Archive for Dezember, 2007

21.12.2007 von Detlef Guertler
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Schreif

von Detlef Guertler

Es sei anderen, kompetenteren Schreibern überlassen, die korrekte Zahl der von Eskimos verwendeten Wörtern für Schnee zu ermitteln (die genannten Zahlen reichen von zwei bis unendlich, wobei, wie Anatol Stefanowitsch schlüssig belegt, nur zwei dieser Zahlen korrekt sind, nämlich zwei und unendlich), mir jedenfalls fehlte heute morgen ein Wort für Schnee. Als ich aufwachte waren nämlich Berlins Straßen und Dächer zuckrig weiß hauchdünn beschneit, und vereinzelt rieselten noch süße kleine Flöckchen vom Himmel. Aber geschneit, so einer jener alleswissenden Meteorologen, hatte es in Berlin trotzdem nicht, weil bei stabilen Hochdrucklagen gar kein Schnee fallen kann. Es handle sich vielmehr um eine Art Raureif, bei der aber die nächtlich kondensierende bzw. einfrierende Luftfeuchtigkeit sich an Staub- und Schmutzteilchen anlagere, wodurch sich ein Raureif bilde, der wie Schnee aussehe, aber eben keiner sei.

Da jener Meteorologe leider kein Wort anbot, das diesen Vorgang zusammenfasst, und auch mir kein solches bekannt… weiter lesen

20.12.2007 von Detlef Guertler
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Lektürefolter

von Detlef Guertler

Mal wieder ein Versuch zu begründen, warum Journalismus 2.0 etwas gaaaaanz anderes ist als der Journalismus, den “die offiziöse Journalistenausbildung lehrt”. Diesmal von Klaus Jarchow, und weil er gleich zwei hübsche Neuwörter geschöpft hat, die Lektürefolter und de Dampfjournalismus, lohnt er die Auseinandersetzung.

Aber nur ganz kurz:

1. Jarchow möchte auf den Print-Journalismus einschlagen, der immer noch lehre, dass Texte von hinten kürzbar sein müssen, und möglichst im ersten Satz alle wichtigen W-Frage beantworte. Das ist natürlich völliger Blödsinn, weil es sich hierbei um Grundregeln für den Nachrichten- bzw. Agenturjournalismus handelt, für den sie übrigens ganz unabhängig vom Medium immer noch so gelten. Diese Regeln galten nie und gelten auch heute nicht für Kommentare, Analysen, Features, und schon gar nicht für Zeitschriften-Journalismus. Da gilt noch immer die alte Regel von Stern-Gründer Henri Nannen für den Aufbau einer guten Geschichte: “Mit einem Erdbeben anfangen – und dann langsam steigern.”… weiter lesen

19.12.2007 von Detlef Guertler
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Belén

von Detlef Guertler

Wenn Sie schon einmal in der Adventszeit in Spanien gewesen sind, wissen Sie wahrscheinlich, was ein Belén ist: eine szenische Darstellung der Heiligen Nacht, wie sie in praktisch jeder Kirche und an vielen öffentlichen Plätzen aufgebaut ist. Da stehen nicht nur Ochs und Esel um die Krippe, sondern da gibt es Marktstände, ein Schloss auf dem Berg, ein gluckerndes Bächlein, irgendwo wird ein Schwein geschlachtet oder ein Baum gefällt, herzallerliebste Darstellungen jener Zeit in Bethlehem vor gut 2000 Jahren, wie sie sich der Spanier halt so vorstellt. Das nennt sich Belén (wie das spanische Wort für Bethlehem), und ist ein wunderbarer Ersatz für Weihnachtsbaum und Modelleisenbahn auf einmal.

