Worchäologie

von Detlef Guertler

So habe ich die neueste Rubrik dieses Blogs getauft. Es handelt sich dabei um den  Versuch, unter den Wort-Ruinen aus grauer Vorzeit ein Wort zu entdecken, das auch heute noch – oder wieder – einen Platz im Wortschatz verdient hätte.

Einige der Wörter, die wir heute wie selbstverständlich benutzen, ohne uns ihrer ehemaligen Ruinengestalt zu erinnern, verdanken ihr Leben spektakulären Rettungsaktionen. So rettete Gotthold Ephraim Lessing im Jahr 1759 eine Unzahl von seinerzeit altmodischen Wörtern vor dem Vergessen, die er in den Werken des Barock-Dichters Friedrich von Logau (1605-1655) gefunden hatte, unter anderem Wandel, Besonnenheit, torkeln, ernüchtern, kosen, entjungfern, nuscheln und Städter. Ach ja: Auch “Unzahl” gehörte zu Lessing worchäologischen Fundstücken. “Spektakulär” hingegen wurde vor 150 Jahren nicht von den Brüdern Grimm in ihr berühmtes Wörterbuch der Deutschen Sprache aufgenommen, da es “veraltet” sei.

Ich bin sicher: Würde es heute jemand auf sich nehmen, beispielsweise Wilhelm Bölsches “Liebesleben in der Natur” von 1898 mit worchäologischem Blick zu lesen, ein seinerzeit berühmtes Standardwerk des Jugendschwulsts, so manches ausgesonderte Wort käme wieder zum Vorschein. Ach, wie schön wäre es, einen Worchäologie-Lehrstuhl zu haben, und seine Studenten in staubige Archive zum Wortausgraben zu schicken.

Mit den Wortmalschutz-Aktivitäten beispielsweise eines Bodo Mrozek hat die Worchäologie nichts zu tun. Während Mrozek versucht, noch (wenn auch nur selten) gebräuchliche Wörter in ihrer ursprünglichen Bedeutung vor dem Aussterben zu retten, beschäftigt sich die Worchäologie nur mit den bereits ausgestorbenen Wörtern, und ist dabei frei darin, den ehemals verwendeten Wörtern auch eine neue Bedeutung zu geben.


-222 Kommentare zu "Worchäologie"

  1. Das Wort – ich möchte es erst abschließend beerdigend selektierend erwählen – nicht wiederholen; halte es für eine sprachliche Missgeburt, morphologisch in Augenschein und zur Zungenprobe genommen. Es könnte, meinethalben, wieder “verjungfert” werden; intubiert, tabuisiert.

    “Wortarchäologie” ist sinnvoller, verständlicher als Ausdruck; man muss ihn dezidiert aussprechen – und weiß, was gemeint ist.

    Herder und Goethe kannten “Wortarbeit“; unsinnige Wörterei nannte JWG „Wortkram“.
    „Wortistik“ und Worchäologie“ sind solcher Art Wechsel-, oh: Wortbälger; Wörter als Unorte. Da ist der Bezug zum Verständlichen hiirnig verfugt; simpel: flöten gegangen; weil ein Schneider-Jünger “Studenten in staubige Archive zum Wortausgraben (…) schicken“ will.
    Requiescat im Verborium – „Worchäologie“.

  2. @Antoninus:
    Den von Goethe, sonst aber von niemand gern gebrauchten “Unort” hat vor einem halben Jahrhundert der Schriftsteller Franz Carl Weiskopf wieder entdeckt. Er sprach von “Wortschatzgräberei” – auch nicht schlecht.
    Das Verb “verjungfern” hingegen ist noch geradezu jungfräulich. Gratulation hierzu! Gleiches gilt erstaunlicherweise auch für die “Schneider-Jünger”: Wo Google sie findet, beziehen sie sich auf Schneider-Elektrogeräte oder auf Helge Schneider, aber kein einziges Mal auf Wolf Schneider. Obwohl er 1978 mit der Journalistenausbildung angefangen hatte und danach etwa 17 Jahre lang mehrere hundert Roh-Journalisten schliff.

  3. bei Worchäologie denke ich zunächst an Christian Worch, das ist sicher unerwünscht.

  4. Wie bedankt sich der Esperantist beim polnischen Metzger? Ŝinkuję!

    Nix verstanden? Beim Wort »Worchäologie« dürfte es den meisten wohl genauso ergehen. Ich denke, man muss nicht alles verschmelzen, was sich kleben lässt…

    Gruß aus dem Allgäu, W. Wilhelm

  5. Sklavenhändler. Ich denke dieser Begriff, in dem Sinne, wie Ton, Steine, Scherben, für die Jüngeren sei vermerkt, dass dies mal eine deutsche Musikertruppe war, die ganz spannende Texte hatte,ist einer, der dringend wieder auf die Agenda muss. Gemeint war damit: Zeitarbeitsunternehmen. Mittlerweile sind diese dergestalt ausgeufert und das Lohnniveau dergestalt unterirdisch, dass dies wieder in den Blick gerichtet werden muss. Was die Heuschrecken für die Seite der Inhaber der Produktionsmittel darstellen, nämlich die Auflösung der alten Deutschland AG (AG der Verlierer und Verlorenen) zu Gunsten einer Anglo-Amerikanischen Quartalszahlenwirtschaft, sind die Sklavenhändler für die Arbeitnehmer. Letzter Rettungsanker für die Verlierer und Verlorenen und Lohndrücker für die für die Kapitaleigner. In diesem Sinne ist es sehr witzig, wenn die CDU und die SPD der LINKEN vorwerfen, dass System umkrempeln zu wollen. Das Gegenteil ist der Fall. Die LINKE ist der konservative Bewahrer der alten Ordnung der ehemaligen BRD.

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