Sauglattismus

von Detlef Guertler

Ein sich “Jörg Kachelmann” nennender Niggemeier-Leser war überhaupt nicht begeistert von der auch hier kürzlich gewürdigten Bildbeschreibung des Welt-Newsrooms: “Für derlei Bemühungen gibt es in der Schweiz den schönen Begriff Sauglattismus, der schwer zu übersetzen ist.”

Das Wort war mir völlig neu. Da jener Kachelmann (ob es sich um jenen sich selbst gerne Klugschweizer nennenden Wetterfrosch handelt, war nicht zu klären) sich auch ansonsten einer durchaus nicht ungenitalen Wortwahl befleißigte, las ich zuerst Saug-lattismus, was allerdings irgendwie doch leicht zu übersetzen wäre und auch nicht sehr schweizerisch rüberkommt. Ein Blick zu Wikipedia machte aber schnell den Lesefehler klar. Der Sauglattismus, so heißt es dort, “ist vom Adjektiv sauglatt abgeleitet, das soviel wie “sehr lustig” bezeichnet.” Also doch Sau-glattismus. Schon schweizerischer.

Und was ist Sauglattismus? “Sauglattismus ist verzierter Schwachsinn”, sagt Wikipedia; “Zahnbürsten mit einem Gesicht drauf, zum Beispiel.” Und auch dort heißt es “eigentlich unübersetzbar”.

Das wiederum geht gar nicht. Wo kämen wir da hin, wenn Schweizereien nicht mehr ins Deutsche übersetzt werden könnten?! Wie also könnte man das nennen, was der Schweizer Sauglattismus nennt, wenn man nicht über das Adjektiv sauglatt verfügt, zumindest nicht mit der helvetischen Zweitbedeutung? Überwitz zum Beispiel, wenn man bei der Grundbedeutung von sauglatt bleibt; aber auch Glatzlocke hätte einen gewissen Charme. Andere Vorschläge?


26 Kommentare zu "Sauglattismus"

  1. Kicherköcherweise:

    Schwindelschweizschwatz

    *

    Kicherkachelmännle

    *

    Witzsitzkissenpupser (et vice versa)

  2. doch, das ist d e r kachelmann.

  3. Lieber Detlef Guertler

    Ich hab noch ein wenig überlegt. Sauglattismus ist wenn man in Deutschland auf einen Witz “Höhö” sagen möchte. Oder das, was man an einem Prunkabend in Sachen Karneval erduldet/erleidet. Glatt=witzig, sauglatt, sehr witzig, aber nicht gut witzig. L’art pour l’art auf eine für den Rezipienten anstrengende Weise, das Humorverständnis des Senders der Welt aufdrängend. Gerne auch in populistischem Kontext wie der “Mailer”-Text: Sicher sein wollend, Applaus und klammheimliche Freude zu ernten: Da hats jemand aber der Welt-Redaktion gezeigt, boah! Es hat sich für mich eher gelesen wie das wochenlang gedrechselte Elaborat (für solche Fälle ist das Schweizer “Werklein” auch angemessen) eines Menschen, dessen Bewerbungen bei der Welt und von der Welt einfach nicht erhört wurden. Kunstgeschichte ist natürlich auch Pech.

    Herzlich jk

  4. Wenn ich da auch mal meinen helvetischen Senf dazu geben darf …
    Das nordostschweizerdeutsche Adjektiv «glatt» entspricht in etwa «gut gelungen, spassig, witzig, lustig». Erst der schweinische Komparativ macht es unübersetzbar. «En glatte Siech» ist etwa «ein lustiger Kerl». Das «Sauglatte» («Überlustige»?) ist ein sprachlicher Kunstgriff, d. h. man wird vor allem das sauglatt nennen, was man eben gar nicht lustig findet. Es gibt allerdings auch viele Leute, die sauglatte Witzchen tatsächlich glatt finden. Wunder der Sprache …
    Im Übrigen gibts seit kurzem auch einen Sauglattismus-Blog: http://sauglattismus.blogspot.com/

  5. Hmm, jetzt weiss ich auch warum beim Wetter Dienst alles mit PC’s voll steht. Nicht etwa um das Wetter zu analysieren, nein! Der Herr Kachelmann schwingt sich wie ein Tarzan von Blog zu Blog und verfasst ‘intelligente’ Kommentare. Super, und dafür zahlen wir GEZ-Gebühren. Aber ok, das ist eben die Chefkrankheit. Die können sich ja bekanntlich alles erlauben.

