“Ich las auch schon an völlig unbewohnten Orten, z. B. open air vor einer Almhütte in Kärnten. Meinen Vortragstisch hatte man hübsch mit frisch gepflückten Steinpilzen dekoriert. Kühe muhten, Kinder spielten Kriegen. (Leider habe ich davon keine Live-Aufnahme! Ich kann mich nicht erinnern, bei einer Lesung je richtig ausgebuht worden zu sein, aber ich wurde ausgemuht!) Während der Lesung bemerkte ich ein prasselndes Geräusch. Ein Mann in der ersten Reihe hatte seinen Penis herausgeholt und, ohne sich von seiner Sitzgelegenheit zu erheben, urinierte er in hohem Bogen. Ich hielt inne und betrachtete das Naturspektakel. Das sei nicht gegen mich, meinte er, die Lesung gefalle ihm gut, aber “am Land” sei “dös” halt so üblich. Auch seine neben ihm sitzende Gattin hielt “das” für normal und lachte fröhlich vor sich hin. Nach der Lesung verzogen sich alle in die Hütte, um wie wild zu koksen und sich gegenseitig unter die Gewänder… weiter lesen
Archive for Juli, 2007
“Die Frage ist: Wieviele der in Berlin gemeldeten Ausländer sind Türken mit Schnauzbart? Eine Broschüre des statistischen Landesamtes gibt Auskunft: Von den 257 916 Berliner Ausländern sind 114 814 türkische Staatsangehörige. Davon sind 61 911 männlichen Geschlechts. Davon sind 18017 unter 15, also in nicht bartfähigem Alter. Bleiben ca.42000. Wieviele davon tatsächlich Schnurrbartträger sind, verschweigt die ansonsten geschwätzige Publikation leider, aber meiner Beobachtung nach ist es etwa jeder zweite. Das heißt also: Nicht mal 10% der Ausländer hier sind beschnauzbartete Türken. Genaueres kann ich nicht sagen, denn ich habe keinen Taschenrechner. ”
Quelle: Max Goldt: In der Fremde ganz allein, in: Ich und mein Staubsauger, September 1987
Allgemeine Erläuterungen zum Wie und Warum der Goldtstücke stehen beim ersten seiner Art.
“Groß ist die Sehnsucht der Deutschen nach Wohlfühl-Worten, klein sind Kraft und Wille, sie in der eigenen Sprache zu suchen. Die Angst vor Bedeutung überragt den Respekt vor der Schönheit haushoch.”
Quelle: Max Goldt: Worte wie Heu, in: Titanic, September 1992, Nachdruck in: Quitten für die Menschen zwischen Emden und Zittau, Haffmanns, 1993
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Anmerkung des Wortisten: Wie sehr Max Goldt mit dieser kleinen Beobachtung ins Schwarze traf und trifft, zeigt sich nicht zuletzt daran, welches Wort heute vereinzelt als “Wohlfühlwort” bezeichnet wird: Wellness.
“Hosen sind oft im Nu dreckig. Jaja, man kann sie in die Waschmaschine stecken, oder, wenn man keine hat, wie das bei mir der Fall ist, sie mit Wipp-Express im Handwaschbecken kalt waschen, aber es ist doch oft auch so, daß man dazu einfach keine Zeit hat. Jedenfalls war ich sechs Wochen nicht ins Waschcenter gekommen, und es war alles strunzschmutzig, besonders die schöne Oldenburger Hose, die sogar hintenrum einigermaßen sitzt, falls ich das beurteilen kann, weil man sich ja immer so verrenken muß, wenn man im Spiegel kontrollieren will, wie seine Hose am Hintern sitzt. Es ist übrigens eines der schönsten Ereignisse im Leben eines humorfähigen Menschen, wenn man beobachten kann, wie jemand anders rückwärts im Spiegel den Sitz seiner Hose begutachtet.”
Quelle: Max Goldt: Ich habe schöne Waden, in: Ich und mein Staubsauger, August 1987
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“Manchen Leser wird es in Fingerschnipslaune versetzen, zu erfahren, daß gegen eine Gebühr von nur 130 DM vierteljährlich Briefkästen auch in privaten Räumen aufgestellt werden und regelmäßig geleert werden.”
