Archive for August, 2007

18.08.2007 von Detlef Guertler
blogavatar

Kommentarhaftung

von Detlef Guertler

Bis vor wenigen Tagen verirrte sich allenfalls hin und wieder einmal ein Synonymsucher zu diesem Wort, wenn er nicht immer nur von “Forenhaftung” schreiben wollte, bei der es schlicht darum geht, inwieweit der Betreiber eines Online-Forums für die dort abgesonderten Kommentare verantwortlich ist. Da gibt es eine wilde Mischung von Meinungen und Gerichtsurteilen, und es ist vermutlich jeweils ein Unterschied, ob es sich um kommerzielle oder nichtkommerzielle Plattformen handelt, um Betreiber von Einkaufsnetzen (wie Ebay), Fachforen (wie Heise), Diskussionsgruppen (wie StudiVZ) oder oder oder, sowie ob es sich bei den dort auftauchenden verdächtigen Inhalten um Kinderpornographie, üble Nachrede, Anlegerbetrug oder Nazi-Parolen handelt. Und um die Verwirrung perfekt zu machen, ist es natürlich überhaupt nicht egal, ob man es hierbei mit dem Landgericht in Hamburg oder mit dem in Berlin zu tun hat.

“Eine “rechtliche Geburt” mit vielen Wehen” konstatiert Thomas Schwenke, und führt in eine Schwindel erregende Vielfalt von juristischen… weiter lesen

17.08.2007 von Detlef Guertler
blogavatar

Goldtstücke – Argusohren

von Detlef Guertler

“Die Menschen sind nämlich meist nicht in der Lage, gleichzeitig einem Text und einer Musik zu folgen. Sobald Englisches ertönt, beginnen sie gleich, rhythmisch zu zappeln, und sie lassen sich widerspruchslos den abwegigsten Plunder vorsingen. Kommt ausnahmsweise mal was Deutsches, wird der Musik überhaupt keine Aufmerksamkeit mehr geschenkt. Sofort werden Tonnen von Skepsis aufgeboten – schließlich gilt es hier als provinziell, sich seiner Muttersprache zu bedienen – jede Wendung wird mit Argus-Ohren verfolgt, und nur weltanschaulich völig Koscheres, d.h. Sozialdemokratisches oder aber ganz und gar Dämliches (Funpunk) darf ungescholten passieren.”
Quelle: Max Goldt: Quitten für die Menschen zwischen Emden und Zittau, Haffmanns Verlag, 1993, Erstveröffentlichung in Titanic, Dezember 1989. Allgemeine Erläuterungen zum Wie und Warum der Goldtstücke stehen beim ersten seiner Art.

16.08.2007 von Detlef Guertler
blogavatar

Liquiditätsspender

von Detlef Guertler

Dieser bisher in eng gezirkelten Fachkreisen verwendete Begriff ist drauf und dran, in den allgemeineren Sprachgebrauch hineinzuplatzen. Denn mit dem Platzen der Kreditblase an den US-Immobilienmärkten entpuppen sich diese Spender als eine ziemlich bedauernswerte Spezies des Finanzuniversums – nämlich die, die zahlen müssen, wenn es kein anderer tut. Das Problem der Düsseldorfer IKB ist nach allen bisher veröffentlichten Informationen nicht so sehr, dass ihre in US-Krediten handelnden Spezialfonds so großen Schrott eingekauft hätten, sondern dass die Bank komplett für die Refinanzierung geradestehen muss, wenn sonst keiner zahlen will.

Wenn man langfristige Schulden (wie eben Hypotheken) mit kurzlaufenden Geldern (wie Commercial Papers) refinanzieren will, muss es jemand geben, der im Zweifelsfall den Kopf hinhält: den Liquiditätsspender eben. In dieser Funktion werden auch die SachsenLB und die WestLB noch tragende und/oder tragische Rollen spielen.

Im eigentlichen Wortsinn handelt es sich ja nicht um eine Spende: Für die Liquidität, die er gibt, kriegt… weiter lesen

15.08.2007 von Detlef Guertler
blogavatar

Chorgeist

von Detlef Guertler

Nette Geschichte, die mir da kürzlich erzählt wurde. Zieht der Manager sein Fazit aus der emotional-dynamischen Selbstfindungskonferenz seines Teams, sagt: “Wir brauchen mehr Korpsgeist”, und schreibt aufs Flipchart: “Wir brauchen mehr Chorgeist.”

