20.09.2007 von Detlef Guertler
“Der Herr X ist ein bisschen gewütlich, aber sonst ganz nett”, schreibt Leonie aus dem Internat. Und bis ich meine Tochter das nächste Mal ans Telefon bekomme, darf ich jetzt darüber nachdenken, ob sie sich schlicht verschrieben hat, oder ob sie es genau so meint.
Aus Zweierbeziehungen kennt man ja das “Du bist ja so süüß, wenn du wütend wirst”, aber denkt man so auch über einen Lehrer? Zu meiner Zeit hatten wir große Freude daran, hoch motiviert von der Uni kommende Referendare bis aufs Blut zu reizen und Ihnen so ganz gewütlich den Ernst des Lebens näher zu bringen.
Und wenn es tatsächlich irgendwo da draußen noch einzelne Exemplare des alles verstehenden, alles verzeihenden Softies geben sollte, der eigentlich als Leitfossil für die späten 70er fungiert, so könnte man ihm den leicht abgewandelten Balu-Song empfehlen: Probiers mal mit Gewütlichkeit.
18.09.2007 von Detlef Guertler
Sollte wirklich Peter Turi der erste gewesen sein, dem für Eva Braun, äh, Herman, dieses Wort eingefallen ist? Und auch für Verona, Naddel & Co. hatte sich das noch niemand ausgedacht? Nicht einmal für Carmen Thomas’ legendäres Schalke 05? Na dann, herzlichen Glückwunsch, Kollege, und ich bin sicher, es werden sich noch viele blonde Versprecher ergeben, für die sich dieses Wort prachtvoll eignet.
17.09.2007 von Detlef Guertler
Ein Beitrag aus der FTD von heute enthält gleich im Halbdutzend Wörter aus der Finanzbranche, die uns völlig fremd klingen, aber ganz offenbar Konjunktur haben – sie kommen nämlich aus dem stark wachsenden Geschäftsbereich “Islamic Finance”, in dem Geld nur korankonform investiert werden darf: Sex und Drugs sind genauso verboten wie Rüstung und Zinsen.
Das mit dem Zinsverbot galt bis vor wenigen Jahrhunderten ja auch für die Christen, aber inzwischen ist offensichtlich die Bibel so umgeschrieben worden, dass Geld einen Preis haben darf. Dem sechs Jahrhunderte älteren Koran hingegen steht dieses Umschreiben wohl erst noch bevor.
Aber während den christlichen Herrschern in radikalreligiösen Europa des Mittelalters nichts besseres einfiel, als die Geldgeschäfte von Juden erledigen zu lassen, gehen die Moslems von heute mit wesentlich mehr Fantasie ans Werk. Sie basteln Produkte wie Sukuk, Takaful und Murabaha – korankonforme Anleihen, Versicherungen und Hypotheken.
Wenn jetzt im Abendland die Kreditblase… weiter lesen
15.09.2007 von Detlef Guertler
Wer auch immer heute um 16.59 Uhr durch die Google-Suche “gegenteil von retten” zum Wortistik-Beitrag über Wortbestatter gekommen ist, ihm oder ihr sei herzlich gedankt. Leider bietet jener Beitrag keinen Aufschluss darüber, wie das Gegenteil von retten heißen könnte, und ganz offenbar gibt es bislang auch noch nirgends eine Diskussion darüber, wie ein solches Gegenteil heißen könnte, geschweige denn Vorschläge dafür.
Für das wesentlich intensiver debattierte Gegenteil von durstig gab es hier bereits vor mehr als einem Jahr einen Vorschlag, weshalb wir uns auch nicht vorm Anti-Retten drücken sollten. Juristisch ist das Gegenteil von retten die unterlassene Hilfeleistung, Wortkombinationen mit lassen wie zulassen oder geschehen lassen sind denn auch sonst gelegentlich brauchbar, wo eben nicht gerettet wurde.
