Archive for April, 2008

30.04.2008 von Detlef Guertler
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Kuschelkugel

von Detlef Guertler

Ihrer alten Tradition folgend, genau dann in Märkte einzusteigen, wenn dort Geld nicht mehr verdient, sondern nur noch versenkt werden kann, startet die Tui, eine Art Katastropholus unter Deutschlands Konzernen, im nächsten Jahr in den Kreuzfahrt-Markt. Das ist dann zwar mitten in einer gerade sich formierenden Wirtschaftsflaute, die Weltwirtschaftskrise zu nennen jetzt sicher noch zu früh wäre, aber so etwas ficht die Tui-Verantwortlichen ja grundsätzlich nicht an: Alle anderen Reisekonzerne haben in diesem Markt schon so viel Geld verdient, dass man das jetzt einfach auch mal probieren möchte.

Die Vorstellung des ersten Tui-Kreuzfahrtschiffs, das heute noch unter anderem Namen fährt und ab Mai 2009 für Tui unterwegs sein soll, geriet denn auch offensichtlich eher zur Peinlichkeit. Eine noch ganz und gar unbesetzte Marktnische habe man ausgemacht, sagte Kreuzfahrtobermufti Richard J. Vogel, nämlich das Contemporary-Konzept im Premium-Segment – auf deutsch etwa so viel wie: ganz normale Kreuzfahrten im Traumschiff-Stil… weiter lesen

28.04.2008 von Detlef Guertler
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Kahndidat

von Detlef Guertler

Da lacht der Mainzelmann:

“«Wir haben mit einigen Kandidaten gesprochen», teilten ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender und Sportchef Dieter Gruschwitz am Freitag bei der EM-Präsentation in Frankfurt/Main offiziell mit. Vom Kandidaten zum «Kahndidaten» ist es aber nicht weit, wie sie schmunzelnd einräumten.”

Kahnnitverstan? Es geht natürlich um die Nachfolge für Jürgen Klopp und Urs Meier als Fußball-Kommentatoren beim ZDF. Und weil wir gerade so lustig beieinander sind, spielen wir Kahniball und machen das ZDF zum Balkahn, bei dem nur verkahnte Genies arbeiten – wenn sie nicht gerade auf den Kahnaren Urlaub machen. Und bevor es noch lustiger wird, rette sich, wer kahn.

27.04.2008 von Detlef Guertler
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Einwanderungssprache

von Detlef Guertler

Jetzt wollte ich gerade das Goethe-Institut dafür loben, dass es im Zusammenhang mit seinem gerade abgeschlossenen Wettbewerb “Wörter mit Migrationshintergrund” das Wort “Einwanderungssprache” geprägt hat. Aber das wäre gleich doppelt falsch gewesen:

Erstens wäre ich damit wieder einmal den Faktenfälschern beim Spiegel auf den Leim gegangen. Die haben zwar geschrieben: “Eins ist für das Goethe-Institut völlig klar: Deutsch ist eine Einwanderungssprache.” Aber zumindest in den Online-Versionen der Goethe-Texte zum Wettbewerb taucht das Wort Einwanderungssprache nicht auf – und es ist ja nun wirklich nicht dasselbe, ob man anerkennt, dass das Deutsche Wörter mit Migrationshintergrund kennt, oder ob man das Deutsche gleich zur Einwanderungssprache erklärt. Schließlich hat das Goethe-Institut ein Jahr zuvor auch schon das schönste ausgewanderte deutsche Wort gesucht, ohne Deutsch deshalb sofort zur Auswanderungssprache zu erklären.
Zweitens hätte ich dabei völlig den Erfinder dieses Wortes vergessen. Der schrieb nämlich schon… weiter lesen

26.04.2008 von Detlef Guertler
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Diamantstandard

von Detlef Guertler

Was um Himmels willen hat die Werbetypen von Calgon nur dazu veranlasst, ihre neuen Nano- oder Quanto- oder Sonstwo-Spültabs mit dem Slogan Diamantenstandard zu versehen? Was ist denn ein Diamant? Er ist schweineteuer (keine gute Werbung), er ist unvergänglich (auch keine gute Eigenschaft für einen Spültab) und er ist superhart (obwohl asch- und Spülmittel das Wasser doch eher enthärten sollen).  Bis hierhin also alles gequirlter Blödsinn.

