Archive for Januar, 2008

23.01.2008 von Detlef Guertler
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Pubertariat

von Detlef Guertler

Heiße Debatten allerorten, ob DJ Tomekks Hitlergruß am Abend vor seiner Einreise ins RTL-Dschungelcamp eher irgendetwas Rechtsradikales oder eine supergeschickte RTL-Inszenierung oder doch eher eine postpubertäre Peinlichkeit war. (Jan Feddersen ist in taz.de der bislang wohl einzige, der den Rauswurf aus dem Dschungelcamp für übertrieben hält, unter anderem mit dem wortistisch grandiosen Argument, dass DJ Tomekk  aus Krakau stammt, “der zweitplaniertesten Stadt der Naziwehrmacht”.)

Das Post-Pubertierende bringt mich zur Frage, ob wir nicht in einer immer älter werdenden Gesellschaft langsam anfangen sollten, starke Schimpfwörter für Jugendwahn und Kindischkeit zu erfinden. Denn spätestens wenn die 68er am Stock gehen, werden sie in großen Widerwillen gegen alles entwickeln, was nicht nur jünger ist als sie, sondern sich auch so benimmt.

Also würde garantiert in spätestens fünf Jahren irgendjemand in ätzigsaurer Suada die “Diktatur des Pubertariats” beklagen – wenn es nicht hiermit bereits geschehen wäre.

22.01.2008 von Detlef Guertler
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Lightzins

von Detlef Guertler

Nachdem die US-Notenbank Fed ihre Fed Funds Rate gerade eben gleich um 0,75 Punkte auf 3,5 Prozent gesenkt hat, handelt es sich nicht mehr um einen Leitzins, sondern nur noch um einen Lightzins. Also hat es die Märkte wohl doch ganz schön heavy getroffen.
Lightzinsen können übrigens eine Rezession nicht verhindern. Also zumindest diese nicht mehr.

21.01.2008 von Detlef Guertler
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Tsunami-Crash

von Detlef Guertler

Natürlich wissen wir noch nicht, ob aus dem heutigen Börseneinbruch ein richtiger Crash werden wird. Dafür müssen es noch ein paar Prozent mehr Minus werden, und die Amerikaner, die heute irgendeinen Feiertag haben, muss es auch erwischen. Aber wenn es der heftige Einbruch werden sollte, der eigentlich seit knapp einem halben Jahr fällig ist, wird er noch einen anderen Namen haben wollen als einfach nur Crash oder “Schwarzer Montag”. Und dann passt kein Name besser als

TSUNAMI-CRASH

Denn es handelt sich um eine Welle, die aus einem weit entfernten Beben (Subprime-Krise in den USA) entstanden ist, die sich aber anders als Erdbebenwellen nicht verläuft, sondern so lange fast unbemerkt weiterwandert, bis sie irgendwo bricht. Und dort, wo sie bricht, zerstört sie alles, was ihr in den Weg kommt. Ihre Zerstörungskraft wird unter anderem dadurch gesteigert, dass die Menschen nach langen sorglosen Jahren keine Erfahrung mit Tsunami-Wellen haben – sie glauben,… weiter lesen

21.01.2008 von Detlef Guertler
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Brennstoffarmut

von Detlef Guertler

Schon mehrfach habe ich mich gefragt, ob es eher gut oder schlecht ist, dass unsere Sprache keine Entsprechung für das englische Wörtchen fuel hat. Was der Engländer fuel nennt, nennt der Deutsche je nach Anlass Benzin, Treibstoff, Kraftstoff, Brennstoff, Energieträger, Sprit, Brenn- oder Heizmaterial. Ach ja, auch als Verb ist fuel zu gebrachen: to fuel a car heißt einen Wagen betanken, to fuel a fire ein Feuer schüren. Ist unsere Sprache also (wort-)reicher als die englische, ist sie präziser, oder doch nur umständlicher?

Aber während wir uns beim alleinstehenden fuel noch ganz gut mit jeweils zum Anlass passenden Wörtern behelfen können, stoßen wir bei den Wortzusammensetzungen, der eigentlich großen Stärke unserer Legosprache, auf massive Probleme. Was sich besonders krass bei “fuel poverty” zeigt. Obwohl wir Deutschen doch sonst für alle Armuts-Konzepte und sozialen Aufreger zu haben sind, haben wir diesen Ansatz noch immer nicht von den Briten importiert,… weiter lesen

19.01.2008 von Detlef Guertler
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Subventions-Hopping

von Detlef Guertler

Für alle, die meinen, dieses Wort wäre frisch zur Schließung des Nokia-Werks in Bochum erfunden worden: Nein, es ist schon mindestens anderthalb Jahre alt. Denn eine Pressemitteilung des “Bundes der Steuerzahler in Sachsen e.V.” vom 10. Juli 2006 legt Baden-Württembergs Finanzminister “Werner Pfister (FDP)” Kritik am Subventionshopping in den Mund.

Das kann zwar so nicht stimmen, weil der FDP-Wirtschaftsminister von Baden-Württemberg nicht Werner, sondern Ernst Pfister heißt (vielleicht kam die Kritik ja auch vom baden-württembergischen Landtagsabgeordneten Werner Pfisterer (CDU)), aber irgendjemand wird damals schon dieses Wort verwendet haben – und wenn nicht, hätten es eben die sächsischen Steuerzahlerbündler erfunden.

Allerdings ist dringendst davon abzuraten dieses Wort ohne Bindestrich zu schreiben. Sonst könnte man meinen, die entsprechenden Unternehmen würden eine Subvention shoppen gehen, anstatt von Subvention zu Subvention zu hoppen.

