13.05.2007 von Detlef Guertler
“Eine Mutter reicht nicht, zumindest nicht dem organisierten Florismus”, schreibt Andre Mielke in der Welt am Sonntag zum Muttertag. Womit er zwar ein bislang praktisch unverwendetes Wort in die Muttertagsdebatte einführt – dieses allerdings falsch benutzt. Florismus kann keine Branche sein, sondern sollte, wie bei -ismen üblich, eine Ideologie bezeichnen, meinetwegen auch eine Krankheit (wie bei Aut- oder Astigmat-).
Aber dann hätte der Begriff Florismus als Muttertagsideologiekritik durchaus Charme. Statt als mehr oder weniger gut gemeintes Gedenken entpuppt sich der Muttertag als Blumenverschenkszwangsveranstaltung. Ein Strauß sagt (und kostet) mehr als tausend Worte.
Falls irgend jemand eine antifloristische Bürgerinitiative gründen möchte: Der dazu passende Slogan wurde in Deutschland schon Ende der 70er Jahre erfunden – Stoppt Strauß!
11.05.2007 von Detlef Guertler
Jan Bretschneider ist in dem dem Wortisten bislang unbekannten Aachener Kulturterminmagazin “MOVIE” auf dieses Wort gestoßen. Ein hübsches Wortspielchen, das sich nicht nur für die Rezensionen schlechten Kabaretts eignet, sondern auch bei genüßlichem Ablästern oder unverbindlichem Plauderwelsch eingesetzt werden kann.
Dabei ist der Humorkrepierer sowohl für einen schlechten Witz als auch für den Erzähler eines ebensolchen verwendbar. Auch präventiv kann das Wort sehr nützlich sein. “Oje, der Gürtler nimmt Kurs auf uns. Bloß weg hier, der ist ja ein echter Humorkrepierer.”
10.05.2007 von Detlef Guertler
Früher waren es nur die Terror-Kommandos, die sich für einzelne Aktionen jeweils einen eigenen Namen gegeben haben. Heute machen das auch die Vertreter des staatlichen Gewaltmonopols. Eine der ersten Amtshandlungen, die der Rostocker Leitende Polizeidirektor Knut (ooh, wie süüüß)!) Abramowski vornahm, als ihn im September 2005 der Auftrag erteilte, den G 8-Gipfel in Heiligendamm zu schützen, war eine solche Namensgebung: Kavala heißt dieses Großprojekt der Mecklenburger Polizei.
Die knutige Begründung für diesen Namen: “Kavala ist eine nordgriechische Stadt, die ebenso wie der Tagungsort Heiligendamm die “weiße Stadt am Meer” genannt wird.” Und weil man so einen großartigen Namen für diese großartige Aktion gefunden hat, gibt es jetzt gibt es nicht nur eine eigene Kavala-Homepage, es gibt auch ein Kavala-Logo (zwei ineinander verschlungene Bumerangs) und sogar ein 24seitiges Kavala-Journal (pdf).
Ein bisschen schade ist natürlich, dass sich im ganzen weiten Internet niemand außer Herrn Abramowski… weiter lesen
07.05.2007 von Detlef Guertler
“Ich komme ja aus Münster”, sagt mein Schlussredakteur Günther, “da fahren tausende von Menschen mit ihren Fahrrädern, und alles funktioniert. Dann war ich in Bielefeld, genau das gleiche. Und nur hier in Frankfurt gibt es Leute, die stellen ihr Fahrrad so auf dem Fahrradweg ab, dass niemand mehr daran vorbeikommt. Das sind doch alles Sozialautisten hier!”
“Könnte man da nicht auch einfach Egoist sagen?”, versuche ich ihn zu bremsen. “Egoist ist viel zu freundlich”, poltert er weiter. “Aber sich so zu benehmen, als gäbe es sonst keinen anderen Menschen auf der Welt, das ist mehr als Egoismus.”
Wo er recht hat, hat er recht (ohnehin eine typische Eigenschaft von Schlussredakteuren). Und außerdem ist “Sozialautist” hervorragend als Schimpfwort geeignet, insbesonder in intellektuellen Kreisen.
05.05.2007 von Detlef Guertler
Da hat sich ja wohl Burkhard Strassmann in der Zeit heftig im Adjektiv vergriffen: Nennt er doch tatsächlich Eco-Tuning einen “hübschen Neologismus”! Inhaltlich will ich ja gar nicht bestreiten, dass es Zeit-Autoren freuen kann, wenn Auto-Aufbrezler jetzt nicht mehr PS oder Dezibel aus den GTIs rauskitzeln, sondern auch Motoren auf besonders spritsparende Fahrweise einstellen.
