Goldtstücke – Altersgattin

von Detlef Guertler

Als ich neulich an dieser Stelle die Worchäologie erfand, schrieb ich dazu: „Es handelt sich dabei um den Versuch, unter den Wort-Ruinen aus grauer Vorzeit ein Wort zu entdecken, das auch heute noch – oder wieder – einen Platz im Wortschatz verdient hätte.“

Auch ein Beispiel fügte ich damals hinzu. „Würde es heute jemand auf sich nehmen, beispielsweise Wilhelm Bölsches “Liebesleben in der Natur” von 1898 mit worchäologischem Blick zu lesen, ein seinerzeit berühmtes Standardwerk des Jugendschwulsts, so manches ausgesonderte Wort käme wieder zum Vorschein.“ Und einen Herzenswunsch auch noch: „Ach, wie schön wäre es, einen Worchäologie-Lehrstuhl zu haben, und seine Studenten in staubige Archive zum Wortausgraben zu schicken.“

Wenig später bereits hatte ich eingesehen, dass man sich erst einmal selbst als Wortausgräber betätigen muss, bevor man zum Lehrstuhlinhaber werden und Studenten herumkommandieren kann. Und just zu dieser Zeit, am Freitag, den 13. Juli 2007, fand ich im Libresso-Leseladen von Anne Peer in der Altstadt von Estepona den Eingang in jene Neuwortwelt, die auszugraben ich mich nunmehr anschicke: die von Max Goldt.

Nicht dass mir Max Goldt bis dato unbekannt gewesen wäre, nein, ganz im Gegenteil. „Die Unfähigkeit zu frühstücken“ war eine der ersten Schallplatten, die ich mir zum regulären Preis kaufte und nicht bei irgendjemandem auslieh, um sie zu überspielen, weil ich damals, mehr als 20 Jahre muss das schon her sein, niemand kannte, der sich für Foyer des Arts begeisterte. Mit den Jahren sammelten sich immer mehr Goldt-Bücher in meiner Bibliothek, in meinem Praktikum bei der taz Hamburg im Sommer 1988 gelang es mir mehrfach, Zitate von Max Goldt in die Rubrik „Tageslosung“ einzuschmuggeln, und die „Königin mit Rädern untendran“ gehört zu jenem exklusiven Kreis von sechs Liedern, die ich eins nach dem anderen vor mich hinsang, wenn nachts um drei einer meiner Säuglinge partout nicht wieder einschlafen wollte. Noch heute kann es vorkommen, dass eines jener Kinder von mir verlangt, eben jene Königin oder Thommie Bayers „Ballade vom Space Captain Fritz“ zu singen.

Eben von jenem Max Goldt stand das Büchlein „Wenn man einen weißen Anzug anhat“ im Regal in Estepona, als wir die bestellten Schulbücher für die Kinder abholten. Und weil es nicht fair ist, wenn die Kinder so viele Bücher bekommen und ich kein einziges, kaufte ich mir den „weißen Anzug“, und fand dort zu meiner übergroßen Freude, und eigentlich hätte ich es mir schon längst denken können, Wörter, die sonst nirgends zu finden sind. Ein erster Blick in die im Internet zugänglichen Texte (nur ein Bruchteil des Goldt-Oeuvres) bestätigte meine Grundvermutung: Hier finden sich eine Fülle von eigens erfundenen Wörtern, die wie Perlen vor die Leser geworfen wurden, um diese für einen winzigen Moment zu erfreuen – allerdings nicht zu sehr, denn wenn ein Wort wie „Klofußumpuschelung“ das Publikum zu Heiterkeitsausbrüchen verleitet, wird es verdächtig und bei nächster Gelegenheit wieder gestrichen: „Selbstzensur ist lebenswichtig, denn wenn man es unentwegt in Kauf nimmt, von anspruchslosen Leuten „witzig“ gefunden zu werden, sinkt man hinab.“

Warum also sollte ich mich in Bölsches „Liebesleben in der Natur“ versenken (das in Berlin auch in meiner Bücherwand steht, schließlich wohnte ich einmal fünf Jahre lang in Berlin-Friedrichshagen, wo die Hauptstraße Bölschestraße heißt), wenn ich mich genauso gut im Werk von Max Goldt der worchäologischen Forschung widmen kann, sagte ich mir, außerdem klingt der Titel „Goldtstücke“ doch auch viel netter als Bölschismen. Mit denen können sich dann irgendwann meine Studenten abgeben. Ich hingegen werde einen ganzen Sommer lang nach Goldt-Stücken graben. Mit Erläuterungen und eigenen Kommentaren werde ich mich dabei in der Regel zurückhalten, an Quellenangaben und dem jeweiligen Zusammenhang, in den diese Wörter vom Meister gesetzt wurden, soll es jedoch niemals fehlen.

Genug der Vorrede. Den Anfang macht die Altersgattin: „Während einer langen Fahrt auf der Autobahn kam neulich das Gespräch auf Willy Brandt, und ich erinnerte mich eines seltsamen Interviews, das nach dem Tode Brandts dessen Altersgattin Brigitte Seebacher-Brandt gegeben hatte.“

Quelle: Max Goldt: Wenn man einen weißen Anzug anhat, Rowohlt 2002, S. 96. Der Text heißt „Kiesinger weiß kein Mensch was drüber“ und stammt nach eigenen Angaben vom März 2001.


2 Kommentare zu "Goldtstücke – Altersgattin"

  1. Ja – recte et veriter die “Altersgattin”? – und nicht vielmehr und wg. Senilität die Alterungsgattin, die sich bald enwickelte zur SPD-sei-bei-mir-Gattin – .. ein Sterbe, ja – ein Todesengel?

  2. Big Maximus Goldtstück findet sein wahres Pendant:

    http://www.aurex.ch/aurexcms/images/stories/Aurex/Edelmetalle/Nugget.png

    Und sagt da Goldtstück zu seinem handerlesenen Nuggetgirl:
    “Kuck dir das an – but it’s all unnützes Wissen! Damned Schulbildung..! – Ein beschisseer PISA-Test bringt’s eher!”

    “Oh”, sagt goldtiges Nuggetchen, “aber ach – ich versprech dir, ich kuck mich nicht im Spiegel mehr an, bis wir heiraten – und wir beide bleiben auch hier in Alaska, nicht wahr, Schätzelchen?”

    “Wow, au-ja, bis wir verschmolzen sind!”

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