Contragnose

von Detlef Guertler

Stefan Niggemeier fremdelt immer noch ein wenig mit dem Blogpapsttum. Anstatt sich wie die Eiche zur Sau zu verhalten, wenn offenbar schwer übernächtigte Blogger ihm Meinungsmonopolismus vorwerfen, ruft er um Hilfe:

„Meinungsmonopolismus” ist nicht nur als Vorwurf albern, sondern auch als Wort schön. Herr Guertler, übernehmen Sie?

Aber gerne. Aber anders. Schließlich fanden wir damals, 1968ff, den Vorwurf überhaupt nicht albern, dass der Springer-Konzern Meinungsmonopolismus betreibe. Und auch später, 1986ff, tauchte dieser Vorwurf immer wieder im Zusammenhang mit Silvio Berlusconi auf. Dankenswerterweise war der Vorwurf immer umstritten, aber beide Beispiele machen klar, dass ein Monopolismusvorwurf der Meinungsäußerung immer dann einen gewissen Berechtigungsgrad haben kann, wenn auch ein Monopolismusvorwurf im Meinungsgewerbe geäußert werden kann. Das wiederum lässt sich nun Stefan Niggemeier wahrlich nicht nachsagen.

Wegen dieser sehr ökonomischen Konnotation des Monopolismus wird deshalb von Kritikern mainstreamiger Meinungen häufiger auf der politischen Ebene kritisiert: Es werde Meinungs- oder Geschmacksdiktatur ausgeübt. Als Diktator wird sich Stefan Niggemeier sich auch nicht so richtig vorstellen können, aber wer von ganz ganz unten auf Niggemeiers Position(en) in Blog-Rankings schaut, kann schon mal auf den Gedanken kommen.

Das schöne an einer Demokratie ist allerdings, dass man vorgebliche Meinungs-Diktaturen einfach knacken kann, indem man die gegenteilige Meinung zum besten gibt. Vor fünf Jahren hatte ich dafür in der taz sogar eine eigene Rubrik eingerichtet: Gürtlers Contragnosen. Weil ich damals wie heute zutiefst davon überzeugt war, dass dann, wenn alle Experten und Kommentatoren sich einig sind, das Gegenteil davon eintreten wird, also das Contra zur Prognose. Nicht immer, aber immer öfter.

Ich hatte damals glaube ich fünf Folgen dieser Rubrik gefüllt, dann ist entweder bei der Redaktion oder bei mir ein Sack Reis umgefallen und irgendwelche anderen Themen waren wichtiger. Aber vom Grundansatz bin ich weiterhin überzeugt.

Weshalb, um beim konkreten Fall zu bleiben, wir so lange nicht fürchten müssen, dass Johannes B. Kerner tatsächlich ein brauchbarer Journalist ist, wie Stefan Niggemeiers gegenteilige Behauptung nicht von allen Experten und Meinenden geteilt wird. Wohingegen natürlich Harald Schmidt genau in dem Moment absolut nichtsnutzig und schlecht wurde, als es niemand mehr gab, der ihn als solches kritisierte.


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