Aber wortistisch ist das Wort eine einzige Katastrophe: Gibt es irgendeinen Grund, warum man hier Eco statt Öko sagen sollte. Und das Tunen hat nun mal den Nachteil, geschrieben nicht als englisches Tjunen, sondern als deutsches Tunen rüberzukommen.
Ich gebe zu, noch keine eindeutige Alternative anbieten zu können: CO2-Optimierung klingt zu geschäftsmäßig, öken etwas zu unspezifisch – … Oder doch nicht?! “Mein Auto ist geökt”, wäre doch ein schöner Satz für die Spritsparung, die das Eco-Tuning bewirken soll.
04.05.2007 von Detlef Guertler
Ein wortistiktheoretisch interessantes Neuwort hat die Wortwarte beim Perlentaucher gefunden, der wiederum den Spectator gelesen hatte, den wir normalsterblichen Nicht-Abonnenten allerdings allenfalls im Google-Cache noch finden können. Der Artikel von Christopher Howse jedenfalls beginnt mit einem Zitat der Anthropologin Mary Douglas über enclavism und enclavists, was der Perlentaucher mit Enklavismus bzw. Enklavist übersetzt – erstmalig in deutscher Sprache.
Die Erklärung klingt so: “Die Enklavisten bilden eine Gruppe von gleichgesinnten Freunden, die die Rangordnungen, Zeremonien und ungleichheiten der äußeren Gesellschaft ablehnen. Ihre Kultur ist radikal und wütend.’ Al Qaeda und ihre extremistischen Vorgänger sind Beispiele von Enklavisten. … Der gegenwärtige Enklavismus ist so gefährlich, weil das Internet mit ihrer Gesellschaft Unzufriedene, die bisher isoliert waren, über den Computerbildschirm mit einer gemeinsamen Sache in Berührung bringt.”
Wenn wir mal ganz ehrlich sind, brauchen wir allerdings das Wort Enklavisten nicht. Dessen Definition ist nämlich ziemlich deckungsgleich mit… weiter lesen
03.05.2007 von Detlef Guertler
Es gibt die merkwürdigsten Orte, um auf Wörter zu stoßen. Zum Beispiel beim Bearbeiten eines Textes über das Gesetz über steuerliche Begleitmaßnahmen zur Einführung der Europäischen Gesellschaft und zur Änderung weiterer steuerrechtlicher Vorschriften (SEStEG), in dem auf das einschlägige Standardwerk “Reform des Umwandlungssteuerrechts” verwiesen wird, das wiederum den Untertitel trägt: “Auswirkungen des SESteg auf Reorganisationen und internationale Entstrickungen.”
Entstrickung? Also das, was wir alle brauchen, wenn wir uns hoffnungslos in einer Argumentationskette oder Ideologie o.ä. verstrickt haben? Nein, so viel Fantasie können die Steuer-Jungs von PricewaterhouseCoopers nicht haben, um einen solches Wort zu erfinden. Also muss es das schon geben. Und tatsächlich, Wikipedia hilft hier weiter: “In der Rechtswissenschaft bezeichnet Verstrickung die dauerhafte Verbindung eines Objekts durch besonderen Akt, die nur durch einen gleichartigen und gleichrangigen Akt gelöst werden kann (Entstrickung).”
Aber wenn wir den Juristen die Verstrickung entwenden (oder entstricken?) können, dann können wir das… weiter lesen
01.05.2007 von Detlef Guertler
Ein süßes Wort. Wie Monotonie, nur mit mehr PS. Und da eine der liebsten Floskeln im Beraterdeutsch heißt, dass es darum gehe, die PS des Unternehmens auf die Straße zu bringen, gehört auch die Monopsonie nicht ins Reich der Zwischenmenschlichkeit, sondern in das der Ökonomie. Schon 1933 soll eine gewisse Joan Robinson sie erfunden haben, Ökonomin natürlich, als Begriff für ein Monopol auf Käuferseite. Das so selten vorkommt, dass das Wort, anders als das Monopol, nie aus dem Käfig des BWL-Seminars entfliehen konnte.
Und jetzt kommt Wolfgang Neunmalklug Münchau, FTD-Ex-Chef und Noch-Kolumnist, und erklärt uns, dass deutsche Firmen in Monopsonien besonders stark vertreten sind. Siemens vor allem. Nicht ganz so kluge Menschen wie Münchau nennen die Monopsonie (oder das Monopson, die Ökonomen sind sich da nicht ganz einig) schlicht “Behördenmarkt” – und während die Bekämpfung der Monopole ein starkes Kartellamt braucht, benötigt man für den… weiter lesen