Während heute in Berlin diverse Möglichkeiten geboten werden, anlässlich des Staatsbesuchs des Ministerpräsidenten von Liechtenstein neue Formen des Vaduzens auszuprobieren, hat vorgestern bereits Hans Dativ das Neuverb verduzen vorgeschlagen. Von einem Wildfremden gleich im ersten Satz geduzt zu werden, empfinde er “zumeist als aufdringlich, störend und ein Exempel für eine wachsende Respektlosigkeit im alltäglichen Miteinander.”
Dass er damit nicht allein ist, zeigte sich unter anderem ebenfalls vorgestern im Bericht von Felix Schwenzel über seinen Besuch beim neuen Nachrichtenportal zoomer.de, für dessen junge Zielgruppe der alte Sack Ulrich Wickert als Ankermann herhalten muss:
“wickert … hat mich im gespräch glücklichereise nicht geduzt. ich ihn auch nicht. das rumgeduze will die zielgruppe übrigens so haben, liess ich mir erklären. 21 bis 35 jährige sind so. sie wollen auf nachrichtenportalen geduzt werden. marktforschung, doo! dass die zielgruppe in den nutzungsbedingungen… weiter lesen
Archive for Februar, 2008
Ja Ja, wären wir regelmäßige Leser des Hauptstadtblogs, hätten wir schon im Dezember erfahren, dass im Berliner Bestattungswesen der Trend zur Grab-WG geht (theoretisch hätten wir das auch im Tagesspiegel erfahren können, aber aus uns unerfindlichen Gründen schlafen wir dort schon vor dem Umblättern zur zweiten Seite ein).
Und wären wir regelmäßige Konsumenten des MDR-Magazins Brisant, hätten wir dort schon vergangene Woche erfahren können, dass im Berliner Bestattungswesen der Trend zur Grab-WG geht. Und hätten wir nicht nach Beckmanns Heidi-Klum-Interview vergessen, den Fernseher auszuschalten, hätten wir auch das ARD-Nachtmagazin verpasst, und wüssten deshalb immer noch nicht, dass im Berliner Bestattungswesen der Trend zur Grab-WG geht.
Aberjetzt wissen wir’s ja. Und falls Sie, lieber Wortistik-Leser, weder Hauptstadtblog noch Tagesspiegel noch Brisant noch Nachtmagazin mitbekommen haben, wissen Sie jetzt auch, dass im Berliner Bestattungswesen der Trend zur Grab-WG geht.
Wenn Kiddies poppen, simsen sie eigentlich, erklärte uns dieser Tage Spon (von der Wortwarte entdeckt), weil POP ein Textonym zu SMS ist. Und ein Textonym wiederum ist ein Wort, das auf der Handy-Tastatur genauso getippt wird wie ein anderes. Stoff beispielsweise ist ein Textonym zu Runde, beide heißen nämlich 78633, wenn man sie mit T9-Software eintippt, also einem System, bei dem man für das S nicht viermal auf die 7 drücken muss, sondern nur einmal, weil das Programm erkennt, welches Wort man vermutlich gemeint hat. Und wenn man sich nicht durch die ganzen dann angebotenen Textonyme durchklicken will, nimmt man eben das erste beste, und der Gegenüber wird es schon verstehen. Was so weit gehen soll, dass englische Kiddies schon “book” sagen, wenn sie “cool” meinen – eine sehr überraschende Lösung für die hoffnungslos scheinende Aufgabe, kulturferne Jugendliche für Bücher zu interessieren.
Wäre mal eine… weiter lesen
Auch wenn es schon ein paar Jahre oder Jahrzehnte die englische Sprache bereichert, ist das Wörtchen Worrywart ein schönes Beispiel für das gerade anbrechende Powerdeutsch-Zeitalter. Es ist laut leo.org die Bezeichnung für jemanden, der sich ständig Sorgen macht, einen Pessimisten oder Schwarzseher. Und das ist nun wirklich etwas, was uns Deutschen auf den Leib geschneidert ist: Überall in der Welt genießen die Menschen das Leben aus vollen Zügen und Geldbeuteln, so lange ihnen noch jemand Kredit gibt, nur in Deutschland (und ein paar asiatischen Nachbauten) jammern sie auf hohen oder höchsten Niveau. Dafür bricht überall in der Welt das große Heulen und Zähneklappern aus, wenn der letzte Cent verbraten ist, nur in Deutschland geht man in solchen Weltkrisensituationen zähneknirschend zum Jammern auf mittlerem Niveau über. So muss man sich eben benehmen, um sich den Namen Worrywart zu verdienen.
Die Kolumne von Ken Fisher aus… weiter lesen
“Wo ist eigentlich das Wasser?”, rief Annette gerade aus der Küche. “Das habe ich vorhin leer gemacht gehabt”, antworte ich zerstreut und will mich wieder in Weltwirtschaftskrisenblogs vertiefen. Aber da habe ich die Rechnung ohne meine Frau gemacht. “Was ist das eigentlich für eine Form – ich habe leer gemacht gehabt?”, fragt sie zurück. Was immer ich jetzt darauf antworten würde, wäre verkehrt. Und natürlich unnötig, sie antwortet sich selbst: “Heidelberger Perfekt vermutlich”. Aber noch bevor ich “Horschemol – alla fodd” sagen kann, mischt sich Leonie ein: “Das ist natürlich Plusquimperfekt, Mama”, sagt sie mit Zahnbürste im Mund.