Quelle: Max Goldt: Urin, Heidelbeeren und Marc Almond, in: Ich und mein Staubsauger, Juni 1987
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Als ich neulich an dieser Stelle die Worchäologie erfand, schrieb ich dazu: „Es handelt sich dabei um den Versuch, unter den Wort-Ruinen aus grauer Vorzeit ein Wort zu entdecken, das auch heute noch – oder wieder – einen Platz im Wortschatz verdient hätte.“
Auch ein Beispiel fügte ich damals hinzu. „Würde es heute jemand auf sich nehmen, beispielsweise Wilhelm Bölsches “Liebesleben in der Natur” von 1898 mit worchäologischem Blick zu lesen, ein seinerzeit berühmtes Standardwerk des Jugendschwulsts, so manches ausgesonderte Wort käme wieder zum Vorschein.“ Und einen Herzenswunsch auch noch: „Ach, wie schön wäre es, einen Worchäologie-Lehrstuhl zu haben, und seine Studenten in staubige Archive zum Wortausgraben zu schicken.“
Wenig später bereits hatte ich eingesehen, dass man sich erst einmal selbst als Wortausgräber betätigen muss, bevor man zum Lehrstuhlinhaber werden und Studenten herumkommandieren kann. Und just zu dieser Zeit, am Freitag, den 13. Juli 2007, fand ich im… weiter lesen
Dass ich das noch erleben darf! Die CDU hat die taz in politisch korrekter Wortwahl übertroffen! Denn bei der taz, einer der traditionellen VerfechterInnen des Binnen-I (oder muss es BInnen-I) heißen, ist noch niefraud auf die Idee gekommen, dass ein Motor auch weiblich sein könnte – aber Staatsministerin Maria Böhmer, die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung. “Nach den Worten der Staatsministerin sollen vor allem die “Mütter als Motorinnen der Integration” angesprochen werden”, heißt es im Fazit der CDU zum Integrationsgipfel.
Darf frau das? Natürlich nur, wenn man das auch darf – wenn also dem Motor in der deutschen Sprache eine Motorin sich hinzugesellen kann. Der Duden kennt zwar Motoren und Motorik, aber keine Motorin, und auch bei Google sind Motorin und Motorinnen zwar häufige Treffer, aber nur selten, und dann eher nicht ernst gemeint, als weibliche Form des Motors: Die meisten Treffer für Motorin entfallen auf einen stellvertretenden russischen Finanzminister… weiter lesen
Nein, das Wort ist natürlich nicht neu! Abermillionen von Berufs- und sonstigen Jugendlichen beschreiben damit jegliche Musik mit weniger als 70 Schlägen pro Minute (beats per minute), entspannende Musik also. Auch im etwas erweiterten Sinn sind das Verb chillen und das Adjektiv chillig weit verbreitet – wenn mal an einem Wochenende weniger als drei Parties pro Abend anstehen, ist das schon reichlich chillig.
Jenseits der jugendlichen Freizeitunterhaltung machen sich jedoch sowohl Verb als auch Adjektiv rar. Tests wie “Wie chillig bist du in Wirklichkeit?” zeigen deutlich, dass eine Ausweitung aus dem Jargon- ins Normaldeutsch nicht vor der Tür steht. Wenn Sie auf mehr als vier der zehn Fragen eine passende Antwort geben können, sind Sie nur taz-Leser, weil Ihre Großeltern die Zeitung abonniert haben.
Ins Grübeln brachte mich allerdings dieser Tage der Bericht von einer Hausbesetzung in Hennigsdorf bei Berlin. “haus ist noch besetzt und… weiter lesen
aus dem Allgäu von Wolfgang Wilhelm:
Wie das mit der Bibel war, das wissen wir ja. Oder meinen es zu wissen, jedenfalls die ersten Zeilen der »Schöpfungsgeschichte«. Und es gibt Menschen, die nehmen die »Genesis« wörtlich. Ganz wörtlich – »Kreationisten« eben. Wobei es dabei auch viel mehr unterschiedliche »Konfessionsnieten« gibt, als man meinen möchte: »Ja, der Mensch wurde erschaffen – aber nicht von Gott, sondern von Außerirdischen.« meinte beispielsweise der Bestseller-Autor Hans-Joachim Zillmer in seinem ersten Buch.
Gernot L. Geise ist sich wiederum sicher, dass der Mensch vom Mars stammt bzw. ihn als Zwischenstation verwendet hat. Natürlich gibt es noch die Witzbolde der »Leben-Lesu-Forschung«, die bislang immer noch keinen historischen Jesus gefunden haben. Und auch nicht finden werden, solange sie ihn in Galiläa suchen.
Doch bleiben wir im »Alten Testament« und wundern uns, dass die »Schöpfungslehre« ausgerechnet im Land des »Darwin-Kapitalismus’« um sich greift: Sollte man… weiter lesen
Ich begrüße aufs Allerschärfste jeden Blogger (und natürlich auch jeden anderen Menschen), der durch unser bescheidenes Pflänzchen der Blogosphäre dazu angeregt wird, sich neue Wörter auszudenken und sie der Öffentlichkeit, wie klein sie auch jeweils sei, mitzuteilen. Je gelungener eine Neuschöpfung ist, desto größer ist schließlich die Chance, dass sie sich aus dem eigenen Saft des eigenen Blog hinaus ins offene Land begibt, um zum Teil des deutschen Wortschatzes zu werden. Den wie schrieb schon Hermann Hesse: “Jedem Neuwort wohnt ein Zauber inne.”
In diesem Sinne geht heute unsere allerschärfste Begrüßung an Christian Bölling in München, der heute in seinem Blog höflich anfragte, ob er mit dem Wort “Verfloskelung” wohl zum Wortisten komme. Jein, Herr Bölling: So lobenswert der Einsatz ist, die Verfloskelung halte ich für keinen Gewinn gegenüber bislang verwendeten Begriffen wie floskelhaft, gestanzt, oder einfach “schlechtes Deutsch”.
Aber gerade mal zwei Wörter weiter lässt… weiter lesen