  6. Sauglattismus ist auch, wenn der eigene Name eigentlich mit Umlaut geschrieben wird, er ohne Umlaut aber irgendwie origineller wirken soll.

    Herzlich

    Joerg Kachelmann

  7. @JK: Er soll nicht origineller wirken, sondern lesbar sein. Ich habe keine Ahnung, wie viele Browser und Programme aus aller Welt die deutschen Umlaute korrekt darstellen können, aber schon in deutschen Mails wütet mitunter eine gar schreckliche Umlautverstümmelungsmaschine.
    Und schreibbar sein soll er auch. Wie könnte ein bolivianischer oder texanischer Blogger korrekt auf einen Text von Detlef Gürtler oder Jörg Kachelmann verlinken? Mit Detlef Guertler und Joerg Kachelmann geht das viel besser.

  8. Klar. ;-)

  9. Werklein ist übrigens fein – das versteht sogar der Deutsche. Und auch das Mühlein, das der Monarch diese Woche entdeckt hat,
    http://wortreich.nightshift.ch/2007-07-09/muhlein/
    ist helvetischer Senf von der schmackhaften Sorte. Ach, wir könnten so viel von den Schweizern lernen, wenn die uns nur ließen…

  10. Es herrscht zur Zeit ein Jahr Freizügigkeit, wenn man einen Job vorweisen kann (easy, weil kaum Arbeitslosigkeit). Aber in der Schweiz gibt es seit eh und je keinen Kündigungsschutz, dafür nach modernen Maßstäben Vollbeschäftigung. Und für den normalen deutschen Journalisten ist ja die Absenz von Kündigungsschutz etwas so Abartiges (Bush!Manchesterkapitalismus!Menschenverachtend!), dass sich doch viele des Abenteuers entsagen werden, dass die Sicherheit der meisten Arbeitsplätze eher einen Zusammenhang mit der eigenen Lust und Performance, weniger aber mit anderen willkürlichen Kriterien und Arbeitsgerichten zu tun hat.

  11. Huch, warum denn gleich einwandern? Es wäre ja schon schön, wenn sie sich nicht so unübersetzbar gäben…
    Und wenn ich bei der Gelegenheit auf das Jugendwerk eines der hier so kritisierten Journalisten hinweisen darf:
    http://www.amazon.de/Die-humane-Revolution-Detlef-G%C3%BCrtler/dp/3421054940/ref=sr_1_8/303-6875028-2142629?ie=UTF8&s=books&qid=1184174839&sr=1-8

  12. OK, ich werds bestellen und lesen. Und meine ja auch nicht alle, nur die mit einem unkündbaren Vertrag ausgestatteten, die jeweils sturzbetroffen über die “Hire-and-Fire-Mentalität in den USA” jammern und raunen. Da würde mich der Zusatz “und in der Schweiz” freuen.

  13. Höhö! möchte man sagen zu den Beiträgen des Herrn Kachelmann. Oder vielleicht doch – aus Umlautvermeidungsgruenden – lieber HoeHoe!?
    Ich persönlich finde, der Beitrag von Norman E. Mailer ist eindeutig dem ‘Genialismus’ zuzuordnen.
    Sauglattismus hätte ich übrigens bis heute für die Wortneuschöpfung eines Meteorologen aus der Schweiz gehalten: ideal für die Anmoderation eines Winterwetterberichtes.

  14. Vielleicht haben das englische glad und das deutsche glatt eine gemeinsame indogermanische Wurzel. Dann wäre ich glatt erfreut und zu sauglatt passt hoch erfreut. Der Ismus bezeichnet die ironische Überhöhung.

