Lektürefolter

von Detlef Guertler

Mal wieder ein Versuch zu begründen, warum Journalismus 2.0 etwas gaaaaanz anderes ist als der Journalismus, den “die offiziöse Journalistenausbildung lehrt”. Diesmal von Klaus Jarchow, und weil er gleich zwei hübsche Neuwörter geschöpft hat, die Lektürefolter und de Dampfjournalismus, lohnt er die Auseinandersetzung.

Aber nur ganz kurz:

1. Jarchow möchte auf den Print-Journalismus einschlagen, der immer noch lehre, dass Texte von hinten kürzbar sein müssen, und möglichst im ersten Satz alle wichtigen W-Frage beantworte. Das ist natürlich völliger Blödsinn, weil es sich hierbei um Grundregeln für den Nachrichten- bzw. Agenturjournalismus handelt, für den sie übrigens ganz unabhängig vom Medium immer noch so gelten. Diese Regeln galten nie und gelten auch heute nicht für Kommentare, Analysen, Features, und schon gar nicht für Zeitschriften-Journalismus. Da gilt noch immer die alte Regel von Stern-Gründer Henri Nannen für den Aufbau einer guten Geschichte: “Mit einem Erdbeben anfangen – und dann langsam steigern.”

2. Die Regel “Leser müssen angefixt und begeistert werden”, gilt seit jeher für alle Printmedien, die ihr Geld damit verdienen am Kiosk einen Käufer zu finden. Sie gilt nicht bzw. nur eingeschränkt für Abonnementszeitungen sowie Medien, die ihr Geld in erster Linie mit Anzeigenverkauf verdienen – was natürlich die meisten Medien betrifft. Ganz uneingeschränkt gilt die Regel aber für Boulevardzeitungen. Weshalb Jarchow eigentlich an dieser Stelle eigentlich nichts anderes sagt, als dass erfolgreicher Online-Journalismus ungefähr so funktioniert wie die Bild-Zeitung.

3.  Das sieht Jarchow natürlich ganz anders: “Wo aber lernen wir es, Lesern mit Texten Lust zu bereiten? Genau! Die große Schule dafür heißt ‘Literatur’ – wir lernen von demjenigen Genre, das seit jeher von der Freiwilligkeit des Lesens lebt.” Dagegen steht erstens der Einwand, dass als Genre, “das seit jeher von der Freiwilligkeit des Lesens lebt”, die Boulevardzeitung immer noch der übliche Verdächtige Nummer Eins ist, weil, zweitens, die Zielgruppe für ordentliche Literatur einer tiefen Erkenntnis von Arno Schmidt zufolge etwa so groß ist wie die Kubikwurzel aus der Bevölkerungszahl (in Deutschland also etwa 400 Personen), und das drittens von den vier von Jarchow genannten Beispielen Knüwer, Don Alphonso, Felix Schwenzel und Robert Basic allenfalls Schwenzel in einem Atemzug mit dem Wort “Literatur” genannt werden dürfte. Knüwer ist in seinen besten Momenten so etwas wie das sozialdemokratische Bestätigungskabarett der frühen 80er Jahre, Don Alphonso könnte immerhin als Westentaschenausgabe von Maxim Biller durchgehen, wenn er irgendwann mal deutsche Syntax und Grammatik lernen würde, und Robert Basic verdankt seine Beliebtheit sicherlich weniger der von Jarchow gerühmten “Kenntlichkeit” als vielmehr seinem Kenntnisreichtum. Den in gefällige Texte umzumünzen, ist keine Frage von Literatur, sondern von journalistischem Handwerk.

4. Dass Online-Journalismus anders funktioniert als das, was an Journalistenschulen gelehrt wird, ist allenfalls eine Übergangserscheinung. Guter Online-Journalismus wird auch in den Lehrplan der Journalistenschulen Einzug halten (bzw. ist schon längst da), und schlechter Online-Journalismus wird auch nicht dadurch lehrenswert, dass man ihm ein 2.0 anhängt.

Huch, jetzt bin ich doch etwas länger geworden. Na, macht nix, kann man ja prima von hinten wegkürzen…


5 Kommentare zu "Lektürefolter"

  1. Online-Journalismus. 2 : 0 für Guertler!

    “Was Neues lesen törnt mich an, auch lockt des Schreibers Feder.
    Ich trinke Tinte dann und wann, denn eine Sucht hat jedeR
    Mich anzufixen war nicht schwer, ich bin ein alter Spieler.
    Wortistik und auch andere, ja, die sind meine Dealer….”

    Die einzigen Regeln, die in Blogs und im Onlinejournalismus gelten sollten sind die “Anstandsregeln”, wie sie zwischen gesitteten Menschen selbstverständlich sind. Schreibregeln? Nein. Schreibstile können und dürfen sich hier entwickeln. Marktwirtschaftlich, wie es der Wortist bevorzugt, nicht von Gurus oder Päpsten verordnet. Hier haben Leser die Möglichkeit, zu mögen was sie wollen, nicht, was sie sollen. Und warum darf Journalismus hier nicht auch mal in Literatur ausarten?

    P.S.: Nachdem ich nun auch den gelinkten Text gelesen habe, bin ich mir nicht sicher, ob die Lektüre gefoltert wird oder ob mit Lektüre gefoltert wird. :-)

  2. ‘Goed gereedschap is het halve werk.’

    Priiiiiiiiiiima!

  3. Gutes Werkzeug ist die halbe Arbeit. :-)

    Etwas Faust geht immer.
    “…..Der Mensch, der recht zu wirken denkt,
    Muss auf das beste Werkzeug halten.
    Bedenkt, Ihr habet weiches Holz zu spalten.

    Und seht nur hin, für wen ihr schreibt.
    Wenn Diesen Langeweile treibt,
    Kommt Jener satt vom übertischten Mahle.
    Und was das allerschlimmste bleibt,
    Gar Mancher kommt vom Lesen der Journale.”

  4. Der Blogpapst entdeckt Lektürefolter nicht nur im internet. Stefan Niggemeier schreibt in der taz. Hier der Link.

    http://www.taz.de/1/leben/medien/artikel/1/die-arroganz-der-netznoergler/?src=TE&cHash=55cb131f4c

  5. Pingback: For the record | LINGO 07 / IV : Words of the Year | Newspeak : Neologs im Abo | Frischwortfeeds at in|ad|ae|qu|at

Kommentar Schreiben

Die E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.

*


*