18.01.2008 von Detlef Guertler
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Karawanen-Kapitalismus

von Detlef Guertler

von Wolfgang Wilhelm aus dem Allgäu:

Huch! Da schimpft sich jemand »Ökonom« und nimmt den Karawanen-Kapitalismus nicht in diesen Blog auf. Vielleicht war und bin ich aber auch einfach nur zu ungeduldig.

Übrigens gibt es auch das Gegenteil zum Karawanen-Kapitalismus. Nein, nicht den Karawanen-Sozialismus – den gibt es (noch) nicht, sondern die Möglichkeit, auch als Arbeitnehmen das Land zu verlassen…

18.01.2008 von Detlef Guertler
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Legosprache

von Detlef Guertler

Immerhin, schon auf Seite 27 von Wolf Schneiders neuem Buch “Speak German” stieß ich auf ein brauchbares Neuwort. Natürlich nicht von Schneider selbst, sondern von dem US-amerikanischen Politik-Professor Dan Hamilton aus einem Artikel im San Francisco Chronicle vom 7. Juni 2006: “Deutsch ist im Wesentlichen eine Lego-Sprache. Man nehme einfach zwei Wortklötze wie Welt und Schmerz, verhake sie – und der ‹Weltschmerz› ist geboren.”

Ja! Legosprache ist ein großartiges Wort, insbesondere wenn es darum geht, Fremdsprachlern Vorzüge des Deutschen zu erklären. Lego kennen sie alle, und eine nettere Umschreibung für die Wortmonster, die wir jederzeit in beliebiger Länge bilden können, ist kaum denkbar. Außerdem ist Legosprache selbst ein Lego-Wort, das man auf Englisch auch nur in zwei Wörtern darstellen kann, eben als “lego language”.

Über den Rest des Schneider-Buchs von mir kein weiteres Wort, ich bin befangen: Erstens hege ich noch immer eine tiefe Verehrung für… weiter lesen

17.01.2008 von Detlef Guertler
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Puzzel

von Detlef Guertler

Erstaunlich, wie lange sich die englische Schreibweise im Deutschen hält. Seit mindestens einem Jahrhundert ist das Zusammenbasteln eines Bildes aus vielen kleinen Einzelteilen in Deutschland bekannt, eine Generation nach der anderen schult damit Kombinationsgabe und Geduld, aber nie erwuchs dem Puzzle Konkurrenz durch deutsche Wörter. Eine frühe Verschwörung der Anglizismatiker?
In der Aussprache gibt es zumindest deutsche Varianten: Dem Englisch-Nachbau passl tritt pussel, aber auch puzzel zur Seite. Und das Verb hat sich eindeutig eingedeutscht: puzzlen geht gar nicht, nur puzzeln ist laut Duden erlaubt. Aber wir schreiben (und sprechen) ja auch googeln, nicht googlen.

Aus Google werden wir wohl nicht so schnell Googel machen können (ist ja ein Eigenname), aber könnte man nicht beim Puzzle nach einem Jahrhundert strikt englischer Schreibweise das Substantiv ans Verb und an die deutsche Aussprache angleichen, als das Puzzle ins Puzzel verwandeln? Was einige Leute da draußen ohnehin schon tun? Die… weiter lesen

16.01.2008 von Detlef Guertler
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Seomantik

von Detlef Guertler

Über das Bremer Sprachblog (danke, Wolfgang Hömig-Groß!) zum Blog der Suchmaschinenoptimierers (SEO) Gerald Steffens gekommen, der die steile These vertritt, dass nicht dem Sick sein Dativ dem Genitiv sein Tod sein wird, sondern die Anforderungen der Suchmaschinen das ganz alleine hinbekommen. Die fänden nämlich “Sicks Buch” viel schlechter als “dem Sick sein Buch”, und auch der Deppenapostroph “Sick’s Buch” habe rein suchmaschinenoptimierungstechnisch deutliche Vorteile gegenüber der eigentlich korrekten deutschen Version. Steffens’ Fazit: “Es gibt gewichtige Gründe für ein schlechtes Deutsch. Ich nenne nur die wichtigsten drei: Google, Yahoo und MSN. Genau diese Suchmaschinen begünstigen den zunehmenden Verfall der deutschen Sprache.”

Nun weiß ich nicht, ob die These richtig ist, oder ob die Googles schon erkannt haben, dass Sicks und Sick’s irgendwie das Gleiche sind. Allerdings halte ich Steffens’ Behauptung, es handle sich hier um eine “seologische” Argumentation, für zu gewagt. Hier ist weit und breit weder… weiter lesen

15.01.2008 von Detlef Guertler
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Herdprämie

von Detlef Guertler

Natürlich handelt es sich hier nicht um ein Unwort, auch wenn Horst Dieter Schlosser, der dümmste Juryvorsitzende der Welt, das so durchgesetzt hat (die Beschimpfung “dümmste Jury der Welt” verbietet sich, weil Hans Leyendecker mit dabei ist). Und schon gar nicht werden, wie Schlosser dumpfbräsig behauptet, damit “Mütter beleidigt, die ihre Kinder zuhause erziehen wollten”. Es handelt sich bei der Herdprämie vielmehr um einen Kampfbegriff in der politischen Auseinandersetzung darum, unter welchen Umständen der Staat wieviel Betreuungsgeld zahlt. Wenn also mit dem Begriff Herdprämie jemand beleidigt wird, dann die CSU, und die hält das aus.

Ein Betreuungsgeld, das nur unter der Bedingung gezahlt wird, dass die Mutter keiner Erwerbsarbeit nachgeht, hat den Namen Herdprämie voll und ganz verdient – es handelt sich nicht einfach nur um ein prägnantes Wort, sondern auch um einen polemischen Debattenbeitrag, der einen gesellschaftlichen Konflikt mit wenigen Buchstaben zum Ausdruck bringt. Der zweite Platz… weiter lesen