Tsunami-Crash

von Detlef Guertler

Natürlich wissen wir noch nicht, ob aus dem heutigen Börseneinbruch ein richtiger Crash werden wird. Dafür müssen es noch ein paar Prozent mehr Minus werden, und die Amerikaner, die heute irgendeinen Feiertag haben, muss es auch erwischen. Aber wenn es der heftige Einbruch werden sollte, der eigentlich seit knapp einem halben Jahr fällig ist, wird er noch einen anderen Namen haben wollen als einfach nur Crash oder “Schwarzer Montag”. Und dann passt kein Name besser als

TSUNAMI-CRASH

Denn es handelt sich um eine Welle, die aus einem weit entfernten Beben (Subprime-Krise in den USA) entstanden ist, die sich aber anders als Erdbebenwellen nicht verläuft, sondern so lange fast unbemerkt weiterwandert, bis sie irgendwo bricht. Und dort, wo sie bricht, zerstört sie alles, was ihr in den Weg kommt. Ihre Zerstörungskraft wird unter anderem dadurch gesteigert, dass die Menschen nach langen sorglosen Jahren keine Erfahrung mit Tsunami-Wellen haben – sie glauben, dass ihnen nichts passieren kann, weil sie so weit vom Epizentrum des Bebens entfernt sind. Ebenfalls Schaden erhöhend wirkt die Phase besonders tiefen Wasserstands (besonders hoher Aktienkurse), die der eigentlichen Welle vorausgeht, und die vertrauensseligen Touristen (Investoren) noch tiefer ins Verderben zieht.

Außer Nouriel Roubini und der Wortistik (in diesem Blog wurde bereits im Juli, August, September, Oktober, November und Dezember vor der hier heranrauschenden Welle gewarnt) gab es leider keine funktionierenden Frühwarnsysteme. Das wird bei der nächsten Blase natürlich alles anders.


18 Kommentare zu "Tsunami-Crash"

  1. Zweierlei sollte ich nachtragen: Der “irgendein Feiertag” in den USA ist der Martin-Luther-King-Gedenktag, und außer Nouriel Roubini und der Wortistik war natürlich auch FTD-Kolumnist Wolfgang Münchau von Anfang an auf der richtigen Spur.

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  3. Hmm, aber wenn ich als Phuketianer die Wahl zwischen einem Tsunami-Crash und einem einfachen Börsencrash hätte, nähme ich letzteres. Weil der Vergleich mit dem Tsunami an entscheidender Stelle hinkt. Ein Tsunami zerstört in der Regel auch wertvolleres als Unternehmenswerte, Menschenleben nämlich.

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  5. Werter Wortist.
    Soll man Sie nun beglückwunschen, weil ihre Prognose so richtig war?
    Vor einigen Wochen sagte Klaus Töpfer bei “hart aber fair” sinngemäß: “Bei schlechten Prognosen ist es am besten, wenn sie nicht wahr werden.
    P.S.: apropos MLK – “I have a dream.” – Gänsehautfeeling forever.

  6. Ich gebe Philipp S. Recht:

    Die regelmäßigen, von Super-Kapitalisten wie Infektionen inszenierten und von besitzgierigen Kleinbürgern gefürchteten Einbrüche an den Kapitalmärkten mit der größtmöglichen Naturmetapher „Tsunami“ (außer Erdbeben und Asteroiden-Einschlag…) zu benamsen, ist mir unverständlich.,

    Solche Verbal-Luftschläge produzieren Pseudo-Erkenntnisse, nämlich Ohnmachtsgefühle. Sie fördern weder Einsichten, noch das eigene Verhalten im Umgang mit Kapitalien (als Besitz-, Freiheits- und Sicherungsvorstellungen); sie vermitteln auch keine kritischen Fähigkeiten, sich in der weltumspannenden Werbe-Hysterie nach dem FETT dieser WELT, dem dicksten Besitz, dem zinsträchtigsten Gewinn und dem schicksten Image für seine Ich- oder Familien-AG eine eigene Identität zu gründen.

    Nietzsches Einsicht nützt wohl nicht, wenn „mann&frau“ „mitspielen“ wollen:

    „Ich sehe ungeheure Konglomerate an Stelle der vereinzelten Kapitalisten treten. Ich sehe die Börse dem Fluche verfallen, dem jetzt die Spielbanken verfallen sind.“

    Also “spielen” sie weiter; die Nachbarn am Wertpapierdepot als Konkurrenten möchte “mann&frau” doch noch ausstechen können. – … bis auch das private Partner-Spielchen pleite geht.

