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vonDetlef Guertler 23.06.2007

Wortistik

Neue Zeiten brauchen neue Wörter. Doch wer trennt die Spreu vom Weizen? Detlef Gürtler betätigt sich als Wortwart der Nation.

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Nachdem wir hier und anderswo mehrfach Debatten über das Selbstverständnis von Bloggern einer– und Journalisten andererseits verfolgen und begleiten konnten, mussten wir leider feststellen, dass dabei viel zu wenig über den dritten im Bunde gesprochen wird – den Leser.

Theoretisch können Blogger problemlos ohne jeglichen Leser publizieren (bei einer großen Zahl von Blogs wird diese Theorie auch zur Praxis), praktisch müssen uns diese Fälle hier nicht interessieren, denn nur bei Blogs, die eine Öffentlichkeit nicht nur suchen, sondern auch finden, stellt sich überhaupt die Frage, ob sie besser, schlechter, anders oder genauso wie Journalisten sind.

Aus dem Print-Journalismus kennen wir Unterscheidungen nach Erscheinungsrhythmus (Tages-, Wochen-, Monatspublikation), nach Druckverfahren (Zeitung, Zeitschrift) und Themenschwerpunkt (TV-, Auto-, Wirtschaftsmagazine). Was den Leser angeht wird lediglich differenziert, ob er beruflich oder privat liest (Fach- bzw. Publikumszeitschrift) und wie er bezahlt (Gratis-, Kauf- und Abonnementszeitungen).

Zu Blogs mit ihrem wesentlich intimeren Verhältnis zum Leser würde eine Differenzierung entsprechend dieses Verhältnisses hervorragend passen – und Differenzierungen aller Art werden insbesondere dann gebraucht, wenn irgend wann einmal mit Bloggen wirkliches Geld verdient werden soll. Da gäbe es dann beispielweise:

– den Autisten: Der Leser ist ihm egal, auf Kommentare antwortet er nicht, wenn er sie überhaupt zulässt. Lieber kommentiert er sich selber.

– den Besserwisser: Er pflegt regen Austausch mit einer beliebig großen Lesergemeinde, die nur eine Bedingung erfüllen muss: seine Überlegenheit rückhaltlos anerkennen. Wer diese in Zweifel zieht, wird gnadenlos weggemobbt.

– den Leserversteher: Er ist das Bindeglied zwischen einem Anbieter irgendwelcher Produkte und den Leuten da draußen. Er bereitet das eigentlich zu verkaufende Produkt onlinegerecht auf bzw. verschafft seiner möglichst großen Lesergemeinde ein gutes Gefühl, das sich auf die dahinter stehende Marke übertragen soll.

– den Leserflüsterer: Sanft und seelenruhig streift er durch die Welt, hinterlässt bei allen Besuchern jenes gute Gefühl, das in anderen Medien allenfalls von der zwischengestreuten Werbung erzeugt wird. Die Grundregel der Massenmedien, wonach nur schlechte Nachrichten gute Nachrichten sind, ist hier außer Kraft gesetzt. Kurt Tucholsky antwortete auf die Frage: „Wo bleibt das Positive?“ gerne mit „Ja, wo bleibt es denn?“ Jetzt können wir darauf antworten: „Hier.“

Für weitere Klassifizierungen bin ich jederzeit zu haben.

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https://blogs.taz.de/wortistik/2007/06/23/leserfluesterer/

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kommentare

  • ha, lieber guertelschnaller*, ich wollte mal testen.
    vrdmmt! jetzt kann ich den vorbereiteten mimosen-artikel leider in die entsorgung bringen.

    das ich ihr thema verfehlte ist nicht so schlimm. ich bin amateur, gerne lerne ich weiterhin von ihnen.

    gibts auch noten?
    welche würde ich denn für die stichelei bekommen?

    aber ihren streit mit dem donA sollten sie schleunigst einstellen, ich glaub ja, der hat eine armee hinter sich. ich weiß zwar noch nicht genau, zu welcher gattung die gehören, aber ich finds noch raus. irgendwann.

    wenns hart auf hart kommt, können sie immer noch eine ohnmacht vortäuschen.

    * ihre namenspielerei verzeih ich ihnen. aber nicht, dass sowas noch mal vorkommt!

