31.12.2007 von Detlef Guertler
In meine traditionell als nicht ganz ernst gemeinter Rückblick getarnte Prognose für 2008 habe ich nur ein einziges komplettes Neuwort einschmuggeln können. Nein, nicht Biolivien, das gibt’s nämlich schon, sondern die Entsolarisierung. Die kann sich in der deutschen Energiepolitik natürlich erst durchsetzen, wenn ein Korruptionsskandal oder ähnlich hässliche Dinge das makellose Antlitz der Solarbranche entstellen. Aber irgendwann ist das bestimmt so weit.
In den deutschen Wortschatz hingegen möchte ich hiermit die Entsolarisierung zumindest als theoretische Möglichkeit jetzt schon einführen. Denn alle anderen -isierungen haben auch eine real existierende Ent -isierung:
Solidarisierung: 41.000 Google-Treffer Entsolidarisierung: 40.000 Google-Treffer
Tabuisierung: 55.300 Google-Treffer Enttabuisierung: 22.900 Google-Treffer
Polarisierung: 208.000 Google-Treffer Entpolarisierung: 942 Google-Treffer
Arisierung: 54.000 Google-Treffer Entarisierung: 31 Google-Treffer
Nur eben die Solarisierung bisher… weiter lesen
30.12.2007 von Detlef Guertler
Nein, es gibt sie natürlich noch nicht wirklich zu kaufen – außer als Witzzeichnung.
Aber zum Abschluss dieses Jahres, in dem sich die Klimakatastrophe in den Köpfen der Welt durchgesetzt hat (in der Welt am Sonntag wird heute sogar berichtet, Oberhausener Ärzte hätten das Platzen einer Fruchtblase in der 17. Schwangerschaftswoche auf den Klimawandel zurückgeführt), sollte die Debatte zumindest eröffnet werden, was ein Böller braucht, um sich Bio-Böller nennen zu dürfen:
- Schwarzpulver aus Holzkohle aus nachhaltiger Forstwirtschaft und aus fair gehandeltem, ohne Kinderarbeit aus Höhlen gekratztem Salpeter,
- Besonders geringe Feinstaubbelastung bei der Explosion,
- CO2-Neutralität durch den Einsatz der entsprechenden Menge von CO2-Emissionszertifikaten,
- Lärmentwicklung in ohrenschonenden Frequenzbereichen, Verzicht auf niederfrequente Schalldruckwellen,
- Lärmentwicklung in hundeschonenden Frequenzbereichen, Verzicht auf hochfrequente Schalldruckwellen,
- globalisierungskritisch durch Überweisung von drei Prozent des Verkaufserlöses an staatsbürgerlich wertvolle Entwicklungsprojekte – Affen für Nicaragua oder so ähnlich.
Am besten natürlich alles… weiter lesen
29.12.2007 von Detlef Guertler
Große Ereignisse werfen ihren Schatten voraus: 2008 werden in Deutschland sowohl die Schach-Weltmeisterschaft als auch die Schach-Olympiade stattfinden. So wie vor 50 Jahren, als zwei aufeinanderfolgende Olympiaden nach Deutschland kamen (1958 München, 1960 Leipzig) werden auch diesmal beide Reichshälften bedacht: Die WM kommt nach Bonn, die Olympiade nach Dresden.
“Der gute Ruf des Schachstandorts Deutschland steht auf dem Spiel”, ruft René Gralla in der heutigen Welt. Obwohl sich außer ihm, dem wohl einzigen Schachstandortjournalisten Deutschlands (dem man deshalb auch die Tätigkeit fürs Neue Deutschland nicht verübeln kann, schließlich hat er auch schon für die taz geschrieben), sonst wohl keiner um das Wohl und Wehe des deutschen Schachstandorts bekümmern mag.
Weshalb es wohl auch eine höchst fragwürdige Behauptung ist, dass Deutschland als Schachstandort einen guten Ruf genießt. Mit dem Schachstandort Asralum können wir wohl kaum mithalten. Aber das wird natürlich ganz anders, wenn die Grubbegugge-Leinwände… weiter lesen
28.12.2007 von Detlef Guertler
Wussten Sie schon, dass die deutsche Sprache eine klaffende Demonstrativpronomen-Lücke hat? Doch, doch.
