Detlef Guertler
Was kann man mit gebrochenem Arm ganz bestimmt nicht machen? Genau, schwimmen, das mag der Gips nämlich überhaupt nicht, da ist ja schon das Duschen eine reichlich komplexe Angelegenheit.
Aber die kleine Emilia schwimmt trotz gebrochenem Arm wie Esther Williams, erzählt ihre Mutter. Der Arm wurde nämlich nicht gegipst, sondern gedrahtet: der Knochen so mit Draht umwickelt, dass er wieder wie neu zusammenwächst.
Moment: drahten, das war doch bis vor kurzem noch ein Verb aus der Telekommunikation. Da wurden nämlich Meldungen, Neuigkeiten, Telegramme und ähnliches gedrahtet, also über eine wie auch immer drahtige Leitung von A nach B geschickt. Aber seit diese Leitungen immer häufiger glasfasrig sind, oder gar nicht mehr existieren, da die Botschaft über Funk versendet wird, klingt drahten ein wenig antiquiert – weshalb es offensichtlich übergangslos aus der Telekommunikation in die Medizin wechseln kann.
Da man allerdings beim Drahten den Arm ein wenig aufschneiden muss, um… weiter lesen
18.05.2007 von Detlef Guertler
“Grüße nach Sonnistan” entbietet mir heute ein Kunde, nicht ohne dezent darauf hinzuweisen, dass es schön wäre, wenn der Text, dessen Lieferung lose für Anfang nächster Woche vereinbart ist, schon Montag früh in seiner Mailbox läge.
Ob ich diese flagrante und einseitige Terminvorverlegung einfach so hinnehme, weiß ich noch nicht. Aber Sonnistan, das nehme ich gerne mit. Schließlich gibt es bislang meines Wissens noch keinen Begriff für all die Länder, in die sich Deutsche und andere Mittel- und Nordeuropäer so gerne im Urlaub oder als Rentner begeben. Eigentlich ist es da ja Wurscht, ob es sich da um Spanien, Italien, Frankreich, Kroatien, Türkei oder Albanien handelt – Hauptsache warm und sonnig.
“Man kann nicht verhindern, dass man alt wird. Aber man kann verhindern, dass es bei schlechtem Wetter geschieht”, sagte mein verehrter Lehrer Wolf Schneider, als er das Ruhestandsalter erreichte, und zog nach Sonnistan. Dort traf ich ihn hin und… weiter lesen
17.05.2007 von Detlef Guertler
von Wolfgang Wilhelm
Ich bin gerade darauf gekommen, nach dem ich gelesen hatte, dass der Klett-Verlag jetzt auch entschleunigen möchte. »Weniger sei mehr« hieß es. Diesen Satz würde ich momentan nur bei Daimler unterschreiben…
Zumindest bei den Google-Treffern liegt das Ent- noch weit hinter dem Beschleunigen.
* Beschleunigung ~ 4′120′000 Treffer
* beschleunigen ~ 4′000′000 Treffer
* Entschleunigung ~ 138.000 Treffer
* entschleunigen ~ 54′800 Treffer
Allerdings hat sich die Entschleunigung damit wenigstens als Substantiv gegen die Bremsung durchgesetzt.
* Bremsung ~ 136′000 Treffer
* bremsen ~ 6′560′000 Treffer
Aber da fehlt doch noch was, jedenfalls wenn man die kombinatorischen Möglichkeiten ausnutzt:
* Entbremsung 7 Treffer
* entbremsen 67 Treffer
Machen wir gleich die Praxisprüfung: Was kann man eigentlich alles entbremsen?
* Die Handbremse.
* Handel (Abbau von Zöllen und Grenzen)
* …?
16.05.2007 von Detlef Guertler
Als ich ein kleiner Junge war, stießen wir rund um den Dossenheimer Steinbruch immer wieder mal auf Erwachsene, die sich wie kleine Jungen benahmen: Als Cowboy und Indianer verkleidet spielten sie Szenen aus Karl-May-Büchern (oder -filmen) nach. Merkwürdige Leute – ich las ohnehin lieber die Bücher als solchen Spielchen zuzuschauen geschweige denn dabei mitzumachen.
Jetzt gibt es solche Leute immer noch, und inzwischen hat ihr Treiben sogar einen wissenschaftlich anmutenden Namen: Reenactment. Was laut Wikipedia eine seriöse Methode der Geschichtswissenschaft sein soll, in der Regel aber immer noch vor allem eine Spielerei von großen Jungs ist, die gerne kleine Jungs wären. Schade nur, dass ihr Hobby einen derart hässlichen Namen hat.
Die bei Wikipedia angebotenen Übersetzungen, Nachstellung und Historische Darstellung, überzeugen beide nicht. Nachstellung geht nicht, wenn man den Stalker schon Nachsteller nennt, und Historische Darstellung trifft den Kern auch nicht so richtig: Ein Gemälde der Schlacht… weiter lesen
15.05.2007 von Detlef Guertler
Hätte nicht der Perlentaucher die Süddeutsche Zeitung unter Beobachtung, wäre uns doch glatt die spracherschütternde Neuigkeit des großen Eszett entgangen. Aber nicht nur, dass der Perlentaucher uns alle Grundlageninformationen zur Füllung dieser großen Leerstelle der deutschen Rechtschreibung gibt, er verweist auch auf das dem großen Eszett gewidmete Sonderheft der Zeitschrift SIGNA.
Das erschien bereits Ende März 2006 und stellte die seither nie wieder behandelte Grundsatzfrage: “Kann man eine Minuskel überhaupt versalieren?” Auch wenn es sich bei der Erhebung des Eszett in den Majuskelstand um die mutmaßlich einzige Verwendungsmöglichkeit des Verbes versalieren handeln dürfte, sei es zur Feier dieser Nachricht in den deutschen Wortschatz aufgenommen.
14.05.2007 von Detlef Guertler
Gerade eben hatte Wolfgang Wilhelm im Kommentar zur Imperialist das Wort Exportniete verwendet, da fiel ihm auf, dass es sich offenkundig um ein Neuwort handelt. Exportschlager gibt es noch und nöcher (gerade in Deutschland), aber die Exportnieten-Forschung ist schlicht inexistent.
Dabei wäre es sicherlich gerade für Ethnologen und sonstige vergleichende Kulturwissenschaftler eine hoch ertragreiche Angelegenheit, sich einmal derjenigen Produkte anzunehmen, die sich zwar im eigenen Land großer Beliebtheit erfreuen, aber jenseits der Landesgrenzen nur schwer bis gar nicht verkäuflich sind.
Sicherlich sind unter den Lebensmitteln und Leibgerichten einige Exportnieten zu finden (Grünkohl mit Pinkel, Pfälzer Saumagen, Blunzngröstl), aber auch unter den übrigen Gütern und Dienstleistungen wird man fündig: beim Strandkorb zum Beispiel, von dessen Vorzügen wir Reiseweltmeister keinen einzigen mediterranen Badeort überzeugen konnten, und auch bei der Parkscheibe und dem Halbeinkünfteverfahren ist die internationale Verbreitung meines Wissens gering.
Nur: Martin Luther, den Wolfgang Wilhelm als Exportniete bezeichnet, der… weiter lesen
13.05.2007 von Detlef Guertler
von polyphem:
Der “Schutzwall” der DDR wurde “antiimperialistisch” genannt. Sind die G8-Schutzanlagen imperialistisch? Oder sind G.W. Bush und Kohorten schon weiter? Sind Sie imperialistig? Imperialistig als Beschreibung für “freundliche Übernahme” durch Export von Demokratie, Coca-Cola, Kaugummi und Killerspiele.