Gustotainment
von Detlef GuertlerDieses heute in Lothar Lemnitzers Wortwarte neu aufgetauchte Wort wurde offensichtlich tatsächlich erstmals am 2. Dezember in der Überschrift des SPon-Artikels von Sebastian Wieschowski über Tim Mälzer verwendet. “Der Gott des Gustotainment” heißt sie, und alle 43 Google-Treffer zu diesem Neuwort beziehen sich auf diese Überschrift.
Das wirft eine ganze Reihe von Fragen auf:
1. Wieso wurde das gute alte Pomp, Duck & Circumstances von Hans-Peter Wodarz nicht als Gustotainment bezeichnet? Oder wurde es, und es weiß nur keiner mehr, weil alle Treffer aus der Vorgooglezeit stammen und deshalb für immer aus dem Gedächtnis der Weltbevölkerung getilgt sind?
2. Wieso bezeichnet die Wortwarte am 13. Dezember die Neuwörter vom 3. Dezember als Wörter von heute? Früher waren Zeitverschiebungen von ein bis drei Tagen zwischen Wörtersammlung und Wörterveröffentlichung die Regel, heute sind es ein bis drei Wochen – fehlen Zeit oder Mittel oder Drittmittel?
3. Wieso kann Spiegel Online keinen ordentlichen Genitiv mehr bilden? “Der Gott des Gustotainments” müsste die Überschrift natürlich heißen. Ist etwa nicht der Dativ, sondern der Müller-Blumencron dem Genitiv sein Tod? Hat Bastian Sick zu viel mit der Vermarktung seiner Bestseller zu tun, als dass er sich um die Grammatik im eigenen Haus kümmern könnte?
Unabhängig von der Beantwortung dieser Fragen ist natürlich Sebastian Wieschowski, einer Nachwuchshoffnung der Branche, für dieses Neuwort zu gratulieren – da es nicht nur in der Überschrift, sondern auch im Text auftaucht, gebührt ihm die Ehre der Neuwortschöpfung. Dem bearbeitenden Redakteur hingegen die Schande für die grammatikalische Vergewaltigung.
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Mir gefallen diese modischen Kofferwörter mit Entertainment als zweitem Bestandteil nicht so recht. Naja, eigentlich gefallen mir Kofferwörter nie. Es käme schließlich auch niemand auf die Idee, Gustohaltung zu sagen (und zu verstehen), obwohl enter‧tain‧ment (en. via fr. von la. inter und tene‧re) wörtlich praktisch dasselbe wie Unter‧halt‧ung ist.
Die Wortwarte verzeichnet das erste Auftreten eines Wortes meines Wissens dann, wenn die vom Wordwarte-Crawler abgesuchten Seiten sie das erste Mal finden. Ein Wort kann aber natürlich wo anders schon benutzt worden sein. Natürlich kann die Wortwarte nicht das gesamte WWW abklappern, da müsste man dann wohl doch ein paar hundert Anträge auf Drittmittel…
“Gusto” bleibt für mich ein unbenutztes Fremdwort; s.:
http://www.dict.cc/englisch-deutsch/gusto.html
Duden bietet “Gusto” m. W.s seit der 21. Aufl. 1996.
Ich werde, wo möglich, “Gustotainment” zu “Gustainment” verhunzen, zu Gustament, Justament, utimo zu “iustitia mag siegen”.
Und “schmecken” lasse ich mir alles, was mir sprachlich bewusste Menschen anbieten; nicht Köche, Breirührer oder sonstige Entertainer, sie mit Geld dafür engagiert werden, sich etikettenmäßig zu prostamentieren.
Duden in der 24. Aufl.(2009?) wird nachziehen müssen mit “Gustotainment”, da ein Wörterbuch zum Nachschlagen die Verbalitäten aufzeichnet und nicht stilistische oder semantische Geschmacksurteile auftischt, sondern jedes Er- und Misszeugnis der deutschen Sprachtafeln anbietet.
Wo ich schon mal direkt angesprochen werde …
Die Umstellung des Zeichensatzes von ISO8859-1 auf UTF-8 hat mich Zeit und Nerven gekostet. Es ist sauschwer, herauszufinden, in welchem Zeichensatz eine Webseite erstellt wurde. Das muss ich aber wissen, um die Wörter richtig kodiert herausfischen und mit meinen Listen abgleichen zu können.
Jetzt läuft es wieder, aber wer weiß wie lange…
Gegen Drittmittel für dieses Projekt hätte ich übrigens nichts einzuwender. Wohlahbende Freunde der Wortwarte, meldet euch
Schöne Weihnachtsgrüße jedenfalls an alle Leser
Lothar Lemnitzer
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