Archive for Juni, 2007

23.06.2007 von Detlef Guertler
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Leserflüsterer

von Detlef Guertler

Nachdem wir hier und anderswo mehrfach Debatten über das Selbstverständnis von Bloggern einer- und Journalisten andererseits verfolgen und begleiten konnten, mussten wir leider feststellen, dass dabei viel zu wenig über den dritten im Bunde gesprochen wird – den Leser.

Theoretisch können Blogger problemlos ohne jeglichen Leser publizieren (bei einer großen Zahl von Blogs wird diese Theorie auch zur Praxis), praktisch müssen uns diese Fälle hier nicht interessieren, denn nur bei Blogs, die eine Öffentlichkeit nicht nur suchen, sondern auch finden, stellt sich überhaupt die Frage, ob sie besser, schlechter, anders oder genauso wie Journalisten sind.

Aus dem Print-Journalismus kennen wir Unterscheidungen nach Erscheinungsrhythmus (Tages-, Wochen-, Monatspublikation), nach Druckverfahren (Zeitung, Zeitschrift) und Themenschwerpunkt (TV-, Auto-, Wirtschaftsmagazine). Was den Leser angeht wird lediglich differenziert, ob er beruflich oder privat liest (Fach- bzw. Publikumszeitschrift) und wie er bezahlt (Gratis-, Kauf- und Abonnementszeitungen).

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22.06.2007 von Detlef Guertler
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Schalkernst

von Detlef Guertler

Wortistik-Leser Hausi hat sich worchäologisch betätigt. Er schreibt: “Ich würde “Schalkernst” oder “Schalksernst” wieder ausgraben und dem Wort eine neue Bedeutung geben. Geschaffen wurde dieses wunderschöne Wort als Ersatz für Ironie wobmit es sich nicht durchsetzen konnte. Für mich drückt “Schalkernst” dagegen jene Zielstrebigkeit aus, welche mit Humor einhergeht.”

Für mich schließen sich spontan zwei Überlegungen an. Erstens zeigt Hausis Begründung, dass die deutsche Sprache einen reichlichen Bedarf an Wörtern für die Beschreibungen unterschiedlicher Humor-Schattierungen hat. Neben und zwischen Klamauk, Comedy, Kabarett, Ironie und Satire ist noch reichlich Platz, um von Loriot bis Ingo Appelt, von Oliver Pocher bis Helge Schneider passende Beschreibungen zu generieren. Bei Schalkernst beispielsweise würde ich am ehesten an Wigald Boning und Herbert Feuerstein denken.

Zweitens weckt die Genese des ursprünglichen Schalkernst-Vorschlags in mir brennende worchäologische Neugier. Er kommt nämlich von einem gewissen Joachim Heinrich Campe (1746-1818), der laut Wikipedia-Eintrag etwa 11.500 Vorschläge zur… weiter lesen

21.06.2007 von Detlef Guertler
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Heulschrecken

von Detlef Guertler

Ein wunderhübscher Titel der Financial Times Deutschland. Es geht um hochrangige Private-Equity-Manager, die sich bei einer Anhörung im britischen Unterhaus lächerlich machen, weil keiner von ihnen weiß, wie viel Steuern er zahlt. Der befragende Lord McFall ist außer sich: “Stellen Sie sich nicht so an! Sie sind doch die Meister des Universums. Sie müssen doch wissen, wie viel Steuern Sie zahlen!” Pustekuchen.

Natürlich hat keiner der vier Befragten wirklich geheult. Aber allein der Gedanke, dass jemand aus dieser Spezies Mensch einmal selbst ein richtiges Problem – oder gar Schiss – hat, tut doch gut.

21.06.2007 von Detlef Guertler
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Blogpapst

von Detlef Guertler

Wie müssen wir sein, um ein -papst zu sein? Also nicht DER Papst, sondern einer der vielen angehängten -päpste. Stilpapst, Sprachpapst, Modepapst oder eben Blogpapst, wie dieser Tage sowohl der frisch prämierte Stefan Niggemeier als auch der frisch blamierte Don Alphonso genannt wurden.

