23.03.2008 von Detlef Guertler
Im Online-Handelsblatt ein schönes Zitat vom tatsächlich klugen Wirtschaftsweisen Peter Bofinger gelesen: „Die kranken Banken werden rund um die Uhr von den staatlichen Notenbanken betreut, ähnlich wie die Patienten auf der Intensivstation.” Könnte man doch schön mit George Clooney als Krankbankarzt verfilmen.
Aber auch ohne Clooney: Krankbank find ich gut. Und obwohl in Sponti-Zeiten Dutzende von Reimen mit Frankfurt, Bankfurt, Krankfurt gemacht wurden, hat die Krankbank bislang noch keiner geprägt. Zeit wird’s: Warum immer nur von “bad bank” reden?
22.03.2008 von Detlef Guertler
Gerade in diesen in unserem Kulturkreis so hasenreichen Tagen ist es sinnvoll, wichtig und richtig, des so wesentlich größeren Einflusses zu gedenken, den ein anderes Tier auf unsere geliebte deutsche Sprache hat: das Schwein. Insofern (und natürlich nur insofern) ist Klaus Jarchow zu danken, der am heutigen Ostersamstagmorgen eine “Verschweinung dieser Welt” herbeibeschwört - was er allerdings brunzdämlich mit “allseitiger Ökonomisierung” synonymisiert.
Dabei hat doch schon Dagmar Schmauks in ihrem äußerst lesenswerten Beitrag “Rüssel, Rippchen, Ringelschwanz” zum 11. Internationalen Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Semiotik (DGS) vom 24.-26. Juni 2005 an der Europa-Universität Viadrina, Frankfurt (Oder) darauf hingewiesen, dass die ökonomisierteste der sieben Todsünden, der Geiz, dem Schwein in keiner Form eigen ist (PDF).
Weit eher als in der kultursoziologischen Tradition Schmauks’ scheint Jarchow demnach in der unkulturdemagogischen Tradition des Linksbarden und -politikers Dieter Dehm zu stehen, der im Jahr 2005 unter anderem folgendes weiter lesen
21.03.2008 von Detlef Guertler
von Christian Dombrowski:
Er: Die Joghurts, die du neulich gekauft hast, mag ich übrigens gar nicht. Die schmecken nach Chemie.
Sie: Die haben aber ganz viele Vitamine …
Er: Ich fürchte, die einzigen Vitamine bei denen sind B, A, S und F.
Sie: Im Gegenteil. Wahrscheinlich hast du schon so viel Chemie-Joghurt gegessen in deinem Leben, dass du den Unterschied gar nicht mehr spürst. Die neuen Joghurts sind völlig naturbelassen.
Er. (öffnet den Kühlschrank, greift ein Joghurt, liest): „Edle Naturfrüchte. Ohne Konservierungsstoffe.“ Tatsächlich, du hast recht! Na – da hab ich mich wohl verschmeckt.
sich verschmecken = irrtümlich etwas zu schmecken glauben (analog zu „sich verhören“)
20.03.2008 von Detlef Guertler
Klaus Jarchow hat in der Medienlese mit höchst fragwürdigen Gedankenketten begründet, warum er es für unwortverdächtiges Teufelszeug hält, wenn man statt “freier Journalist” inzwischen manchmal “Contentlieferant” sagt. Kern der Fragwürdigkeit ist seine Vorstellung, es sei in irgendeiner Form neu, dass Medien und die für Medien arbeitenden Menschen mit dem, was sie da tun, Geld verdienen wollen – die hehre Reinheit der Information hochhalten können nur Millionäre und Staatsdiener, beide nicht direkt die Personengruppen, in denen ich den Journalismus verkörpert sehen möchte.
Deshalb ist der folgende Satz aus Jarchows Beitrag inhaltlich Nonsens, aber sprachlich sehr hübsch. “Dann aber kam das Marketing dahergeschlendert, jene geldnasigen Schnüffels mit den flinken Augen also, die hier, in der Neusprachlichkeit, lukrative Geschäftsmodelle witterten. Denn jedes Wort, das wissen sie schließlich am besten, verändert die Welt. Daher ihr unaufhörliches, marketing-typisches Neu-Babbelonisch, ‘damit nicht gleich ersichtlich sei, wo irgendein Profit dabei‘.”
Flinke Augen… weiter lesen
19.03.2008 von Detlef Guertler
Ich hätte wetten können, dass es das Wort schon länger gibt. Das ist doch so naheliegend: Ein Politiker, Manager, Unternehmen sagt oder tut etwas, was bei den Börsianern zu heftigem Schluckauf und Kursab führt, und deshalb nennt man ihn/sie/es Börsenschocker. So wie es ganz früher mal bei Stefan Raabs TV Total den “Schocker der Woche” gab, könnte man derzeit problemlos den “Börsenschocker des Tages” küren.
Aber bei Google ist es einsam um den Börsenschocker. Kein Dutzend Treffer kommt für ihn zusammen, und die sind praktisch alle aus der Financial Times Deutschland bzw. ftd.de von heute. Gemeint ist natürlich jeweils Bear Stearns, jene US-Investmentbank, der vergangene Woche eine “europäische Großbank” (vermutlich eine Deutsche) und Goldman Sachs den Stöpsel gezogen hatten, indem sie keine Transaktionen mehr eingingen, bei denen Bear Stearns Gegenpartei war. Dabei hätte man gestern auch genausogut Siemens als Börsenschocker nominieren können. Und heute die Deutsche Telekom.… weiter lesen
18.03.2008 von Detlef Guertler
Lange habe ich mit mir gerungen, nachdem Wortistik-Leser Polyphem mich auf gleich zwei Neuworte in einem Artikel aufmerksam machte (vielen Dank). Welchen von beiden stelle ich in die Überschrift: Empörungsrülpser oder Meinungsrandalierer? Beide aus einem FAZ-Artikel von Blogpapst Stefan Niggemeier persönlich, allerdings nicht in dessen Blog zu finden.