Wenn man jetzt, wie der Wortist, ein entschiedener Gegner von Weihnachtsbäumen und -männern ist, und gerne eine irgendwie authentischere Weihnacht begehen möchte, würde ein solches Belén hervorragend passen: Krippenfiguren hat jeder im Haus, und von Jahr zu Jahr kann man die Szenen… weiter lesen

18.12.2007 von Detlef Guertler
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anziehungskräftig

von Detlef Guertler

Gestern abend bei Beckmann Karin Stilke gesehen, von 1936 bis 1957 erstes deutsches Supermodel. Heute mit 90, macht sie geradezu Lust darauf, auch so alt zu werden. Helle Stimme, heller Kopf, aufgeweckt, charmant, und nur ein ganz kleines bisschen kokett, zum Verlieben geradezu, äh, wo war ich stehengeblieben? Ach ja, es war glaube ich, als sie von Curd Jürgens sprach, der sich am Anfang seiner Karriere ebenfalls sein Geld als Fotomodell verdient hatte. Der sei ja nun wirklich anziehungskräftig gewesen. Und das ist ja nun wirklich ein schönes Wort. Ein bisschen viele Buchstaben für etwas, was in einem guten Teil der Fälle auch mit dem wesentlich kürzeren sexy ausgedrückt werden könnte, aber dafür ist anziehungskräftig wesentlich eleganter: sexy klingt anzüglich, anziehungskräftig dagegen klingt angezogen. Ein Wort nicht nur für die Damen und Herren der alten Schule.

17.12.2007 von Detlef Guertler
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paniken

von Detlef Guertler

Die deutsche Sprache ist weltberühmt für ihren Hang zu unpersönlich-bürokratischen Passiv- und Substantivkonstruktionen. Niemals macht jemand etwas, immer werden Dinge durchgeführt oder ihre Durchführung veranlasst. Das führt leider auch dazu, dass sogar ganze Verben fehlen, was es wiederum erzwingt, besonders umständlich zu reden bzw. zu übersetzen.

Wie beispielsweise übersetzen Sie diese alte Börsianerweisheit?

Don’t panic. But if you panic, panic first.

Klar, das geht: Keine Panik. Aber wenn, dann als erster. Aber es ist so viel weniger drastisch als das englische “panic first”, das ich mir einfach wünsche, dass wir auch im Deutschen die Panik beverben können. Das dem Substantiv Panik und dem Adjektiv panisch sich das Verb paniken hinzugesellt.

Insbesondere, da jetzt nicht mehr nur mein derzeitiger Lieblingsökonom Nouriel Roubini, sondern auch Paul Krugman herausgefunden hat, dass es ganz schön viel Grund dafür gibt, an den Finanzmärkten zu paniken: “What’s going on in the markets… weiter lesen

16.12.2007 von Detlef Guertler
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Überlativ

von Detlef Guertler

Was ein Superlativ ist, weiß jeder: weiß (Positiv), weißer (Komparativ), am weißesten (Superlativ). Aber wie schon die Waschmittelwerbung lehrt, kann mit dem Superlativ, der ja eigentlich nicht mehr steigerbar sein sollte, noch nicht das Ende der Fahnenstange erreicht sein. Besonders beliebt ist hierfür der Elativ, eine Steigerung in der Regel durch Vorsilben (ultra-weiß, reinweiß), aber vereinzelt wird auch schon mal der Hyperlativ gebraucht, eine eigentlich unerlaubte Steigerung des Superlativs (am reinstweißesten, am bestmöglichsten).

Aber dann gibt es auch noch die Fälle, in denen die Steigerung über den Superlativ hinaus zu neuen Formen oder gar neuen Qualitäten führt, ähnlich wie in der alten politischen Formel “Feind – Todfeind – Parteifreund”. Die Kollegen vom taz-Fotoblog Streetart haben dafür gleich zwei Beispiele gefunden:

kalt – kälter – am kältesten – brav

kalt – kälter – am kältesten – Hunger

Bei einer solchen quantenspringenden Steigerung der Steigerung kann… weiter lesen

16.12.2007 von Detlef Guertler
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Schnellschlaumethode

von Detlef Guertler

von Wolfgang Wilhelm aus dem Allgäu:

Die Abenteuer des Mézga Aladár gehört zu meinen Lieblingsfilmen. Wer die ungarische Zeichentrickfigur aus dem Jahr 1973 nicht kennt, der erfährt hier mehr dazu.

