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vonDetlef Guertler 26.03.2008

Wortistik

Neue Zeiten brauchen neue Wörter. Doch wer trennt die Spreu vom Weizen? Detlef Gürtler betätigt sich als Wortwart der Nation.

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Können sich die Herren von der Aktion Lebendiges Deutsch vielleicht mal damit beschäftigen, eine griffige deutsche Übersetzung für Moral Hazard zu finden? Okay, das ist schwieriger als bei Blackout oder Call-Center, aber dafür ist der soziale und ökonomische Nutzen ungleich höher. Denn Moral Hazard (vor dem auch die Übersetzer kapitulieren), ist eine in vielen Gesellschaftsbereichen auftauchendes Verhalten, bei dem Einzelpersonen den eigenen Vorteil auf Kosten der Allgemeinheit suchen. Klassisch bei Versicherungen (mit Vollkaskoversicherung fahre ich riskanter als ohne, weil den möglichen Schaden ja die Versicherung bezahlt) und im Gesundheitswesen (immer rin in den Tomographen, die Kasse zahlt ja), derzeit aber besonders in der Diskussion an den Kapitalmärkten. So heute in Thomas Straubhaars Erwiderung auf meine Erwiderung auf seine Empörung über Ackermanns Hilferuf an den Staat:

„Die expansive Geldpolitik der US-Notenbank und das mit Schulden finanzierte Konjunkturprogramm der amerikanischen Regierung sind nichts weniger als ein Bail-out, also eine Schuldenübernahme und Tilgung durch Dritte. Sie sind eine Enthaftung der Verantwortlichen. Sie entlasten Kreditgeber und -nehmer von den Risiken, die sie freiwillig, ohne Zwang und mit Hoffnungen auf gute Renditen eingegangen sind. Aus diesem asymmetrischen Verhalten entstehen für die Spieler an den Finanzmärkten natürlich erst recht verführerische Anreize, übergroße Risiken einzugehen.“

Eine schöne und verständliche Umschreibung des Moral-Hazard-Problems. Schöner wäre aber natürlich, wenn das ganze auch etwas kürzer und drastischer ausgedrückt werden könnte – und man damit vielleicht sogar Menschen davon abhalten könnte, sich so zu verhalten. Ich selbst bin noch ratlos. Die üblicherweise angebotenen Übersetzungen wie moralisches Risiko oder subjektives Risiko überzeugen nicht, auch die Trittbrettfahrerei trifft es nur zum Teil. Schön wäre es, wenn man eine bekannte historische Figur finden könnte, die man dafür so verwenden kann, wie Freud es mit Ödipus geschafft hat. Aber so weit ich die griechische und römische Sagenwelt durchforste, mir fällt kein passender Held oder besser Anti-Held ein. Wer kann helfen?

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https://blogs.taz.de/wortistik/2008/03/26/moral-hazard/

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kommentare

  • Ich persönlich würde nicht so sehr am Wortlaut übersetzen, sondern den Sinn und Zweck suchen. Hätte ich mehr Zeit würde ich das Thema gern komplett auseinander nehmen und wieder zusammen bauen.

    Aber jetzt mache ich es mir in der gebotenen Kürze sehr einfach:

    Eigentlich wird mit „moral hazard“ das Verhältnis zwischen Risiko und Verantwortung beschrieben. Wissentlich wird bei der Handlung beides durch einen Dritten abgedeckt (Versicherung, Eltern, Staat etc.).
    Das heißt es besteht dahingehend eine Verantwortungslosigkeit beim Handelnden, als er NICHT für sein Handeln haftet. Egal was er tut.

    Handlungsunfähigkeit und fehlende Verantwortlichkeit wird im Recht mit dem Wort Mündigkeit/Unmündigkeit verknüpft.

    Ich würde das Ganze deshalb
    „unmündige Moral“
    nennen.

    Hier:
    (1) hat das mit Moral ja gar nichts zu tun, deshalb sollte wenn dann nur der Begriff „negative Moral“ verwendet werden, das ist aber wenig verständlich und lässt den Schluss auf Moral wenig zu. Deshalb doch „Moral“.

    (2) ist das Handeln der Menschen in diesen Positionen (z.B.: Investment Banken) eigentlich so unterirrdisch, dass eine Parallele zu jedem Kapitalverbrechen gezogen werden könnte. Klar bringen diese Leute keinen Menschen um, dafür verzocken sie soviel Geld, welches viele Leben in der Mittelschicht in einem ganzen Leben nicht zurückzahlen können, aber zurückzahlen müssen.

    (3) Viele Menschen werden für sehr viel weniger entmündigt und in eine Zwangsjacke gesteckt.

