Hintersassen
von Detlef GuertlerAlso wirklich, man glaubt es nicht, wie tief der deutsche Journalismus schon gesunken ist. Nicht nur, weil Giovanni di Lorenzo ernsthaft als Nachfolger von Stefan Aust als Spiegel-Chefredakteur gehandelt wird, und auch nicht nur, weil ein ansonsten durchaus pfiffiger Kollege wie Oliver Gehrs sich in seinem Aust-Nachruf die Blöße gibt, das Wort “Hintersassen” vorher nicht gekannt zu haben (“…ließ er seine Hintersassen (copyright Kurt Kister, „Süddeutsche Zeitung”) unterirdische Titel produzieren…”), sondern natürlich auch, weil weder Gehrs noch Kister gemerkt haben, dass es hier gar nicht um Hintersassen geht, da es sich bei Hintersassen um im Prinzip freie Bauern handelt, die allerdings in einem klaren Abhängigkeitsverhältnis von ihrem Grundherren stehen – und da beim Spiegel selbstverständlich keine freien Journalisten, sondern nur Angestellte beschäftigt werden, handelt es sich nicht um Hintersassen, sondern um Knechte, wogegen der Begriff Hintersassen heute verwendet eher auf diejenige Personengruppe zutreffen würde, die man “Scheinselbständige” nennt.
Dass nicht alles schlecht ist bei den deutschen Medien, merkt man natürlich daran, dass es noch Journalisten gibt, die in der Lage sind, einen Satz mit 133 Wörtern ohne Grammatik- oder Rechtschreibfehler zu produzieren.
(Oder hat sich doch ein Fehler eingeschlichen?)
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… einen Satz mit 133 Wörtern, in dem sogar Giovanni di Lorenzo vorkommt. Chapeau, mon vieux.
“Ich sag Euch, gebt nur mehr und immer, immer mehr, so könnt ihr Euch vom Ziele nicht verirren. Versuchet nur die Menschen zu verwirren, sie zu befriedigen ist schwer…” (J.W.v.G. – Faust I)
Sehr geehrter Herr,
Sie haben Recht, was diesen di Lorenzo angeht. Er hat in kurzer Zeit mühelos die Zeit versaut, er wird das wohl auch mit dem Spiegel schaffen und dafür noch Preise einheimsen. Die Zeit kann man nicht mehr lesen. Wie und mit welchen Mitteln macht der das eigentlich?
Grüße
Nora
Interessanter wäre eine Antwort auf die Frage, mit welchen Mitteln es gelingen könnte, aus der Zeit ein Blatt zu machen, das man lesen kann…