    Nein, Tsunamis regieren oder demolieren nicht diese Spiel-Einsätze, sondern nach(er)zählbare Formen der Gier.

  7. Da möchte ich doch dem Wortisten beistehen (falls er das akzeptiert). Wenn ich ihn richtig verstehe, geht es um die Art der Entwicklung und Ausbreitung des momentanen Börsencrashs. Und da finde ich das Tsunami-Bild recht gelungen. Still und unter Wasser rauscht er heran und nur gute Seismologen/Ökonomen bemerken es. Also: Das Bild, die Metapher ist durchaus passend. Ein Tsunami hat für Mensch und Tier ja nicht immer so verheerende Folgen wie der von Ende 2005 in Südostasien.

    Man kann ja der Meinung sein, dass gierige “Monopolyspieler” Kurskatastrophen auslösen, aber ein Börsencrash hat trotzdem etwas von Naturgewalten und die Auswirkungen für viele Menschen sind fatal. Es kommen Menschen durchaus in Not, und Hunger und Suizide können durchaus die Folge sein.

  8. @ASR: Das mit der größtmöglichen Naturmetapher sehe ich nicht so: Erdbeben und Vulkanausbrüche sind größer. Sie wären auch die Vokabeln, die eher für eine sehr abrupten Börsenbewegung gewählt werden: Ständig finden in den Finanzmedien irgendwelche Beben statt, die Schockwellen durch die Kapitalmärkte senden. Und das entspricht ja auch dem normalen Verlauf: Irak greift Kuwait an – zack, alle Börsen rauschen nach unten, USA greift Irak an – zack, alle Börsen rauschen nach oben.
    Beim Crash vom 21. Januar 2008 war das aber ganz anders. Es gab keinen Blitz, dem als Donner der Börseneinbruch folgte. Es war inmitten scheinbar ruhiger See ein plötzliches Debakel – das seine Ursache jedoch in jenem Beben hatte, das sich Subprime-Krise nannte. Für mich liegt die Parallele zu einem Tsunami (EINEM! nicht DEM Tsunami) auf der Hand. Und wenn die ökonomische Entwicklung im Jahr 2008 auch nur annähernd so wird, wie ich es befürchte, wird in der Rückschau auf das Jahr 2008 niemand mehr die Verwendung eines so harten Wortes für diesen Börsencrash merkwürdig vorkommen.

    @polyphem: Ich hätte mir ja auch gewünscht, dass es anders gekommen wäre. Ich würde mir ja auch wünschen, dass Anderes kommen wird als die Weltwirtschaftskrise, die ich herandräuen sehe. Aber vom Wünschen allein wird es ja nicht besser.

  9. Also: Tarn- oder Warnschuß-Tsunamis…?
    Oder auch: Trainingscamps für Börsenjobber?

    So irdisch & begrifflich erschütternd, diese vorübergehenden Tage des Tsunamis??

    Also nicht so?
    http://static.howstuffworks.com/gif/tsunami-formation.gif

    Welche drei Geschichten passen denn besser zu der Tsu-Na-Mi-Cul-Ture (nein, kein LEGO-Wort!)

    1. Story; ein Gemeinhin-Witzchen:

    Zwei befreundete Banker treffen sich. Sie wollen als Konsequenz von Börsencrashs umsatteln. „Aussteigen! Bloß aussteigen!“ – In der Lobby sind sie bald einig in ihren Zukunftsvorstellungen: „Irgendwas mit Medizin“, schwebt ihnen vor.
    Don Torre erzählt seinem Freund Dr. Snuggle seinen Kreislaufstörungen.
    „Na, da hilft Suggestion!“, weiß seine Freund und sieht im tief in die Augen und befiehlt:
    “Sie sind geheilt! Sagen sie, daß sie geheilt sind.”
    “Oh, ja. Ich bin geheilt!”, ruft der Spanier erleichtert.
    “Na, fein. Sehr gut. Das macht 120 Euronen!”
    Don Torre sieht dem Heiler tief in die Augen und flüstert ihm zu: „Sie sind bezahlt! Sie sind bezahlt. Sie sind bezahlt.”
    Und sie soffen weiter.
    *

    2. Story, poetisch:

    Gottfried August Bürger: Ein Casus Anatomicus

    Der Kaufmann Harpax starb; sein Leichnam ward sezieret;
    Und als man überall dem Übel nachgespüret,
    So kam man auch aufs Herz, und sieh! er hatte keins:
    Da, wo sonst dieses schlägt, fand man das Einmaleins.

