Leider kann ich mich an den Diskussionen beim hoch geschätzten Bremer Sprachblog nicht mehr direkt beteiligen, da meine IP-Adresse in Spanien vom dortigen Server regelmäßig als unfreundlich identifiziert wird und sämtliche Kommentarversuche abprallen. Aber wenn sich aus Debatten dort ein Neuwort ergibt, findet sich ja auch hier ein Plätzchen dafür.
So auch bei dieser Debatte um das Unbehagen daran, als aufrechter Sprachbeobachter und bisweilen auch -kritiker mit Spießern wie Bastian Sick in einen Topf geworfen zu werden. Denn vielleicht ließe sich dieses Unwohlsein mit einer kleinen Erweiterung des deutschen Wortschatzes beheben: Man unterscheide zukünftig zwischen (konstruktiven) “Sprachkritikern” und (destruktiven) “Sprachnörglern”, und schon sind Sick und Konsorten wegdefiniert.
Das lässt sich übrigens nicht nur für die Sprache, sondern auch für alle anderen großen Begriffe so handhaben. Es gibt Demografie-Nörgler (wie Herwig Birg und Konrad Adam), Partei-Nörgler (wie Hans-Herbert von Arnim) und Globalisierungsnörgler (wie Naomi Klein),… weiter lesen
Archive for November, 2007
Über dieses Wort ist Wortistik-Leser polyphem in der heutigen taz gestolpert (die Netzeitung übrigens auch), was mir dankenswerterweise die Möglichkeit gibt, über Mario Barth schreiben zu können, ohne wirklich über Mario Barth schreiben zu müssen (die Frage “Barth oder Nuhr?” spaltet Deutschland so wie einst “Habermas oder Luhmann?”, wohingegen der Versuch aus These (Schmidt) und Antithese (Pocher) die Synthese (Schmidt+Pocher) zu machen, an der Allgemeinverwendbarkeit der dialektischen Methode zweifeln lässt, aber das ja nur nebenbei).
Erregungs-Pitbull jedenfalls nennt taz-Autor David Denk natürlich nicht etwa Mario Barth, sondern Henryk M. Broder (der uns leider immer noch nicht verraten hat, was Pradido bedeutet), der im Spiegel sehr ausführlich mit den Schultern zucken durfte, um uns das Phänomen Mario Barth nicht zu erklären. Nun ist Erregungs-Pitbull zwar ein reichlich dämliches Wort (weil der Pitbull ja etwas jagt oder zerbeißt, aber Broder bestimmt keine… weiter lesen
Clemens, 6, Zeusianer, erzählt beim Frühstück von den Erlebnissen der vergangenen Nacht. “Ich hab’ im Traum gesehen, dass wir Zeus und die anderen Götter nur sehen können, wenn wir nach Griechenland fahren. Und dann war ich so aufgeregt, dass ich aufgewacht bin. Aber dann habe ich einen Traumwechsel gemacht und bin wieder eingeschlafen.”
So einen Traumwechsel hätte seine große Schwester Lucie auch gut brauchen können, als sie ihren Horrortrip mit der Tiefkühltruhenversicherung hatte. Und wenn am Samstag der Lotto-Jackpot geknackt werden sollte, werden sogar gleich viele Millionen Deutsche gezwungen sein, ihren Traum zu wechseln.
Ich habe Prof. Walter Krämer einmal sehr geschätzt. Ich habe vier Bücher von ihm im Regal stehen, die ich alle mit Genuss und Gewinn gelesen habe: So lügt man mit Statistik, Das Lexikon der populären Irrtümer (1 und 2) und das Lexikon der populären Listen. Danke dafür.
Seinen Versuchen, die deutsche Sprache zu retten, stehe ich in diesem Blog ebenso konstruktiv wie kritisch gegenüber. Sowohl der Verein Deutsche Sprache (Gründer und Vorsitzender Walter Krämer) als auch die Stiftung Deutsche Sprache (Vorstandsmitglied Walter Krämer) als auch die Aktion Lebendiges Deutsch (Mitbegründer Walter Krämer) haben ihre Höhen und Tiefen. Auch wenn sie mitunter etwas verbissen und altväterlich an die Entdenglischung der Sprache herangehen, sind ihre Umbewortungs-Aktivitäten insgesamt begrüßenswert – denn misslungene Eindeutschungen werden schnell und ersatzlos vergessen, und nur was von den Sprachbenutzern als besser als das bisher verwendete Wort angesehen wird, wird sich durchsetzen.
Dieses… weiter lesen
Redenschreiber sind von Berufs wegen damit befasst, treffende Worte, und Wörter, für jeden beliebigen Anlass zu finden. So auch Thilo von Trotha, der Superstar seines Fachs in Deutschland. Für eine der zentralen Aufgaben des Redenschreibers, das Wegstreichen überflüssiger Füllwörter und Sprachhülsen, hat er ein besonders schönes gefunden. Da eliminiere er den Quallenspeck, sagte er im Geo-Wissen-Heft über “Das Geheimnis der Sprache”. Dieses Wort hat es verdient, aus von Trothas persönlichem Sprachgebrauch in die Gesamtsprache befördert zu werden – um dort nicht nur für das Weggestrichene verwendet zu werden, sondern insbesondere für all jene Sprachblähungen, die leider kein barmherziger Redenschreiber aus den Vortragsmanuskripten herausgestrichen hat.