Der bestimmte Artikel heißt der/die/das. Das dazu passende Demonstrativpronomen heißt dieser/diese/dieses.
Der unbestimmte Artikel heißt ein/eine. Ein dazu passendes Demonstrativpronomen gibt es in der Schriftsprache nicht.
Aber in der gesprochenen Sprache. Es heißt son/sone, ist aus so ein bzw. so eine zusammengebacken, und zumindest nach Meinung von Prof. Rudi Keller auf dem Weg aus der Ähbäh-Sprechsprache in die offizielle Schriftsprache (PDF eines Artikels von 2004, “son” findet sich auf Seite 6), wenn das auch noch ein paar Jahrzehnte dauern kann.
Keller hat sich offenbar in der Sprachforscherbranche einen Namen gemacht durch die Entdeckung der “unsichtbaren Hand in der Sprache”. Mir war er bisher kein Begriff (was das Bremer Sprachblog dankenswerterweise geändert hat). Wenn wir uns in der Analogie zu Wirtschaftswissenschaftlern bewegen wollen, halte ich es allerdings weniger mit Adam Smith als… weiter lesen
27.12.2007 von Detlef Guertler
“Ein Blatt, das dermaßen vulgär daherkommt und sich seit Ewigkeiten mit Kleineleuteversteherei drastischster Art anbiedert, müßte angesichts des völligen Fehlens einer Konkurrenz eigentlich mehr als gerade mal 3,5 Millionen Exemplare absetzen.”
Quelle: Max Goldt, Die beispiellose Misserfolgsgeschichte von BILD, in: bildblog.de
Allgemeine Erläuterungen zum Wie und Warum der Goldtstücke stehen beim ersten seiner Art.
26.12.2007 von Detlef Guertler
Natürlich ist das kein neues Wort. Aber der Vorschlag, es mit einer zusätzlichen Bedeutung zu versehen. Nämlich “unabsichtliche Weiterverbreitung einer absichtlichen Falschinformation”.
Anlass ist der erst bei Arne Nordmann und dann bei Stefan Niggemeier erzählte Vorfall, wie die Falschinformation, die deutsche Damenfußballmannschaft habe zum Gewinn der EM 1989 ein Bügelbrett bekommen, in den folgenden Wochen nicht nur in eine ganze Batterie deutscher Qualitätsmedien Eingang fand (ja, auch in die taz), sondern sogar in eine Rede des Bundespräsidenten und von dort aus wiederum in eine ganze Batterie von Nachrichtenagenturen.
Fraglos eine Blitzkarriere. Und geradezu die idealtypische Version eines immer häufiger vorkommenden Falles. Im Internet sehen alle Quellen gleich aus, die Zeit zum Recherchieren in der realen Welt nimmt sich kaum noch jemand, und wenn ein Faktum hinreichend plausibel klingt, wird es, schwupps, einfach mitgenommen.
Natürlich gab es das auch schon vor der Internet-Ära.… weiter lesen
25.12.2007 von Detlef Guertler
Eine äußerst gewagte These, die uns Uta Keseling pünktlich zu Heiligabend in Welt, Welt Kompakt, Berliner Morgenpost und Welt Online präsentiert hat: “Weihnachtsbaumhasser gibt es nicht. Das stimmt, denn das hat eine repräsentative Umfrage mithilfe der Internetsuchmaschine Google ergeben: Zu „Weihnachtsbaumhasser“ gibt es nur drei Einträge. Fazit: Die Deutschen lieben Tannenbäume.”
Das ist erstens gewagt, weil sich just durch solche Behauptungen die bislang anonymen Weihnachtsbaumhasser als solche zu erkennen geben könnten. Was auch schon passiert ist. Schon vor Erscheinen dieses Beitrags hatte sich die Zahl der Weihnachtsbaumhasser-Googletreffer mehr als verdoppelt: von 3 auf 7.
