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vonDetlef Guertler 05.07.2007

Wortistik

Neue Zeiten brauchen neue Wörter. Doch wer trennt die Spreu vom Weizen? Detlef Gürtler betätigt sich als Wortwart der Nation.

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Diesmal halte ich mich wirklich zurück. Nachdem letzte Woche erst Sprachpapst und Wortisten-Lehrer Wolf Schneider zufrieden festgestellt hatte, dass ich ja der Wortschatzverbesserungsaktion der vier älteren Herren nicht mehr gar so negativ gegenüberstünde, werde ich jetzt den Teufel tun und erzählen, was ich von deren Vorschlag halte, die Happy Hour in Zukunft Blaue Stunde zu nennen.

Reden wir also nur über die neueste Monatsaufgabe: die Neubewortung von Factory Outlet. Definiert wird das Factory Outlet von der Aktion Lebendiges Deutsch als „Direktverkauf einer Firma an die Kunden, meist mit Rabatt“. Wenn es sich, entsprechend der englischen Wortherkunft, jeweils um den Verkauf direkt im oder am Werk handeln würde, könnte man ja einfach beim auch im Deutschen schon gerne genutzten „Fabrikverkauf“ bleiben. Aber der Begriff Factory Outlet hat sich ja inzwischen weit über die Fabrik hinweg ausgedehnt, und bezeichnet jeden Laden, der vom Produktionsunternehmen selbst ohne Einschaltung eines Zwischenhändlers betrieben wird.

Direktvertrieb oder Direktverkauf sind jedoch im Deutschen bereits belegt für die Vertriebsform, die uns den sprichwörtlichen Staubsaugervertreter beschert hat. Anstatt hier von Haustürvertrieb zu sprechen, hat es die Branche geschafft, den Direktvertrieb für sich zu okkupieren – obwohl der Vorwerk-Vertreter ja nun wirklich kein Factory Outlet ist.

Schön wäre es, wenn man statt allzu nah am Ursprungsbild des Fabrikverkaufs zu bleiben, einen Begriff finden könnte, der verschiedene Formen des Direktvertriebs einschließt. Schließlich handelt es sich bei den Web-Shops, die viele Unternehmen betreiben, letztlich auch um nichts anderes als ein Factory Outlet (nur eben im Netz), und die weitere Entwicklung von Mobiltelefonen und -computern wird noch weitere Vertriebsformen ermöglichen, die ebenfalls ohne Einschaltung eines Zwischenhändlers Produzent und Endverbraucher direkt zusammenbringen.

Dies alles vorausgeschickt schlage ich vor, alle diese Vertriebsformen in D-Shop umzubenennen. Das ist zwar nur fast deutsch, aber dafür weltweit verwendbar (D für direkt oder direct oder directe o.ä. ist ziemlich vielsprachig), abstrahiert vom Medium, in dem sich dieser Shop befindet (wenn’s sein muss, darf es sogar Second Life sein), und hat den ganz ganz kleinen Hintergedanken, dass wir Deutschen als Qualitätsanbieter und relativ produktionslastige Volkswirtschaft es schaffen könnten, im D-Shop einen Anklang von deutscher Wertarbeit rüberzubringen.

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https://blogs.taz.de/wortistik/2007/07/05/factory-outlet/

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kommentare

  • „Metzingen“ – sehr schöner Vorschlag! Der besondere Vorteil: Es ist zugleich ein Verb, ich metzinge, du metzingst, sie metzingt. Und für Hobby-Etymologen ist gleich die arabische Wurzel für „Lager/Laden“ erkennbar (französisch magasin, katalanisch magatzem).

  • „Metzingen“ 🙂

    Dieses kleine Städtchen wurde inzwischen nahezu vollständig von diesen Outlet-Dingerns aufgekauft. Siehe auch Googlesuche nach -, Wikipedia über -, oder Homepage der Stadt Metzingen.

    Wenn jemand sagt, er gehe nach Metzingen, dann muss man es schon explizit dazusagen, wenn man vermeiden möchte, dass der Gegenüber annimmt man gehe Kleider kaufen.

  • „Factory outlet“ ist ein blinkendes Plastikwörtchen, ein undurchsichtiges Schmuckwort, eine suggestiv hergerichtete Angeberei; es bietet ein wärmeres, intimeres, haptisches Gefühl und Gesehe des Dazugehörens, des Dabeiseins am geheimnisvollen Ort der Entstehung (als man an der Arbeit und der Couture teilnähme); an der Quelle der Produktion, ller Vorteile des Designs und des gut-wahren Käuflichen, des Preisvorteile; es riecht nach Toppangeboten, nach Vorteil; es ist aber Ausverkauf aus dem Fabriklager.
    Outlet – weil die Neuproduktion schon lange fertig ist – und eingeräumt werden muss für die Kapazitäten der Lager der Jetztsaison-Mode.
    Ort der annoncierten Optionen: schäbig, optisch aufgeputzte Lagerhallen mit Billigdekor.

    Übersetzungen:
    Fabrik-Vertrieb, Abverkauf, Rausvekauf

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