Na klar kann man prima darüber lachen, dass es mal wieder ein Halbalphabet an die Spitze geschafft hat – aber vielleicht war es ja gar keine Dummheit oder ein freudscher Verschreiber, sondern pure Absicht. Denn in Zeiten wie diesen können immer weniger Unternehmen etwas mit Untergebenen anfangen, die alle im Kadavergehorsam im Gleichschritt marschieren und dabei die Firmenhymne schmettern. Da passt das Bild vom Chor doch wesentlich besser als das vom Armeekorps: Im Chor hat jeder eine Aufgabe, aber nicht alle dieselbe, sondern jeder die, die seinen Fähigkeiten entspricht. Es besteht in gewissem Maß die Möglichkeit der persönlichen Profilierung, aber nur, wenn damit gleichzeitig die Qualität des gesamten Teams gehoben wird. Disziplin ist imChor genauso wichtig wie bei… weiter lesen

14.08.2007 von Detlef Guertler
blogavatar

Sprachkrebs

von Detlef Guertler

Auf die Drastik, die man durch Übertragung der Menschheitsgeißel Krebs auf außermedizinische Bereiche erreicht, wurde hier bereits hingewiesen - genauso wie auf die Heikelkeit (oder wie heißt sonst das Substantiv zu heikel?) dieses Unterfangens. Beide Aspekte finden sich jetzt in einem Beitrag des Monarchen des Wortreichs, der einen Text aus dem Stellenteil der Züricher Tagesanzeigers völlig zurecht zerfetzt, dabei aber zur Krebsmetapher greift: “«Teilaspekt der Erfolgsfaktoren» ist Sprachkrebs.”

Sprachmüll – bestimmt! Gedroschenes Wortstroh – jederzeit! Aber Sprachkrebs? Die besonderen, den Krebs auszeichnenden Eigenschaften sind doch sein (fast) grenzenloses Wachstum und seine ziemlich wahrscheinliche Tödlichkeit. Sprachkrebs wäre also etwas, was in dynamischem Wachstum entweder die Existenz der Sprache bedroht oder die Lebendigkeit von irgend etwas anderem durch sich unendlich ausbreitende Sprache. Beide Eigenschaften fehlen den Teilaspekten der Erfolgsfaktoren.

Der ersten Bedeutung würden wohl jene Freunde der deutschen Sprache zustimmen, die unser Idiom von der galoppierenden… weiter lesen

13.08.2007 von Detlef Guertler
blogavatar

Erwärmungsbranche

von Detlef Guertler

Ein freches Neuwort hat der geschätzte Kollege Dirk Maxeiner da auf der Achse des Guten geschöpft. Denn die Warner vor der globalen Erderwärmung verstehen sich vielleicht als engagierte Weltbürger, vielleicht als NGO, die besonders chuzpigen sogar als Wissenschaftler, die besonders aufgeklärten unter ihnen würden möglicherweise sogar den Begriff “Lobby” für sich gelten lassen (wenn alle anderen ihre Lobbies haben, warum nicht auch das Weltklima?); aber als Branche, igitt!, als Branche würden sie sich nie bezeichnen – das würde ja bedeuten, dass sie mit der Erderwärmung Geld verdienen!

Was sie ja auch tun. Die “Wissenschaftler” vom IPCC und den diversen um den Weltall verteilten Klimaforschungsinstituten genauso wie Al Gore, und dass die Solar- und Windstromer genau wie die ihnen nahestehenden Parteien fleißig mit an den Klimahorrorszenarien malen, passt auch ganz gut zum Branchenbegriff. Und wie viel verdient wohl ein Rückversicherungs-Unternehmen, wenn es ihm gelingt, seine Prämien-Einnahmen auf… weiter lesen

12.08.2007 von Detlef Guertler
blogavatar

Übelsetzung

von Detlef Guertler

Im ursprünglichen Wortsinn ist die Übelsetzung nur ein soeben erschienener Buchtitel von Langenscheidt, der auf etwas mehr als 100 Seiten eine Armada von in unverständlichem Deutsch verfassten Speisekarten, Prospekten und Hinweisschildern in unseren beliebtesten Urlaubsregionen aufführt (ein Beispiel als pdf). Na ja.

