SIVilis

von Detlef Guertler

SIV war lange Zeit eine harmlose, weithin unbekannte Abkürzung aus einer ganz speziellen Abteilung der Finanzwelt. Ausgeschrieben heißt SIV Structured Investment Vehicle, was auch noch nicht sehr spektakulär klingt. Vor gut drei Monaten hat sich das geändert. Seit Ausbruch der Welt-Kreditkrise Mitte Juli sind die SIVs das große Schwarze Loch der Finanzmärkte: von den Banken außerhalb ihrer Bilanzen geführte Zeitbomben, in denen für einige hundert Milliarden Dollar Forderungspakete liegen, hübsch verpackter Giftmüll aus US-amerikanischen Subprime-Hypotheken, Autofinanzierungen und Kreditkartenschulden. Allein die Citigroup hat etwa Papiere im Nominalwert von etwa 80 Milliarden Dollar in solchen SIVs liegen. Und weil keiner weiß, welcher Müll genau in den Paketen steckt, gibt es auch niemanden, der den Banken das Zeug refinanziert geschweige denn abkauft. Es ist, als sei man aussätzig.
Fortune-Redakteur Allan Sloan schlägt einen anderen Namen für diesen Zustand vor: SIVilis: “That’s a financially transmitted disease that could infect the world’s financial markets, leading to cascading failures and other consequences too dire to even think about.” Man steckt sich also nicht durch Geschlechtsverkehr, sondern durch Zahlungsverkehr an. Wie bei der echten Syphilis weiß man nicht genau, ob man sich ansteckt, wenn man mit einer infizierten Person verkehrt. Man weiß nicht mal genau, wer überhaupt infiziert ist. Aber man weiß, dass es verflucht unangenehm sein kann, sich anzustecken.

Gegen Syphilis helfen Antibiotika. Gegen SIVilis soll ein zufällig auch 80 Milliarden schwerer Kreditkrisenfonds helfen, der den Infizierten einen Teil ihrer Papiere zu Preisen abkauft, die hoch genug sind, dass man den Rest in der Bilanz “marktgerecht” bewerten kann, ohne deshalb gleich Insolvenz anmelden zu müssen – was einige US-Finanzinstitute wohl tun müssten, wenn ihre SIV-Engagements zu aktuellen Marktpreisen bewertet würden. Vielleicht hilft der Fonds tatsächlich. Vielleicht sind die Krankheitserreger aber bereits resistent gegen diese Medizin.

Ach ja: Einen großen Unterschied zwischen Syphilis und SIVilis gibt es: Syphilis im Endstadium kann beim Patienten zu Schwachsinn führen. Bei der SIVilis hingegen müssen die Betroffenen bereits schwachsinnig gewesen sein, bevor sie sich die Giftmüllpakete neben die Bilanz legten.


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