Daran zeigt sich allerdings auch das hier vorliegende Bewortungsproblem: Während retten eine Tätigkeit ist, und ein Tätigkeitswort bzw. Verb verdient hat, handelt es sich beim Gegenteil von retten in der Regel um eine… weiter lesen
14.09.2007 von Detlef Guertler
Das Dreschen ist ja von altersher eine der wichtigsten journalistischen Aufgaben. Nein, nicht das Verdreschen, das ist eher eine der dabei unweigerlich auftretenden Nebenwirkungen – und in der Passiv-Form des Verdroschenwerdens ein ebenso unvermeidbares Risiko. Nein, es geht um das Dreschen im eigentlichen Sinn, um das Trennen des wertvollen Korns vom minderwertigen Stroh.
Der feinsinnigere Begriff des “Gatekeepers” erweckt den Eindruck, als stünde der Journalist als tapferer Zinnsoldat am Eingangstor zur Residenz des Herrschaftswissens und verwehre allen News den Zugang, die nicht fit to print sind. Zum real existierenden Journalismus passt allerdings besser das Bild des Mähdreschers: Riesige Mengen von Inhalten müssen in kürzester Zeit in brauchbar und unbrauchbar sortiert und hernach gepackt, verschnürt und abtransportiert werden.
Für weitere bei passenden Gelegenheiten wie Ausständen, Weihnachtsfeiern oder Landesmedientagen anzubringende Gemeinsamkeiten zwischen Journalisten und Mähdreschern empfehle ich den als PDF verfügbaren Artikel “Mähdrescheruntersuchungen. Einflüsse auf die Kornabscheidung der Wendetrommel nachgeschalteter… weiter lesen
13.09.2007 von Detlef Guertler
Eigentlich ein klassischer Rechtschreibfehler: Von den 609 Google-Treffern, die es für die Leidensmine gibt, dürfte es sich bei etwa 99,84 Prozent um eine falsch geschriebene Leidensmiene handeln. Die verbleibenden 0,16 Prozent, also genau ein Stück, sind von Günter Ederer, einem Mitautor der 7-gegen-Rahmstorf-Klimakontroverse (bei Niggemeier schon mehr als 300 Kommentare, und es geht immer weiter).
Jener Ederer also wird im Spiegel-Online zum selbigen Thema mit dem Satz zitiert: “Ein mit Leidensmine geschriebener Brief erreichte den Bayerischen Rundfunk.” Und das ist nun wirklich großartig. So wie die Leidensmiene denjenigen auszeichnet, der uns durch sein Aussehen begreiflich macht, dass morgen die Welt untergeht, kennzeichnet die Leidensmine denjenigen, der das durch seine Texte macht.
Mit Leidensmine im Kugelschreiber schreiben außer Rahmstorf zur Klimakatastrophe auch noch Herwig Birg und Konrad Adam in Sachen Demographie, Hans-Herbert von Arnim in Sachen Staatsfinanzen, Jürgen Borchert in Sachen Sozialversicherungen und natürlich all… weiter lesen
13.09.2007 von Detlef Guertler
von Wolfgang Wilhelm aus dem Allgäu:
Sucht Google nicht in Foren oder dauert es da nur etwas länger? Bei Neuworten aus dem Taz-Blog geht’s doch auch ganz schnell. Das Neuwort durch die Benutzerin »olol« im Fan-Forum der Arztserie »Dr. House« ist bei Google jedenfalls einfach nicht zu finden – sondern nur in seiner Bindestrich-Version anderer Personen.
Olol schrieb: “[…] obwohl ich ihm dann ein bisschen vergeben habe, nachdem er die Ikarusmetapher ins Spiel bracht.”