Wird es besser, wenn man den Standard noch mit in die Betrachtung nimmt? Suggeriert werden soll möglicherweise, dass der (bislang von niemand als Begriff verwendete) Diamantstandard noch eine Nummer großartiger ist als der (von Ökonomen häufig verwendete) Goldstandard, bei dem eine Währung in irgendeiner Form an den Wert eben jenes Edelmetalls gekoppelt ist. Dumm nur, dass es inzwischen einige brauchbare und kostengünstige Verfahren gibt, um aus billigem Kohlenstoff teure Diamanten zu machen, wohingegen die Verwandlung von Blei in Gold auch den klügsten… weiter lesen

25.04.2008 von Detlef Guertler
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Dreigroschenschurke

von Detlef Guertler

aus dem Allgäu von Wolfgang Wilhelm:

Romanu Otte schreibt in der Welt über den Hunger und die Globalisierung. Am Ende stehen folgende Zeilen:

Das Klima-Musterland Deutschland hat hier Grund zur Selbstkritik. Seine Agrarpolitik folgt Lobbyinteressen, die Energie- und Klimapolitik Illusionen. Stets im Dienst des guten Gewissens, doch immer auf Kosten Schwächerer in aller Welt. Wer aber das Klima schützen will, der muss ihren Hunger stillen, nach Nahrung und Energie. Vor der Wahl, zu essen oder das Klima zu schützen, ist die Priorität doch klar.

Wer hungert, begegnet Forderungen nach Klimaschutz so wie Dreigroschenschurke Macheath der Forderung nach Bravheit: “Ihr Herrn, die ihr uns lehrt, wie man brav leben / und Sünd und Missetat vermeiden kann / Zuerst müsst ihr uns schon zu fressen geben / Dann könnt ihr reden: damit fängt es an. / Ihr, die ihr euren Wanst und unsere Bravheit liebt / Das Eine… weiter lesen

24.04.2008 von Detlef Guertler
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Bertelpedia

von Detlef Guertler

Oder wie sonst nennt man das Produkt, das entsteht, wenn Bertelsmann Wikipedia als Buch herausbringt? Andere mögen heftig über Sinn und Zweck dieses Produkts und die Fragen von Urheber- und anderen Rechten debattieren, wir suchen nur den richtigen Namen. Vermutlich wird Bertelsmann schlicht “Wikipedia” draufschreiben, oder “Wikipedia 2008″, aber das geht natürlich nicht, schließlich wäre dann der Satz “Das hab’ ich in Wikipedia gelesen” nicht mehr eindeutig.

Sowohl Bertelpedia als auch Bertelspedia wurden vereinzelt bereits verwendet, überzeugen aber nicht so recht: Für mich klingt das erste zu sehr nach Dagobert Duck (der von Oma Duck immer Bertel genannt wird), das zweite zu sehr nach Spedition. Bertelswiki und Bertelwiki gingen auch noch, und alle vier sind sogar (auf die Plätze, fertig, los, ihr Domaingrabber!) im Netz noch nicht belegt. Im Gegensatz zu Druckipedia, wo tonnenweise Druckzubehör feilgeboten wird.

Oder man orientiert sich am Preis, und spricht von Teuripedia, oder… weiter lesen

23.04.2008 von Detlef Guertler
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Drölf

von Detlef Guertler

Und nochmal meldet sich Wortistik-Leser Stefan zu Mail: Ihm ist erstmals in seinem Leben die Drölf begegnet – die Zahl zwischen 11 und 14. “Heute scheint irgendwie Tag der mir unbekannten Allgemeinwörter zu sein”, meint er, immerhin meldet Google bereits 58.500 Treffer für Drölf. 