Einige Folgen sind auch im Internet zu finden, die Folge 8 (»Planet Rapidia«) beispielsweise. Dazu steht auf der genannten Site:
»Nach der üblichen Standpauke flüchten Adolar und Schnuffi ins All. Die beiden Weltraumpiloten stranden auf einem überdrehten Planeten,
wo der Tag nicht länger als ein Lidschattenschlag dauert.
Die Bewohner wachsen in rasender Geschwindigkeit, Zeitungen kommen im Sekundentakt heraus, Schüler vollbringen das Abitur in zehn Minuten.
Nachdem Schnuffi Heimatkundesaft getrunken hat, findet Adolar den Grund für die Beschleunigung heraus.«

In dieser Folge kommt es zu folgendem Dialog zwischen Adolar und seinem Hund:
Schnuffi: »Um die Schule wirst du sicher einen großen Bogen machen?!«
Adolar: »Ein Irrtum im Quadrat – da renn ich mit… weiter lesen

15.12.2007 von Detlef Guertler
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pantomimen

von Detlef Guertler

Es war ein langer Vormittag. Schon um 7 Uhr war Lucie wach – weil sie auf keinen Fall zu ihrer “Nussknacker”-Aufführung in Marbellas Black Box Teatro zu spät kommen wollte. Das fanden zwar alle lobenswert und verständlich, schließlich sollte Lucie den Nussknacker persönlich spielen. aber wenn die Aufführung um 12 Uhr beginnt und der Fußweg 15 Minuten beträgt, ist sieben Uhr am Samstagmorgen eindeutig zu früh.

Prompt wusste das Kind schon um 9 Uhr nicht mehr, was es machen sollte. “Na, dann gehe deinen Text noch mal durch”, empfahl ich. “Ich hab’ doch gar keinen Text”, sagte Lucie, “ich pantomime doch nur.” Also konnte meine Empfehlung Lucie nicht von ihrem Lampenfieber abbringen – aber ihre Erwiderung brachte mich ins Grübeln, warum es dieses Verb eigentlich bisher nicht gibt. Wenn man sagen möchte, dass man pantomimt, muss man sagen, dass man Pantomime macht. Also zumindest, wenn man auf den Duden hört. Ich… weiter lesen

14.12.2007 von Detlef Guertler
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Blockadelohn

von Detlef Guertler

Sack und Asche über mich, dass mir partout nicht mehr einfällt, mit welchen Begriffen die Pins und ihre publizistischen Speerspitzen gegen den “Mindestlohn” von 9,80 Euro für die Briefzustellung gekämpft haben. Oder eben nicht Sack und Asche über mich, sondern über die Pin Group, weil es ihr nicht gelungen ist, dem mächtigen – und mächtig positiv besetzten – Begriff des Mindestlohns etwas entgegenzusetzen. Erst als alles schon zu spät war, nämlich nach der Einigung der großen Koalition auf eben diesen Lohn, fiel Pin-Chef Günter Thiel der Begriff “Blockadelohn” ein. Ein paar Wochen früher erdacht und entsprechend getrommelt, hätte der durchaus noch einmal das Blatt wenden können. Aber so hat eben die Post gewonnen.

(Und vielleicht auch Günter Thiel, der jetzt die Pin Group für einen Euro von Springer übernehmen will…)

13.12.2007 von Detlef Guertler
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Gustotainment

von Detlef Guertler

Dieses heute in Lothar Lemnitzers Wortwarte neu aufgetauchte Wort wurde offensichtlich tatsächlich erstmals am 2. Dezember in der Überschrift des SPon-Artikels von Sebastian Wieschowski über Tim Mälzer verwendet. “Der Gott des Gustotainment” heißt sie, und alle 43 Google-Treffer zu diesem Neuwort beziehen sich auf diese Überschrift.

Das wirft eine ganze Reihe von Fragen auf:

1. Wieso wurde das gute alte Pomp, Duck & Circumstances von Hans-Peter Wodarz nicht als Gustotainment bezeichnet? Oder wurde es, und es weiß nur keiner mehr, weil alle Treffer aus der Vorgooglezeit stammen und deshalb für immer aus dem Gedächtnis der Weltbevölkerung getilgt sind?

2. Wieso bezeichnet die Wortwarte am 13. Dezember die Neuwörter vom 3. Dezember als Wörter von heute? Früher waren Zeitverschiebungen von ein bis drei Tagen zwischen Wörtersammlung und Wörterveröffentlichung die Regel, heute sind es ein bis drei Wochen – fehlen Zeit oder Mittel oder Drittmittel?

3.… weiter lesen