Agflation

von Detlef Guertler

“Anleger fürchten eine neue Inflationswelle”, schreiben Daniel Eckert und Holger Zschäpitz heute in der Welt am Sonntag, und meinen damit eine Welle ganz neuen Typs: “Agflation, also vom Agrarsektor ausgehende Inflation, heißt das neue Phänomen.”

Nun war zwar eifrigen Welt-Lesern dieses Phänomen nicht mehr ganz neu, da bereits einen Tag zuvor die Helaba-Chefvolkswirtin Gertrud Traud im Welt-Finanzteil die Agflation als “neues Wort” einführte. Aber weder bei der einschlägigen Finanzblattkonkurrenz von Handelsblatt und FTD noch die überregionalen Zeitungen Faz, taz oder Süddeutsche findet sich irgend etwas zur Agflation im Archiv.

Dass die Agflation jetzt neu auftaucht, hat einen guten Grund: Es gab sie früher nicht. Trotz beständig wachsender Weltbevölkerung und dementsprechend wachsendem Nahrungsbedarf stiegen die Preise für landwirtschaftliche Produkte nicht, sondern fielen und fielen und fielen: Die Produktivität der Agrarindustrie stieg schneller als die Nachfrage.

Jetzt ist alles anders: Die rapide steigende Kaufkraft in Schwellenländern wie China oder Indien steigert nicht nur die Nachfrage nach Kalorien, sondern auch die nach hochwertigen Lebensmitteln (und damit die Preise). Vor allem aber konkurrieren die Produzenten von Biosprit, Biogas und Biomasse-Kraftwerken immer heftiger mit um die Ernten.

Den Landwirt freut’s, dem Volkswirt macht es Sorgen. Agflationär steigende Lebensmittelpreise lassen die Zinsen steigen, die Aktienkurse und die meisten anderen Vermögenswerte sinken. “Vor allem Häuslebauer müssten mit höheren Zinsen rechnen, und Rentner würden Kaufkraft verlieren”, zitieren Eckert/Zschäpitz den Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer.

Jetzt fehlt also nur noch ein Ökonom, der uns ausrechnet, wie hoch die Wohlstandsverluste sind, die wir durch Agflation bis zum Jahr 2050 erleiden: Das wären dann die Kosten, die uns dadurch entstehen, dass wir versuchen, den Klimawandel zu verhindern. Und das wiederum könnten wir den paar hundert Milliarden Euro gegenüberstellen, die uns laut DIW dann entstehen,  wenn wir nichts gegen den Klimawandel tun. Jede Wette: Das Nichtstun ist billiger.


Ein Kommentar zu "Agflation"

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