  • Tja, lieber Weltverbesserer, da haben wir uns leider falsch verstanden: Ich suche keine Begriffe, um Blog-Leser zu kennzeichnen, sondern Begriffe, mit denen sich Blogger nach ihrem Verhältnis zu ihrem Leser differenzieren lassen.
    Daraus ergab sich allerdings ein Dilemma: Hätte ich nämlich Ihren Kommentar als „Thema verfehlt“ nicht freigeschaltet, hätte ich mir (und der taz) den Vorwurf eingehandelt, dass wir kleinen Mimosen keine Kritik vertragen können. Das wollte ich denn doch keinem der Beteiligten antun.
    Heute scheint wirklich ein Tag der Dilemmata zu sein. Siehe auch: http://taz.de/blogs/wortistik/2007/06/23/trafficlutscher/

  • – den journalistenleser: er besucht gerne gutbesuchte blogs, merkt sich viele stellungnahmen und/oder einschätzungen von dort, liest natürlich nur heimlich mit, kommentiert nie, man könnte ihn ja evtl. via ip-zuordnen. dann macht er gerne ein fass in der zeitung xy auf, bedient sich an den themen der blogosphäre, zitiert aber nie, sondern tut so, als ob alles von ihm wäre.

    nachdem er dann den einen oder anderen text „erfinden“ konnte, schreibt er ansonsten böse über blogger. denn der klassische journalist merkt langsam aber sicher, dass er im web nur einer unter tausenden ist. das mag er aber nicht. auch seine arbeitsgeber aka verleger mögen das nicht, deshalb lassen sie gerne bösartikel über blogger los.
    aber so ganz im geheimen weiß der journalistenleser natürlich, dass sich blogger vor lachen ins höschen machen, wenn wieder ein journalistenleser einen bösblog-artikel-auftrag erfüllen musste. eigentlich wünscht sich der journalistenleser insgeheim, er hätte auch mal ein stück von der bloggerfreiheit. könnte einfach mal so auf den putz hauen und schreiben, was immer er für nötig hält. aber dann muss der journalistenleser wieder an seinen arbeitsvertrag denken, wenn er denn überhaupt einen haben sollte.

    schönes beispiel:
    http://www.fixmbr.de/fxmbr-und-die-blogbar-contentlieferanten-fuer-die-taz/

  • @Wortist: Es war mir klar, dass man das oft benutzte Zitat vom Positiven auch bei Tucholsky finden würde und ich war mir sicher, dass ein (Tüch)tiger, (Theobald) Quellen finden würde, aus denen wir so gern Tinte trinken. 🙂

  • Zurück in alter Freche. Danke für Glückwunsch und Verbesserwisserung, werter Zyklop.
    Ich habe mich natürlich sofort gefragt, wie ich so schrecklich irren konnte, aus einem Kästner einen Tucholsky zu machen. Und immerhin eine halbtröstliche Antwort gefunden: Von Tucholsky stammt die Frage. Behauptet zumindest Wolfgang Fritz Haug: „Tucholsky, der unter mehreren Pseudonymen schrieb, betitelte einen fingierten Leserbrief an eine seiner Masken mit dem sprichwörtlich gewordenen Ausspruch: »Wo bleibt das Positive, Herr Panther?«“
    (Quelle: Vorwort des Buches „Unterhaltungen über den Sozialismus nach seinem Verschwinden“, herausgegeben vom Berliner Institut für Kritische Theorie, ISBN 3-89438-300-3)

  • Unter „Blogpapst“ ist zu lesen, dass Detlef Gürtler am Jahrestag der Wortistik vergaß, ein Fass aufzumachen. Ich habe nun ein kleines aufgemacht, ein Tintenfass. Tinte soll fließen zu wahren, guten, schönen Wörtern und wenn mich „Jemand“ zum Teufel wünscht, so mag er es halten wie D. Martin Luther und ein (virtuelles) Tintenfass nach mir werfen.

    Was Neues lesen törnt mich an, auch lockt des Schreibers Feder.
    Ich trinke Tinte dann und wann, denn eine Sucht hat jedeR.
    Mich anzufixen war nicht schwer, ich bin ein alter Spieler.
    Wortistik und auch andere, ja, die sind meine Dealer.

    Ich bin schon völlig abgemagert, hab nur noch am PC gesessen.
    Zum Essen hatt‘ ich keine Zeit, hab nur noch frische Blogs gefressen.
    Nun hab ich plötzlich Blogomie, das ist ein arges Leiden.
    Drum brauche ich eine Therapie, sonst lässt mein Weib sich scheiden.

  • Da bin ich nun endlich zurück und schon muss ich mich leider in die Kategorie Leser und Besserwisser einsortieren. Es tut mir Leid,
    aber Kästner, was Kästner gebührt.

    http://www.cadesign.de/jottge/ek-wo-bleibt.html

    P.S.: Im Anfang war das Wort. Es hat sich zur Wortistik gemausert. Herzlichen Glückwunsch zum Einjährigen.

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