Wer nicht weiß, wer Ikarus war, der kann sich hier z.B. hier informieren. “Ich ermahne dich, Ikarus, dich auf mittlerer Bahn zu halten, damit nicht, wenn du zu tief gehst, die Wellen die Federn beschweren, und wenn du zu hoch fliegst, das Feuer sie versengt. Zwischen beiden fliege!” kann man dort lesen. Das klingt fast nach dem protagonistischen Prinzip (z.B. aus dem Buch »Vorbild Deutschland«).
11.09.2007 von Detlef Guertler
“Keine Minute dauerte es, bis ich wusste, dass ich mit diesen Bildern nicht allein sein konnte, und rief Freund Stephan an. Er solle sofort BBC oder CNN oder so was anmachen, keine Zeit für Erklärungen, mach das Ding an, und dann siehst du’s ja.
Zwei Stunden glotzte ich auf den Bildschirm. Ich war unglaublich durstig, sah mich aber außer Stande, in die Küche zu gehen, um mir etwas zu Trinken zu holen. Immerhin war ich in der Lage, einen nicht sehr guten Satz in mein Notizbuch zu schreiben: „Weltgeschichte kotzt mich gerade an wie eine unangeleinte Kampfqualle.“ Eine erste Ernüchterung trat ein, als Angela Merkel im Studio erschien. Mein Gott, warum interviewen sie die denn jetzt? Angela Merkel sagte das, was Angela Merkel halt zu sagen pflegt, wenn Terroristen in Hochhäuser hineinfliegen, und dann kam auch noch Edmund Stoiber, und ich glaube, er war es, von dem ich… weiter lesen
10.09.2007 von Detlef Guertler
Nein, nein und nochmals nein: Egal wie spritsparend und sauber der auf der IAA präsentierte Halb-Diesel- und Halb-Otto-Motor auch sein mag – man darf ihn doch ganz bestimmt niemals nicht unter gar keinen Umständen unter dem Namen Diesotto verkaufen. Gerade erzählt Dieter Zetsche im Heute-Journal, dass mit Diesotto ein S-Klasse-Mercedes nur noch 5,4 Liter auf 100 Kilometer verbrauchen wird. Das ist natürlich sensationell, aber mit diesem Namen ist das doch eine echte Lachnummer.
Wenn die deutsche Autoindustrie ihre “letzte Chance” (Marietta Slomka) nutzen will, um wieder zum Vorreiter der Automobiltechnologie zu werden, dann sollte sie sich doch bitteschön einen Namen dafür wählen, der nicht wie frisch gesottenes und nicht wie ein italienisches Reisgericht klingt. Wunderdiesel vielleicht, oder Wandelmotor, von mir aus auch Hotzenplotz oder Neckartaler, alles, nur nicht Diesotto!
Bitte helft mit! Es geht um die Zukunft des Standorts Deutschland. Nur wenn… weiter lesen
09.09.2007 von Detlef Guertler
Dass sich ein öffentlich-rechtlicher Sendung von heute auf morgen, und das auch noch am Wochenende, von einer seiner prominentesten Moderatorinnen trennt, ist schon mal was Besonderes. Dass er dabei sogar ein passendes Neuwort prägt, ist mit Sicherheit einmalig: „Frau Herman steht es frei, ihren ’Mutterkreuzzug’ fortzusetzen, aber mit der Rolle einer NDR-Fernsehmoderatorin ist dies nicht länger zu vereinbaren“, wird NDR-Programmdirektor Volker Herres heute von mehreren Medien zitiert.
Zwar ist der Mutterkreuzzug auch schon vor diesem Wochenende vereinzelt verwendet worden (der erste googlefähige Beleg stammt von Cora Stephan und aus dem Jahr 1996), aber auf die Herman’sche Kombination aus fanatischem Engagement für Nur-Mütter und Annäherung an die Familienpolitik des Dritten Reiches passt diese Zusammensetzung wie angegossen.
Schade ist nur, dass ich mich bei meinen freitagabendlichen Talkshow-Betrachtungen jetzt nur noch über Giovanni di Lorenzo aufregen kann.