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vonDetlef Guertler 29.02.2008

Wortistik

Neue Zeiten brauchen neue Wörter. Doch wer trennt die Spreu vom Weizen? Detlef Gürtler betätigt sich als Wortwart der Nation.

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von Christian Dombrowski:
Heute Abend feiern wir (meine Frau und ich) den Schalttag mit einem großen Fest und vielen Freunden.

Es dürfte das erste Schalttagsfest sein – weltweit. Google kennt weder das Wort, geschweige denn den Brauch. Seltsam! Soll der Schalttag etwa vorübergehen wie irgendein anderes Datum? Ein 29. Februar? Seltener als Geburtstage und wichtiger als Weihnachten – zumindest für die Ordnung des Kalenders. Gäbe es den Schalttag nicht, verlören die Monate bald ihren vertrauten Charakter. Schneeglöckchen würden im August erblühen oder im November. Nach kaum 800 Jahren würden die Bäume mitten im Mai ihre Blätter abwerfen.

Zustände fast wie im alten Rom, wo der Kalender einst so in Unordnung geraten war, dass man die Frühlingsfeste im Sommer feierte. Bis Cäsar im Jahr 46 vor Christus gründlich durchgriff und – unter anderem – die Schalttagsregelung einführte. Im 16. Jahrhundert wurde sie durch Papst Gregor den Dreizehnten leicht, aber sinnreich modifiziert – gepriesen sei er dafür!

Spricht etwas dagegen, den Vier-Jahreszyklus der Schalttage durch weitere Maßnahmen zu unterstreichen? Etwa die Bundestagswahlen immer am 29. Februar abzuhalten? Oder die Olympischen Spiele zu eröffnen? Oder Fußball-Europameisterschaften?

Natürlich hoffe ich, dass Schalttagsfeste mit der Zeit so gängig werden wie Silvesterfeiern. Was vorläufig noch fehlt, ist Brauchtum. Hier bitte ich die Wortistik-Leser um Ideen und Vorschläge. Was soll man tun? Soll man sich am Schalttag kleine Erdgloben schenken oder Nachbildungen des Sonnensystems als Gebäck? Oder Papst Gregor in Schokoladenform? Soll man Schalttagsbäume schmücken oder feuerwerken? Oder Schalttagseier suchen? Oder was?

Übrigens ist auch der Kalender des Papstes noch nicht unfehlbar. Er geht minimal vor – pro Jahr um wenige Sekunden. Ich unterstütze daher den Vorschlag, das Jahr 4000, das eigentlich ein Schaltjahr sein sollte, zum Normaljahr zu erklären – und alle weiteren viertausend Jahre in der gleichen Weise zu verfahren …

Tatsächlich würde unser Kalender dadurch noch über das Jahr Zwanzigtausend hinaus auf den Tag genau funktionieren. Aber die Maßnahme eilt nicht.

Schalttagsfest, Schalttagsfeier: ein am 29. Februar aus Anlass des Schalttags begangenes Fest

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kommentare

  • Vier Jahre später, 29. Februar 2012. Und wieder ein fröhlicher Anlass für Schalttagsfeste aller Art!

  • schalttage sind mir etwas suspekt
    schaudernd hat jeder schnell entdeckt
    wären die schalttage erst alltäglich
    – soviel ist sicher – verschwänden wir kläglich.

    viele kinder kommen schalttäglich zur welt
    ich frag mich was der oder die davon hält
    ist die peer group schon 40 dann muss man gestehn
    was geburtstage angeht, bin ich heute 10 !

    vier jahre kommt man ohne sie aus,
    dann steht immer wieder einer ins haus
    ich schlage vor, wir stellen uns tot
    ignorieren den tag, keine feier tut not.
    stoppen die welt für diesen einen tag
    wer weiss welchen nutzen das bringen mag.
    zu voll, zu schnell, zuviel kennen wir gut
    wie wärs, wenn an dem tag mal alles ruht?!

  • Wenn das Jahr 4000 zum Nicht-Schaltjahr erklärt wird, muss ich meine Kalender-Software ändern. Wie ärgerlich. 🙂

  • Ja, der gehörige Rest des Schaltjahres ist nach dem 29. Februar „nur noch“ das Nachschalttags-Schaltjahr.