Der Empörungsrülpser machte schließlich das Rennen. Erstens, weil tatsächlich von Niggemeier himself, während der Meinungsrandalierer einem Zitat von stern.de-Chef Frank Thomsen entspringt. Zweitens, weil er so schön umlautig und auch sonst kernig deutschsprachig aussieht – die Buchstabenfolge -ngsrülps- macht uns so schnell keiner nach. Und drittens, weil es eine schöne Beschreibung für die Lästigen unter den Blog-Kommentaren darstellt, hingegen dem Wort Meinungsrandalierer vermutlich kein Bleiberecht in der deutschen Sprache zuerkannt werden wird, weil auch anderen Randalierern ja weder Form noch Inhalt ihrer Randale vorangestellt wird.
Sollten Sie anderer Meinung sein: Es steht Ihnen jederzeit frei, empörungszurülpsen.
17.03.2008 von Detlef Guertler
Als Adam und Eva die Früchte vom Baum der Erkenntnis aßen, erkannten sie, dass sie nackt waren. Wenn so etwas an den Börsen passiert, nennt man das Minsky-Moment. Es sieht ganz danach aus, als ob heute so ein Tag werden könnte:
- Bear Stearns hat einen Buchwert von 80 Dollar die Aktie und verkauft sich für zwei Dollar je Aktie an JP Morgan Chase – und die greifen erst zu, nachdem die Fed ihnen eine 30-Milliarden-Dollar-Liquiditätslinie zur Beseitigung der Bear-Stearns-Altlasten eingeräumt hat.
- Lehman Brothers wird an Wall Street als nächster Pleitekandidat unter den großen Investmentbanken gehandelt, und dürfte heute aus dem steilen in den freien Fall übergehen.
- Goldman Sachs, die letzte halbwegs sauber durch die Kreditkrise gekommene US-Investmentbank, wird wohl diese Woche auch ein paar Milliarden Dollar Wertberichtigungen melden müssen.
- Euro, Öl und Gold auf Rekordhoch, Interventionen der Notenbanken werden herbeigewispert.
- Heftiges Knistern auf… weiter lesen
15.03.2008 von Detlef Guertler
Echt lästig, dass in der kalten Jahreszeit (also von September bis Mai) die Scheiben des Autos von innen beschlagen, wenn man morgens losfährt. Da muss man erst das Gebläse aufdrehen oder das Fenster öffnen, je nach individueller Kältetoleranz, um die Scheiben wieder frei zu bekommen. Mir zumindest ginge diese lästige Pflichtübung leichter von der Hand, wenn ich ein eigenes Verb dafür hätte. Entschlagen zum Beispiel. Das hat zwar laut Duden noch ein paar andere Bedeutungen, aber in denen wird es praktisch überhaupt nicht mehr gebraucht – also stünde der Verwendung für die Freilegung beschlagener Scheiben eigentlich nicht entgegen.
14.03.2008 von Detlef Guertler
von Wolfgang Wilhelm aus dem Allgäu:
Wie deutsche Gewerkschaften so ticken, das wissen »Gürtler-Buch-Leser«. »Gürtler-Blog-Leser« wiederum wissen, dass er sich nicht so sehr mit bewegten Bildern beschäftigt, weshalb ihm bislang auch ein Neuwort von Tobias Kaufmann entgangen ist. In seiner wöchentlichen Satire »E-Mail an…« “schreibt” Kaufmann diesmal an »Frank Bsirske«:
»[…] Ich habe trotzdem Zweifel an Ihrer Taktik, Herr Bsirske.
Wenn das nur »Warnstreik« ist, was passiert dann bei echtem Streik?
Und warum wird gestreikt, bevor man sich zum Verhandeln trifft?
Das ist ja so, als wenn man den Iran z.B. erstmal ein bisschen bombardieren würde, bevor man über das Atomprogramm redet.
Gut, ich gebe zu, der Vergleich hinkt: So ein »Warnkrieg« würde vermutlich sehr viel mehr militärische Ziele treffen, als Ihr »Warnstreik«, der wie eine Splitterbombe alles verletzt, was in der Nähe ist.
Außerdem haben die im Iran gar keine Streiks. […]«
12.03.2008 von Detlef Guertler
Heute mit Freund H. aus K. darüber gesprochen, welche Institution denn wohl im Laufe dieses oder des nächsten Jahres die Rolle der Rating-Agenturen einnehmen könnte, die ja wohl wegen Unfähigkeit in Tateinheit mit Bestechlichkeit und Gewissenlosigkeit demnächst so rückstandslos von der Bildfläche verschwinden werden wie der Wirtschaftsprüfer-Konzern Arthur Andersen nach der Enron-Pleite. H. meinte, das könne doch die Bundesbank machen, der glaubt jeder, und sonst hat sie sowieso viel zu wenig zu tun, seit es die EZB gibt. Ich meldete Zweifel an: Nicht so sehr an der Vertrauenswürdigkeit der Bundesbank, sondern an der der Zentralbanken als solcher, die sich gerade reihenweise zum Trottel machen, weil sie als einzige Institutionen der Welt noch die eigentlich mal als mündelsicher angesehen AAA-Ratings für bare Münze nehmen und etwa eine Viertelbillion von diesem Schrott als “Sicherheiten” akzeptieren.
Ich fände es besser, wenn die Deutsche Bank ihre bislang nur intern verwendeten Ratings auch für Externe… weiter lesen