Keine Sorge, Stefan, sooo verbreitet ist dieses Wort denn doch nicht. Und schon die ersten Blicke in die Google-Ergebnisse zeigen, dass es für Drölf durchaus mehr als nur eine allgemeine Bedeutung gibt:

- Die Uncyclopedia hatte es zum Welt-Wort des Jahres 2006 gekürt, da es “in keiner Zivilisation der bekannten Spiralarme der Milchstraße eine Bedeutung” habe und deshalb “kulturneutral und nicht diskriminierend” sei.

- Die Kamelopedia hingegen sieht Drölf als “eindrucksvolle Alternative zu heutigen, exakt definierten Zahlwerten”, mit entsprechenden Einsatzmöglichkeiten: Drölf könne ”als Zeitangabe für das Erscheinen auf Partys (zwischen den Uhrzeiten 11 Uhr abends und 2 Uhr morgens)” gebraucht werden.

- der User Hype im Board… weiter lesen

23.04.2008 von Detlef Guertler
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mailden

von Detlef Guertler

Wortistik-Leser Stefan maildet, er sei “in letzter Zeit über zwei Wörter gestolpert, die ich zwar noch nie gehört habe, aber es bei Google schon auf eine beachtliche Trefferzahl bringen: das “Einklaufen” im Supermarkt und das “Mailden” im Internet.” Das Einklaufen zieht die Jury ab, da es schon in den Subkulturen anderer Epochen verbreitet war (mich erinnert das an den Landkommune-Song von Geier Sturzflug aus den frühen 80ern: “Im Supermarkt ham wir alles geklaut, das ist doch viel einfacher, als wenn man’s selbst anbaut”), und schlicht eine Straftat sprachlich verharmlost. Das sollten wir den alegalen Spaniern überlassen.

Anders beim Mailden. Das sieht zwar eher unschön aus, und klingen tut es auch nicht großartig, aber es passt in eine Zeit, in der die e-Mail zu einem verbreiteten, wenn nicht sogar zum weitest verbreiteten Kanal direkter Kommunikation geworden ist. Wenn eine direkte Kontaktaufnahme nur über e-Mail erwünscht (bitte mailde dich) oder… weiter lesen

22.04.2008 von Detlef Guertler
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Mitgebsel

von Detlef Guertler

Gerade schwer in Kindergeburtstagsvorbereitungsrecherchen verstrickt bin ich gleich mehrfach über das Wort Mitgebsel gestolpert. Das ist doch eigentlich die viel schönere Übersetzung für “Give-Away” als das Werbegeschenk, das uns die Aktion Lebendiges Deutsch im März einreden wollte (aber erstaunlicherweise nicht in ihr Wortarchiv übernahm). Und auch schöner als das im Bremer Sprachblog vorgeschlagene Mitgibsel, oder?

21.04.2008 von Detlef Guertler
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Sofortglück

von Detlef Guertler

Ein hübsches Geschichtchen von Rainer Leurs in der FTD über die Gunst der Sekunde, vom Parkplatz direkt vor der Tür in Hamburg-Eppendorf bis zum Bündel Travellerschecks, die einem unverhofft aus einem tief verstaubten Buch entgegenfallen.

Und ein ebenso hübsches Wort, auf das zuvor noch niemand gekommen war, und dem verschärft zu wünschen ist, dass es sich gegen das vereinzelt bereits aufgetauchte Instantglück durchsetzt. Denn Instantglück klingt wie vorfabriziert, gekauft, mit schalem Nachgeschmack. Das Sofortglück hingegen dockt an der klassischen Gefühlswelt der Faust-Mephisto-Wette an: “Werd’ ich zum Augenblicke sagen, verweile doch, du bist so schön…”