Das ist zweitens gewagt, weil der Weihnachtsbaum hier direkt mit dem Tannenbaum gleichgesetzt wird. Wie in diesem Blog bereits mehrfach berichtet, hegt der Wortist eine gesunde Abneigung gegen unhistorisches Nadelgehölz zu Weihnachten. Aber diese Abneigung erstreckt sich nicht auf das Baumige an sich, sondern nur auf das Tannenbaumige. Seine weiter lesen
24.12.2007 von Detlef Guertler
“Wieso grüßt der dich denn?”, fragt Annette, als wir gemeinsam gen Rewe streben, um die allerletzten Einkäufe vor Weihnachten zu erledigen, und ein Passant zu uns herübergrüßt. “Einfach so”, vermute ich. “Weil Heiligabend ist. Und weil da die Menschen grundfreundlich sind.”
Kurz darauf haste ich noch schnell schnell zu Karstadt, um die aber nun wirklich allerletzten Einkäufe vor Weihnachten zu erledigen. Aber so viel Zeit ist dann natürlich immer noch, um der jungen Mutter dabei zu helfen, den Kinderwagen die U-Bahn-Treppen hinauf zu tragen. Weil Heiligabend ist. Und weil da die Menschen grundfreundlich sind.
Und als ich dann noch, aber wirklich auf den allerletzten Drücker, bei Edeka hineinhusche, weil bei Rewe der Puderzucker und beim Koreaner die Pilze ausverkauft sind, lässt mir doch tatsächlich der Bolle-Berliner mit den vielen Bierflaschen im Einkaufswagen den Vortritt – “gehnse man vor mit ihre zwei Dings da”. Weil Heiligabend ist. Und weil… weiter lesen
23.12.2007 von Detlef Guertler
von Wolfgang Wilhelm aus dem Allgäu:
Schade, dass »Bruno Jonas« noch nicht in diesem Blog vorbei geschaut hat. Dabei macht er sich um Teile der deutschen Sprache verdient – jedenfalls ums Bayerische. Vielleicht schaut er auch heimlich vorbei?
So “übersetzte” er das Wort »Clusterbildung« in seiner letzten Nockherbergrede: »Der Huber ist da wirklich herausragend, was das Bayerische betrifft. Clusterbildung? Das heißt. dass Wissenschaft und Wirtschaft enger miteinander zusammenarbeiten sollen. Ein Cluster sollen sie bilden. Es ist wie im Bayerischen – man muss es nicht verstehen, es reicht, wenn man es hört. Ein Cluster, habe ich mir sagen lassen, ist eine Bündelung von Kräften, ein Netzwerk, dafür haben wir doch ein schönes bayerisches Wort: Spezlwirtschaft.«
(Das ist die vollständige Version aus seinem Buch »Bis hierher und weiter«)
In seinem Buch »Gebrauchsanweisung für Bayern« schreibt er im Kapitel »Die timokratische Oligarchie« auf Seite 89: »Ich habe den… weiter lesen
22.12.2007 von Detlef Guertler
Johann Wanner, Baumschmuckmeister aus Basel, bei brigitte.de über seine warme Weihnacht:
“Wenn ich heute mit meiner Familie Weihnachten feiere, ist es auch immer ein Ausflug in meine Kindheit. Früher versammelte sich unsere Familie um den alten Kaminofen. In der Luft lag der Duft von Äpfeln, die im Ofen schmurgelnd karmelisierten. Dazu der Geruch der Kerzen. Das Wort Recycling gab es damals noch nicht: alle Geschenke waren receycelt, der Teddy bekam eine neue gestrickte Haut, der Puppe wurden die Augen wieder reingenäht. Am Weihnachtsbaum glänzten die Kugeln. Die feierliche Stimmung und das Beisammensein war wichtiger als teure Geschenke. Warme Stubigkeit nenne ich diese Atmosphäre. Ich habe sie als Kind geliebt und ich liebe sie noch heute.“