Wenn die Feingeister der Toskana-Fraktion Sprachmüll produzieren, darf man natürlich auch von Quallen-Pancetta reden…
“Na, Leonie, welche Geschwindigkeit haben denn die Radiowellen, die uns die Musik ins Autoradio bringen?” – “Vielleicht Schallgeschwindigkeit?” – “Ganz bestimmt nicht – viel zu langsam.” – “Dann weiß ich’s nicht.” – “Denk noch mal nach: Kennst du noch eine andere -geschwindigkeit außer der Schallgeschwindigkeit?” – “Die Lichtgeschwindigkeit.” – “Genau richtig. Radiowellen sind exakt so schnell wie das Licht. Und wie schnell ist das Licht?” – “Keine Ahnung. Vielleicht eine Million Sekundenkilometer?”
Gar nicht so schlecht. Die reale Lichtgeschwindigkeit mit ihren knapp 300.000 Kilometern pro Sekunde ist nur gut den Faktor Drei von Leonies geratener Lichtgeschwindigkeit entfernt. Das Wort Sekundenkilometer (= v*t) ist zwar eigentlich zwei Dimensionen von den Kilometern pro Stunde entfernt (= v/t), aber, wie schon Sprach-Entertainer Bastian Sick bemerkte, handelt es sich hier um eine “umgangssprachliche Maßeinheit” – und das, was den Stundenkilometern da recht ist, sollte auch den Sekundenkilometern billig sein. Gemein deshalb, dass… weiter lesen
Eigentlich wollte ich heute morgen von Kommentarsümpfen und Dummheitsfiltern schreiben, aber dann kam Lucie zum Frühstück. “Ich hatte heute so einen komischen Traum. Wir hatten eine Tiefkühltruhenversicherung, und dann wurden die sauer auf uns, und dann sind sie jede Stunde gekommen und haben etwas aus unserer Wohnung mitgenommen, und das hat mich so aufgeregt, dass ich aus dem Bett gefallen bin.”
Und da dachte ich, anstatt von Kommentarsümpfen und Dummheitsfiltern könnte ich doch auch von Tiefkühltruhenversicherungen schreiben – ist doch irgendwie auch so was ähnliches.
Zur gestrigen ganz leichten Kritik an Sascha Lobos Thesensammlung zur Zukunft des Internets hat sich auch an der Original-Quelle wirres.net eine kleine Disskussion entsponnen, an der sich auch der Kritisierte selbst beteiligt. Mit unter anderem einem wunderschönen Sätzchen: “Wenn man aber das Geschriebene leicht wortspielig ankryptet, so dass die Leute lesen und nicht alles, sondern nur einen Teil verstehen, kann sich mit der dazugehörigen verbalen Erklärung ein plötzlicher Verständniseffekt ergeben.”
Heißt also: Ich könnte es euch auch ganz einfach erklären. Aber ich mache es lieber extra unverständlich, damit ihr hinterher, wenn ihr dann doch etwas begriffen habt, das schöne Gefühl haben könnt, eine eigenständige Denkarbeit geleistet zu haben. Wer so was machen will (als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für Wir-nennen-es-Arbeit-Bohème zum Beispiel), ist mit Lobos Neuverb ankrypten wirklich gut bedient.
Na gut, ich bin parteiisch. Ich habe selbst (mit ein paar Kumpels) meine 96 Thesen zur Wirtschaft im 21. Jahrhundert verfasst und bereits 2001 in Net-Business veröffentlicht (zur Rekonstruktion), da bin ich naturgemäß seeeehr skeptisch, wenn sich Newest-Economy-Darsteller Sascha Lobo an zehn Thesen zur Zukunft des Internets versucht.
Aber auch wenn ich unparteiisch wäre, wären die Lobo-Thesen immer noch grenzdämlich. Nach der ersten These hätte ich mit dem Lesen aufhören sollen: “TV und Print wird es immer geben. Schallplatten gibt es ja auch noch. Das Netz löst sämtliche anderen Medienformen bis auf das Buch und buchähnliche Zeitschriften ab.” Kann mir irgend jemand sagen, was die Aussage dieser drei Sätze sein soll? Gehe ich recht in der Annahme, dass es sich um eine Prognose von der Aussagekraft eines Brigitte-Horoskops handelt?
Und die Misshandlung von Logik und Syntax geht leider in einem fort so weiter. Hat Sascha Lobo da… weiter lesen
Ja, der Espresso kommt aus Italien. Und ebenfalls ja, die italienische Kaffeekultur ist wesentlich liebenswürdiger und geschmackvoller als die deutsche. Deshalb, meinetwegen, darf man sich auch das Wort für denjenigen, der in der Bar den Espresso macht, aus dem Italienischen importieren. Dort heißt er (sie übrigens auch) Barista, und das steht ganz ordentlich neben dem bisher gebräuchlichen Barkeeper. Jetzt ist der Barkeeper nur noch für alkoholische Getränke zuständig, und der Barist für koffeinhaltige.
Aber bitte: der Barist. Nicht der Barista. Auch wenn diese sich gerne selbst so nennen, und Wikipedia Barista als gängige deutsche Bezeichnung aufführt, mit männlichen Baristi und weiblichen Bariste im Plural. Das ist aber kein Deutsch! Auf Deutsch endet eine solche Berufsbezeichnung auf -ist bzw. auf -istin, und im Plural handelt es sich um -isten und -istinnen. Wie Dentist und Polizist, Journalist und Sozialist. Wenn wir die Kaffeekocher zur Revolution aufrufen wollen, sagen… weiter lesen