Das Wort lässt sich natürlich auch auf jeden anderen missglückten Versuch übertragen, Worte, Sätze und Gedanken in unser geliebtes Deutsch zu übertragen. Speisekarten aller Mittelmeerländer, übelsetzt euch! Aber auch dann sind wir immer noch eher bei Mario Barth als bei Dieter Nuhr.

So richtig aufklärerisch kann die Übelsetzung allerdings wirken, wenn wir sie als Wort für alle missglückten Eindeutschungen und Fremdwörterisierungen verwenden, die wir uns heutzutage leisten. Bislang haben wir dafür kein Wort, allenfalls Übersetzungsfehler, was ja nun auch nicht in jedem Fall stimmt. Eine hübsche Liste von häufigen Übelsetzungen in diesem Sinn findet sich bei ueber-setzen.com.

11.08.2007 von Detlef Guertler
blogavatar

Spartengewerkschaft

von Detlef Guertler

Herbert Grönemeyer wusste nicht, wann ein Mann ein Mann ist, und Dieter Hundt möchte jetzt gesetzlich klären lassen, wann eine Gewerkschaft eine Gewerkschaft ist. “Der Streik einer Spartengewerkschaft für die von ihr vertretene Minderheit der Belegschaft muss per Gesetz für unverhältnismäßig und damit unzulässig erklärt werden, wenn bereits ein Tarifvertrag existiert, der alle Beschäftigten erfasst”, so der Arbeitgeberpräsident.

Gemeint ist natürlich die Gewerkschaft der Lokführer, deren Mitglieder bei der Bahn eine kleine Minderheit darstellen. Aber wenn man so jemand das Streikrecht einschränken will, muss man wohl auch gleich ein paar andere DGB-Gewerkschaften mit dazunehmen: die Lehrergewerkschaft GEW und die Gewerkschaft der Polizei sind ja wohl eindeutig auch Spartengewerkschaften, die eine Minderheit der öffentlich Bediensteten vertreten.

Und wenn man sich nicht so sehr an der Minderheit aufhängt, sondern an der Sparte, die dieser Unterform der Gewerkschaft ja den Namen gibt, so ist eigentlich die IG Metall auch nichts anderes:… weiter lesen

10.08.2007 von Detlef Guertler
blogavatar

Goldtstücke – widerglänzen

von Detlef Guertler

“Es gilt heutzutage als ein Volksfest, wenn man einer bratwurstessenden Verkäuferin bratwurstessend eine Jeansjacke abkauft. Ein besonders wenig würdevolles Spektakel dieser Art findet alljährlich Anfang September bei mir um die Ecke statt: das Turmstraßenfest. Die Einzelhändler schleppen ihren Kram aus den Läden auf den Bürgersteig, hinzugesellen sich die CDU und Aalverkäufer, und wenn dann bald unter jedem Schritt krachend ein Plastikbecher zersplittert, die von Hertie bezahlte Oldies-Band wummert und die Berberitzenbüsche von proletarischem Harm widerglänzen, dann ist der Straßenfestfrohsinn perfekt.”

Quelle: Max Goldt: Quitten für die Menschen zwischen Emden und Zittau, Haffmanns Verlag, 1993, Erstveröffentlichung in Titanic, November 1990. Allgemeine Erläuterungen zum Wie und Warum der Goldtstücke stehen beim ersten seiner Art.

08.08.2007 von Detlef Guertler
blogavatar

Goldtstücke – Mampfigkeit

von Detlef Guertler

“Viele Menschen haben schon unangenehme Erlebnisse mit Schlemmerfilet gehabt. Ein Schlemmerfilet ist ein aus einer Tiefkühltruhe stammender Aluminiumnapf mit etwas Fisch drin. Auf dem Fisch befindet sich ein nicht sonderlich pikanter, aber solide bürgerliche Mampfigkeit ausstrahlender Matsch von ominöser Zusammensetzung.”

Quelle: Max Goldt: Die Kugeln in unseren Köpfen, Haffmanns Verlag, 1995, Erstveröffentlichung in Titanic, August 1994. Allgemeine Erläuterungen zum Wie und Warum der Goldtstücke stehen beim ersten seiner Art.