Wir müssen bekannt sein, klar, und natürlich auch von vielen Menschen beachtet werden. Aber nicht jeder A-Blogger kommt deshalb schon in die engere -papstwahl. Felix Schwenzel beispielsweise scheidet von vornherein aus: Wer “Ich bin keine moralische Instanz” sagt, kann alles sein oder werden, aber niemals -papst.

Wir müssen also einen Gestaltungswillen nicht nur haben, sondern auch zeigen. Wenn sich dieser Gestaltungswillen allerdings regelmäßig nur als Vernichtungswillen äußert wie bei Don Alphonso, qualifiziert das bestenfalls zum Renaissancepapst, eher jedoch nur zum Gernegroßinquisitor.

Zur destruktiven Exkommunikation muss also auch der konstruktiv erhobene moralische Zeigefinger treten, um -papst werden zu können.… weiter lesen

20.06.2007 von Detlef Guertler
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Klingelbild

von Detlef Guertler

Leonie stand an der Wohnungstür, um das Ankommen des Fahrstuhls nicht zu verpassen. Bevor ich den Schlüssel ins Schloss stecken konnte, riss sie die Tür auf: “Her mit dem Handy!” – “Wie bitte?” – “Gib mir dein Handy. Du brauchst einen neuen Klingelton.” Reißt mir das Handy aus der Hand, verbindet es mit dem Computer, tippt ein bisschen hin und her und reicht es mir zurück. “Bittesehr!” Wenn mich jetzt jemand anruft, schallt “Emanuela” von Fettes Brot aus dem Telefon.

“Ich will, dass Herr Wiesbrock uns endlich die CD mit den Bildern von unserer Klassenfahrt gibt”, sagt Leonie kurz darauf beim Abendessen. “Die lade ich dann auch hoch…” – “Das geht nicht, das geht nicht”, fährt Lucie dazwischen, “das sind ja Bilder, keine Lieder!” – “Phh! Dann kriegt Papa eben keinen Klingelton, sondern ein Klingelbild”, verteidigt sich Leonie.

Zwar ist schon die Klingeltonmanie alters- und technikmäßig voll an mir vorbeigelaufen.… weiter lesen

20.06.2007 von Detlef Guertler
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Worchäologie

von Detlef Guertler

So habe ich die neueste Rubrik dieses Blogs getauft. Es handelt sich dabei um den  Versuch, unter den Wort-Ruinen aus grauer Vorzeit ein Wort zu entdecken, das auch heute noch – oder wieder – einen Platz im Wortschatz verdient hätte.

Einige der Wörter, die wir heute wie selbstverständlich benutzen, ohne uns ihrer ehemaligen Ruinengestalt zu erinnern, verdanken ihr Leben spektakulären Rettungsaktionen. So rettete Gotthold Ephraim Lessing im Jahr 1759 eine Unzahl von seinerzeit altmodischen Wörtern vor dem Vergessen, die er in den Werken des Barock-Dichters Friedrich von Logau (1605-1655) gefunden hatte, unter anderem Wandel, Besonnenheit, torkeln, ernüchtern, kosen, entjungfern, nuscheln und Städter. Ach ja: Auch “Unzahl” gehörte zu Lessing worchäologischen Fundstücken. “Spektakulär” hingegen wurde vor 150 Jahren nicht von den Brüdern Grimm in ihr berühmtes Wörterbuch der Deutschen Sprache aufgenommen, da es “veraltet” sei.

Ich bin sicher: Würde es heute jemand auf sich nehmen, beispielsweise Wilhelmweiter lesen

19.06.2007 von Detlef Guertler
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ausheimisch

von Detlef Guertler

Wieder ein Fund aus alten Zeiten. Das Ausheimische geht sogar auf die Bibel zurück, und zwar auf das fünfte Kapitel des zweiten Korintherbriefs: “So sind wir nun allezeit guten Mutes und wissen, dass, während einheimisch in dem Leibe, wir von dem Herrn ausheimisch sind.” Während der Einheimische also irgendwie dort zuhause ist, wo er ist, ist es der Ausheimische eben gerade nicht.