    Nach der ersten Geschichte könnte man vermuten: Die Vermeidung von Leidensformen nach Börsen-Interjektionen ist eine willentliche, die sich medizinisch-psychologischer Maßnahmen bedient.
    Nach der zweiten…: Es gibt körperliche Aberrationen, deren Exitus man abwarten kann; deren biologische Fortpflanzung gesichert scheint.

    3. Story: Vorsicht – Gleichnis!

    Oder blitzt von fernher ein narratives Wunder zur Heilung von Rauch- und Rutsch- und Kladderadatasch-Erlebnissen an Börsen:—?

    Evangelium nach Markus 3,7-12.

    Jesus zog sich mit seinen Jüngern an den See zurück. Viele Menschen aus Galiläa aber folgten ihm. Auch aus Judäa, aus Jerusalem und Idumäa, aus dem Gebiet jenseits des Jordan und aus der Gegend von Tyrus und Sidon kamen Scharen von Menschen zu ihm, als sie von all dem hörten, was er tat. Da sagte er zu seinen Jüngern, sie sollten ein Boot für ihn bereithalten, damit er von der Menge nicht erdrückt werde. Denn er heilte viele, so daß alle, die ein Leiden hatten, sich an ihn herandrängten, um ihn zu berühren. Wenn die von unreinen Geistern Besessenen ihn sahen, fielen sie vor ihm nieder und schrien: ‘Du bist der Sohn Gottes! Du kannst du von unseren Süchten und Kapitalinteressen helfen. Die Tsunamis werden vor Schrecken verbeben.’
    Er aber verbot ihnen streng, bekannt zu machen, wer er sei.

    (So ist die Überlieferungslage dünn; und viele Emendationen und textkritische Prozesse und Widerrufe und Streitschriften sind nötig, um zum nucleus veritatis zu kommen. Amen! Lasst uns zurückkehren zur Börse, bevor der nächste Undationelle uns überspült. – Naturmetaphern haben den Reiz des Schreckens, der Angsterwartung und der Selbstrechtfertigung durch ihre Benenner und Beschreiber.

    … Und des Verebbens und der eruptiv-abscheulilchen Wiederkehr nach unbenennbaren Gesetzen?

    So mag es sein! Amen!

  10. Männlein oder Riesen in Uniformen … nur scheinbar abseits der Börsen.

    Die Kurse für die Einsätze, Verkrüppelungen, Massaker, Politbeben… werden auch dort von den Gier- und Spekulanten aufgerufen und maschinell zurückgerechnet, bis besonders Intelligente zuerst zum Halali aufbieten, dann Halleffekt, Crash-Versuch, Super- oder Tsu-Crash.

    Spekulanten sind sich alle gleich, lebendig oder reich:

    http://de.youtube.com/watch?v=M91rb_qkN-U&feature=related

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  15. Ich habe auf http://www.online-kredite.com/blog/news/us-hypothekenkrise-beschaftigt-jetzt-auch-das-fbi.html mal Bezug auf diesen informativen Beitrag genommen, auch wenn der Trackback bis heute leider nicht freigeschaltet wurde.

  16. Einen Einbruch an der Börse mit einem Erdbeben zu vergleichen finde ich etwas überzogen. Ein Erdbeben lässt sich genauer vorhersagen. Zumindestens das eins in der Zukunft stattfindet, kann mit hunderprozentiger Sicherheit vorrausgesagt werden. Den genauen Zeitpunkt vorherzusagen ist bis heute noch nicht möglich. Auch über die Stärke können einigermaßen genaue Angaben gemacht. Gegen die möglichen Auswirkungen ist es möglich vorbeugende Maßnahmen einzuleiten wie zum Beispiel erdbebensichere Häuser,Brücken zu bauen. An der Börse unterliegen die zukunftigen Ereignisse mehr vom Zufall ab.
    http://www.finanzxl.de/finanz_lexikon/zins_entwicklung.html

  17. Habe von dem Einbrucht auch auf http://www.abakuskredit.de gelesen muss aber sagen das ich froh bin das es sich noch halbwegs in grenzen hält, hätte meines erachtens auch durchaus schlimmer kommen könnnen, andere seits is es auch sehr bedenktlich das unternehmen wie continental 40% an aktienwert innerhalb von 1 jahr verloren habe…

  18. Danke für den Hinweis mit den Abakuskredit :-)

    http://www.kredit-leitzinsen.de

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