    (4) Auch sehr schön finde ich „blinde Moral“, ich weiß zwar nicht warum aber hier hört man genau das Gefühl raus, welches man hat, wenn man „moral hazard“ hört. Mein Gefühl zumindest.

    Aber mein Favorit ist:

    „Unmündige Moral“
    für ein
    „Unmündiges Verhalten“

    Jeder Mensch muss für einen Kaugummi Geld bezahlen. Investment-Bänker, Versicherte oder oder oder bekommen für ihr „unmündig moralischen“ Verhalten sehr viel Geld….
    hääääää???????

  • Die unmittelbare Übersetzung drückt nicht den Sachverhalt aus. Außerdem hat das englische Wort „hazard“ verschiedene Bedeutungen. Es bedeutet nicht nur Risiko! Die treffende Übersetzung ergibt sich erst aus dem Zusammenhang eines Textes. Personen, die ihren Vorteil auf Kosten der Allgemeinheit suchen, sind „Schmarotzer“. Deshalb sind die Begriffe „Sozialschmarotzer“ für die Person und „Sozialschmarotzertum“ für deren Verhalten die zutreffende Entsprechung für „moral hazard“..

  • Hi,
    ich würde in diesem Zusammenhang gerne das Wort „Eigennutz“ einbringen. Es lässt sich wunderbar auf die Menschen anwenden, die zunächst den eigenen Vorteil suchen und sich erst dann ihrer gesellschaftlichen Einbindung bewusst werden.
    Beispiele finden sich unzählige, unabhängig vom System. So finden wir den klassischen Eigennützler sowohl im „Leben der Anderen“ als auch in den Figuren des Finanzspieles oder der Managerselbstbelohnung.

  • […] Kapitulation der Übersetzer Veröffentlicht April 10,2008 Englisch & Denglisch , Übersetzung Es geht mal wieder um einen knackigen englischen Begriff, und zwar um “Moral Hazard”. Wörtlich oder automatisch übersetzt – und was gibt’s schon gegen automatische Übersetzungen zu sagen -, kommen wir zu “moralisches Risiko”. Im Versicherungssegment mag damit eine besondere Art des subjektiven Risikos korrekt wiedergegeben werden. Generell bezeichnet “Moral Hazard” aber ein in vielen Gesellschaftsbereichen auftauchendes Verhalten, bei dem Einzelpersonen den eigenen Vorteil auf Kosten der Allgemeinheit suchen, wie Detlef Guertler im tazblog schreibt. Eine praktikable Übersetzung sucht man bei offiziellen Quellen jedoch vergebens. Und ein Klick auf Wikipedia ergibt auch nichts wirklich Wasserdichtes. Na ja, so als ersten Übersetzungsversuch hätte ich das gute alte “Sozialschmarotzertum” anzubieten. […]

  • Das ist vermutlich das weltweit erste Mal, dass jemand im voraus ankündigt, einen bislang nicht übersetzten Begriff übersetzen zu wollen. Wir werden hier natürlich live über das Ergebnis berichten.

  • Ein griffiges deutsches Wort ist zwar vorstellbar, aber ein semantisch treffendes kaum. Denn Moral Hazard ist schon im Englischen von der Bedeutung her schief (und sprachlich bizarr komponiert): Moralisches Risiko! Das hat mal jemand (?) gesagt, und dann hat es sich in der Versicherungssprache eingenistet, als praktische Kurzformel für eine Gruppe komplexer Sachverhalte. Aus aktuellem Anlass haben die Wallstreet und die sie betreuenden Medien dieses handliche Kürzel nun für sich entdeckt.

    IKB, WLB, BLB, SLB – gut, auch da war/ist wohl überall auch Moral Hazard im Spiel. Aber richtig in Denglistan angekommen scheint mir der Ausdruck noch nicht. Möchte annehmen, dass 99,8 % unserer Landsleute ihn noch nie gehört und 99,9% nicht die geringste Ahnung haben, was er – auch nur ungefähr – bedeutet. (Wikipedia ringt tapfer, aber ergebnislos um die Erklärung des englischen Begriffs und um ein deutsches Wort.)

    Wie bei so manchen englischen Termini müssen wir uns die Mühe machen auszudrücken, was wir im Einzelfall meinen (wenn wir’s denn selber wissen).

    Cornelius Sommer.
    http://www.hausderdeutschensprache.eu

  • Erinnert doch an den Kuckuck, solch ein Verhalten.
    Ein knackiges Wort will sich mir damit aber nicht recht bilden lassen… Ihnen vielleicht?

  • […] Egal jetzt. Ich wollte jedenfalls darauf hinweisen, dass Detlef Guertler in der Kategorie Neubewortung seines Wortistik-Blogs nach einer griffigen deutschen Übersetzung für den Begriff Moral Hazard sucht. Vielleicht hat ja einer eine auf Lager. […]

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