Allerdings, und das ist der große Unterschied zum Fremden, zum Ausländer, zum Zuagroasten und zum Bürger mit Migrationshintergrund: Ausheimisch ist eine Beschreibung, die der Betroffene selbst trifft. Sie ist (erst einmal) unabhängig davon, was die anderen (die Einheimischen also) denken. Selbst wenn sie alle meinen sollten, dass ich einer von ihnen bin: Wenn ich mich bei ihnen nicht einheimisch fühle, bin ich ausheimisch. Und vor allem umgekehrt. In einer Zeit, in der sich die Menschen immer häufiger aus freien Stücken dazu entscheiden, ihre lokalen Wurzeln zu… weiter lesen

18.06.2007 von Detlef Guertler
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nationell

von Detlef Guertler

Goethe hat “nationell” wie selbstverständlich benutzt, Hölderlin ebenso, aber so sehr wir diese Dichter auch heute noch pflegen, ihrem Adjektiv zum Wort “Nation” kehren wir den Rücken zu.

Warum eigentlich?

Könnten wir es mit dem Adjektiv zur Nation nicht so halten wie einst Francois Mitterand mit Deutschland: “Ich liebe es so sehr, dass ich gerne zwei davon hätte.” Nationell ist nicht nur wesentlich unpathetischer als national, es lässt sich auch nicht in zusammengesetzte Formen pressen: Weder Nationellstolz noch Nationellmannschaft funktionieren – einzig das Adjektiv ist verwendbar, das seinem Namen Eigenschaftswort alle Ehre macht, weil es eine Eigenschaft beschreibt. Überall, wo man statt des Adjektivs den Genitiv “der Nation” verwenden kann, ist national das richtige Wort; wo nicht, sollte nationell wieder in seine alten Rechte eingesetzt werden.

In diesem Sinne gibt es eine nationelle Küche, ein ebensolches Klima und auch eine nationelle Sprache – nämlich das deutsche… weiter lesen

17.06.2007 von Detlef Guertler
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Agflation

von Detlef Guertler

“Anleger fürchten eine neue Inflationswelle”, schreiben Daniel Eckert und Holger Zschäpitz heute in der Welt am Sonntag, und meinen damit eine Welle ganz neuen Typs: “Agflation, also vom Agrarsektor ausgehende Inflation, heißt das neue Phänomen.”

Nun war zwar eifrigen Welt-Lesern dieses Phänomen nicht mehr ganz neu, da bereits einen Tag zuvor die Helaba-Chefvolkswirtin Gertrud Traud im Welt-Finanzteil die Agflation als “neues Wort” einführte. Aber weder bei der einschlägigen Finanzblattkonkurrenz von Handelsblatt und FTD noch die überregionalen Zeitungen Faz, taz oder Süddeutsche findet sich irgend etwas zur Agflation im Archiv.

Dass die Agflation jetzt neu auftaucht, hat einen guten Grund: Es gab sie früher nicht. Trotz beständig wachsender Weltbevölkerung und dementsprechend wachsendem Nahrungsbedarf stiegen die Preise für landwirtschaftliche Produkte nicht, sondern fielen und fielen und fielen: Die Produktivität der Agrarindustrie stieg schneller als die Nachfrage.

Jetzt ist alles anders: Die rapide steigende Kaufkraft in Schwellenländern wie China… weiter lesen

16.06.2007 von Detlef Guertler
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Klimaschutzgebiet

von Detlef Guertler

Da fährt man nichtsahnend erstmals in seinem Leben mitten durch den Landkreis Elbe-Elster, und entziffert zwischen den maiskorngroßen Regentropfen ein Schild auf dem “Klimaschutzgebiet Elbe-Elster” steht.

Der Landkreis Elbe-Elster schützt also das Klima, ja? Vielleicht ist an den Elbauen ja ein tropisches Regenwald verloren gegangen (am Regen fehlte es heute jedenfalls nicht). Oder ist es ganz anders gemeint, und die Menschen des Landkreises Elbe-Elster schützen das Klima. Zum Beispiel, indem sie abends (oder bei plötzlicher Verdunkelung wg. Regenfront)  das Licht nicht anmachen. Allerdings war auch in den Dörfern der Nachbarlandkreise beim Durchfahren praktisch kein Licht in den Fenster zu sehen – wenn keiner mehr da wohnt, kann auch keiner mehr das Klima schützen.