Im Normalfall bin ich überhaupt kein Freund davon, dass meine Tochter beim Zähneputzen einmal durch die ganze Wohnung wandert. Aber in diesem Fall ist das ganz was Anderes. Das Plusquimperfekt ist eine so großartige Zeit, dass sie eigentlich schon seit eh und je existieren könnte (und trotzdem noch keinen einzigen Google-Treffer verzeichnet).… weiter lesen
Die Trim steht auf dem Familienprogramm, der Afra-Slang für “Trimesterarbeit”: 15 Seiten DIN A4, eigenständig erarbeitet, in der 8. Klasse die erste Schularbeit, die wissenschaftlichen Ansprüchen genügen sollte. Und weil es Leonies erste Trim ist, wird Papa auch mal um Rat gefragt: “Kuck doch mal, ob du im Internet biografische Daten über Theodor Polykarp Woyt findest.” – “Wen bitte?” – “Theodor Polykarp Woyt, das war ein Justizrat in Königsberg, bei dem 1759 Theodor Gottlieb von Hippel eingezogen ist.” – “Du schreibst doch deine Trim über Hippel und nicht über Woyt, warum brauchst du dann dessen Daten?” – “Weil wir bei jedem Namen, der im Text vorkommt, die biografischen Daten fußnotieren sollen.”
Zu Theodor Polykarp Woyt konnte ich zwar nur herausfinden, dass er noch bis 1774 Justizrat in Königsberg war. Aber dafür nahm ich das Neuverb fußnotieren dankend entgegen. Bisher muss man umständlich eine Fußnote einfügen, etwas in die Fußnoten aufnehmen… weiter lesen
Es ist das gute Recht der SPD, im jetzt aufbrechenden Steuerfluchtskandal den Volkszorn zu schüren. Aber die “Neuen Asozialen”, die Generalsekretär Hubertus Heil als Begriff prägen möchte, werden sich denn wohl doch nicht durchsetzen. Dafür sind die Betroffenen vermutlich a) zu prominent und b) nicht asozial genug.
Wenn es tatsächlich ein paar tausend Betroffene gibt, und wenn die alle dadurch ertappt wurden, dass die Steuerfahnder mit Amtshilfe des BND die Konten der Liechtensteiner LGT-Bank geknackt haben, dann bietet es sich viel eher an, diese Steuersünder “die Vaduzten” zu nennen. Das passt auf gut und böse, auf reich und stinkreich gleichermaßen.
Komisch, diese selektive Wahrnehmung. Kaum hat die Polizei Post-Chef Klaus Zumwinkel aus seiner Kölner Villa mit aufs Revier genommen, schon sehe ich überall um mich herum Posts. Über dem Text, den ich hier schreibe, steht “Write Post”, und Olympe de Gouges “Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin” von 1791, bei der ich gerade eben mal wieder gelandet bin, ist nicht nur eines der Fundamente der Frauenbewegung, sondern auch einer der ganz wenigen Texte, die neben einer Präambel auch noch eine Postambel haben. Ansonsten habe ich so etwas nur noch in der südafrikanischen Übergangsverfassung von 1993 gefunden.
Leider ist der Postambel nur ein Mauerblümchendasein beschieden, da die wenigsten Texte wirklich gelesen werden und deshalb niemand bis zum Ende durchkommt – in der Präambel ist das Pathos wesentlich besser aufgehoben. Aber vielleicht könnte man ja am Ende von pathetischen Texten eine kleine Belohnung verstecken, so wie den… weiter lesen
Okay, Steinbrück, diesmal gilt’s. Wir erkennen hiermit die “Erschütterungsdynamik” als ihre höchsteigene Wortschöpfung an. Niemand vor Ihnen kam auf die Idee, bei einem möglichen Zusammenbruch der Skandalbank IKB eine Erschütterungsdynamik zu prophezeien. Diese zu vermeiden, ist Ihnen jetzt erst mal eine Milliarde Steuer-Euro wert (und glauben Sie bloß nicht, damit wäre die Sache ausgestanden).
Nur mal so gefragt: Wenn wir schon vorher Ihre Wortschöpfung anerkannt hätten, zum Beispiel
- im Dezember 2005, als Sie in einem Interview des Manager-Magazins sagten, ein Topmanager müsse darauf achten, wo eine Gesellschaft hindrifte und “welche Erschütterungsdynamik, welcher Vertrauensverlust auch durch die öffentliche Rede ausgelöst werden kann”, oder
- im Juni 2007, als Sie wiederum dem Manager-Magazin anvertrauten, in der Großen Koalition sei “keine Erschütterungsdynamik” erkennbar, oder
- im Dezember 2006, als Sie bei einer Pressekonferenz munkelten, dass von verstärkten Engagements von Hedgefonds “auch eine… weiter lesen
Echt nicht, werter KfW-Verwaltungsrat Jürgen Koppelin. Wenn Sie heute die IKB immer noch nicht in ihre wohl verdiente Pleite verabschieden wollen, sollten Sie sich bitte nicht wie im Gespräch mit der FTD damit herausreden, dass Sie damit einen Banken-Tsunami verhindern. Es handelt sich möglicherweise um den altbekannten Domino-Effekt, vielleicht auch um einen systemischen Zusammenbruch, und wenn man einen Vergleich mit Natur- und sonstigen Katastrophen anbringen möchte, dann passt bestimmt am besten der mit einem Blackout – also dem Zusammenbruch der kompletten Stromversorgung, weil an einer Stelle ein Kraftwerk, eine Hochspannungsleitung, eine Mittelstandsbank ausfällt.
Aber bitte nicht den Tsunami-Vergleich: Sie, werter Herr Koppelin, und Ihre Mit-Kontrolleure und das gesamte KfW-Management und der IKB-Aufsichtsrat und was weiß ich wer sonst noch alles beteiligt ist, Sie sitzen seit Juli 2007 auf einer viele Milliarden Euro schweren Stinkbombe, die heute noch genau so aussieht wie damals – oder hat Ihnen jemand die… weiter lesen