    Da ich gerne in alten Wörterbüchern (hier im „Grimmschen“) suche, wundere ich mich sehr häufig, was es als Wortbildung von sprachmächtigen Poeten schon gegeben hat, die längst wieder ABC-Grab abgelegt sind.

    „Wer kann denn aber eine Missgeburt, die sich so wenig als ein Genie fortpflanzt, denn sie ist selber ein körperliches, eine Einzigperle – nicht einmal ein Sonntagkind, sondern ein Schalttagkind -, ersetzen, ich bitte jeden?“
    (Jean Paul in „Dr. Katzenbergers Badereise“. 14. Summula. 1, 56)

    … womit Sprach-Poetofabricius Jean Paul nicht nur ein an einem Schalttag geborenes Kind meinte; sondern in eigener Übertragung das selten sich entwickelnde, außergewöhnliche Menschenkind hervorhob.

  • Der Versuch der Mathematik, ihr numerisch-statistisches Zählwerk auf die Abläufe der Natur der Erde und des Kosmos zu übertragen, um eine Synchronizität der menschlich willkürlichen Deskription und der natürlichen oder naturnahen, erkennbaren Verläufe zu konstruieren, wird auch für jeden Menschen in jedem Traum aufgehoben.
    Nur daran will sich kein Mathematiker erinnern oder damit beschäftigen.
    Die Traumzeit gilt ja nicht nur für den Alltag und die Mythen der Aborigines in der Geborgenheit der ihrer Schöpfung.
    Dass sie – die Traumzeit – an dem Schaltjahrstag Urständ erlebte, weil Männer saufen, Frauen erzählen und Kinder spielen wollen, ist ja ein schöner Anlass

    Da wäre auch die „Wort- oder Satzhoheit“ entschieden, wenn das jedem bei Abschied den Lippen entschlüpfte: Feines Fest! Habe geschaltet: Dann wieder in vier Jahren. Wenn wir nicht öfter Gedächtnistage einschalten.

    Der Papst ließ am Schalttag fordern:
    „Kein Gläubiger dürfe in Einsamkeit und Verlassenheit sterben, bekräftigte der Heilige Vater. „Die ganze Gesellschaft durch ihre Gesundheitseinrichtungen und zivilen Institutionen dazu aufgerufen, das Leben und die Würde des Schwerkranken und Sterbenden zu achten.“ Die „Solidarität der Liebe, die Wahrung und die Achtung des menschlichen Lebens“ müsse in jedem Moment der irdischen Entwicklung des Menschen zum Ausdruck gebracht werden.“

    Vielleicht könnten in den verbleibenden 3,5 Milliarden Erden-Laufjahren Lebens- und Schlacht-, pardon: Schaltfesttage synchron gestaltet werden.

    Zu dieser Briefmarke kann sich jeder seine eigene Zeit erzählen, wenn er eine Vorlage braucht:
    http://www.computus.de/menton/briefmarke.jpg

    Oder wenn wir beim kosmischen Fixpunkt, der Wintersonnenwende, anfingen, ergäbe es sich von selbst, dass wir alle anthropogenen Irrtümer verwenden, pardon: vermeiden könnten…:

    http://www.20min.ch/images/content/1/6/0/16023722/25/4.jpg

    Am 1. März 20008, 9:48 Uhr: Ich schalte nicht ab, aber um: auf Alltag mit Goethes „März“; aber hier & jetzt alle Strophen ohne Schnee (das hat noch kein Naturwissenschaftler ‚bewältigt‘):

    http://www.medienwerkstatt-online.de/lws_wissen/vorlagen/showcard.php?id=4061&edit=0

  • Huch! Schaltjahrsgeburtstagskinder http://www.google.de/search?hl=de&q=Schaltjahrsgeburtstagskinder+&btnG=Suche&meta= feiern schon seit einiger Zeit bei uns im Allgäu… Mit dabei ist natürlich eine Rede, die aus 29 Wörtern besteht.

    Übrigens ist nicht heute Schalttag, sondern der 24. Februar http://tagesschau.sf.tv/nachrichten/archiv/2008/02/22/vermischtes/heute_ist_schalttag – insofern sehe ich eine Gemeinsamkeit mit Weihnachten.

    Übrigens: Auf dem Mars wäre das Fest etwas öfter und fällt dann immer auf den 28. Vrishika http://de.wikipedia.org/wiki/Darischer_Kalender

    Gruß aus dem Allgäu, W. Wilhelm

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