    Es wird immer schwieriger, einen griffigen Künstlernamen zu finden, der in die Bloggerwelt passt. Norman E-Mailer ist da zumindest ein Treffer gelungen. Ob sein Stil dem Genialismus oder der Genialität zuzurechnen ist, mag ich noch nicht beurteilen, da ich zuwenig von Knustgeschichte verstehe, um zu erkennen, ob seine Bild-Betrachtung der Welt-Redaktion Ernst oder Satire ist. Vielleicht kommen ja noch weitere Texte.

  15. Sehr glatt im winterlichen Sinn ist eben “uhuere iisig” oder “uehuere schlipfrig” oder in manchen Landesteilen “uhuere hääl”.

  16. Aber in der gänzlich unschweizerischen ARD kann man doch bestimmt statt “gefrierender Regen” auch Sauglattismus ansagen.

  17. Ich frag Struve.

  18. Also ich würd mich jedenfalls sehr freuen über einen Winterwetterbericht, der mit Sauglattismus anfängt. Sagen Sie das doch bitte dem Herrn Struve. Schliesslich zahl ich GEZ Gebuehren. Da darf man sich doch vielleicht auch mal was wünschen?!

  19. Interessante Diskussion! Doch heutzutage ist es doch üblich, bei fachspezifischen Fragen einen Experten zu konsultieren, der sich kompetent zu der Sachfrage äussern darf. Leider wurden wir nicht als Sachverständige des Sauglattismus aufgeboten, hier mitzudiskutieren(Oder wie man sauglatt sagen würde: unseren Senf dazu geben). Aber wenn ich die Kommentare so durchlese, wird man auch hier Zeuge des Sauglattismus. Zum Beispiel, wenn ein gewisser Herr Detlef Guertler meint:
    Aber in der gänzlich unschweizerischen ARD kann man doch bestimmt statt “gefrierender Regen” auch Sauglattismus ansagen.
    Das ist Sauglattismus der Deutschen Art. Germanischer Sauglattismus sozusagen.
    Aber um die Frage, um die hier feige herumdiskutiert wird, zu lüften, werde ich meine Interpretation des Sauglattismus umschreiben.
    Sauglattismus ist die Beizenfasnacht mit Serviertöchtern obenohne in der Ostschweiz.
    Sauglattismus ist, den Blick zu zitieren.
    Sauglattismus ist, in der Beiz einen lauten, primitiven aber pointenschwachen Witz zu erzählen.
    Sauglattismus ist, Jörg Kachelmann.
    Sauglattismus ist, lustig angemalt oder gar mit Bodypainting obenohne an die StreetParade zu gehen.
    Sauglattismus ist das
    Sauglattismus ist, den Deutschen Sauglattismus zu erklären.
    Lustige Klingeltöne sind auch Sauglattismus.
    Allerheiligen Happy Kadaver nennen ist auch Sauglattismus.
    Unser Blog ist auch Sauglattismus.
    Sauglattismus ist, einen klugschweizerischen Kommentar zu verfassen und nicht mal nach Fehlern durchzulesen.
    Achja, das Wort klugschweizerisch ist auch recht sauglattistisch.

    Wenn sie mehr über Sauglattismus erfahren wollen, besuchen sie unseren sauglatten Blog

  20. @Bünzli: Lüftet man bei Ihnen in der Schweiz auch Fragen? Bei uns Germanen nur Betten und Geheimnisse.

  21. @Wortist: Sie haben den Hut vergessen, der vor dem Selbigen auf der Stange gelüftet werden sollte. Doch der Tell hatte sich doch geweigert.

  22. Manche von uns geben auch Telefone, setzen Kommata an seltsamen Orten und machen aus dem Adjektiv sauglatt plötzlich sauglattistisch. Ich vermute hinter dem Schreiber womöglich deutschen Migrationshintergrund mit Überassimilations-Neurose.

  23. Oder anders gesagt: Bünzli ist vielleicht eher ein Bünzle?

  24. super, ich sehe, sie haben mich alle verstanden. und herr kachelmann, eher bünzlic. ungarisch-kroatischer migrationshintergrund.
    Detlef Guertler, wissen sie, was ein tüpflischiesser ist?

  25. Sauglattismus ist, statt dessen von Tuepflischiesser zu schreiben.

  26. Zumal wir das auf Schweizerdeutsch Tüpflischysser schreiben müssen, Herr Grdic!

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