30.05.2008 von Detlef Guertler
Robert Basic hat es vorgeschlagen, Peter Turi verwendet es auch (und der eine oder andere war auch vorher schon drauf gekommen), und tatsächlich schreit die aktuelle Abhöraffäre geradezu danach, als Stasikom-Affäre in die Geschichte einzugehen: Wenn Ex-Stasi-Mitarbeiter für den rosa Riesen Journalisten und Aufsichtsräten nachschnüffeln, passt Stasikom allemal besser als das um drei Ecken gedachte Telekomgate.
By the way: Zu den früheren Stasi-Methoden gehörte ja nicht nur das Abhören und Ausspionieren, sondern auch die gezielte Desinformation: “Dokumente” fälschen und dann über befreundete Medien so lancieren, dass die Öffentlichkeit auf falsche Fährten gebracht wird. Belegt wurde das beispielsweise für Material gegen den “KZ-Baumeister” Heinrich Lübke.
Da der Wortist in der fraglichen Zeit (2000) maßgeblich an der Enthüllung der milliardenteuren Falschbewertung von Telekom-Immobilien beteiligt war (in der Zeitschrift Telebörse, Friede ihrer Asche), und da er sich damals sehr darüber wunderte, welche ziemlich… weiter lesen
29.05.2008 von Detlef Guertler
Von AS Reyntjes stammt die Frage, ob sich der “Meudalismus” (= moderner Feudalismus) in die Sprache einbürgern könne, solle, dürfe. Zumindest ein bisschen verbreitet hat er sich schon, und zwar auf Initiative des Namensgebers Harald Wozniewski, der schon seit Jahren meudalisiert, und das seit letztem Jahr auch in Buchform.
Ich jedoch rate von einer Weiterverbreitung dringend ab. Nicht nur weil ich Menschen nicht mag, die wie Wozniewski den Doktortitel in ihre Internetadresse einbauen, ebensowenig übrigens wie Menschen, die sich ihre Bücher selbst bei Amazon rezensieren, weil es sonst keiner macht, und auch nicht nur, weil mir die Gedankenwelt des Meudalisten etwas sehr hermetisch erscheint (das darf man alles gerne anders sehen), sondern vor allem, weil es eine wortistisch wesentlich bessere Alternative gibt. Wenn ich beschreiben möchte, dass gesellschaftliche Entwicklungen heute irgendwie wieder so ähnlich aussehen wie der Feudalismus von vorgestern, dann liegt doch geradezu auf der… weiter lesen
24.05.2008 von Detlef Guertler
Versteht man doch gleich, oder? Antiquirieren bedeutet, etwas fürs Antiquariat bereit zu machen, also eine eben noch aktuelle Idee, ein Buch, eine Ideologie in die Legion der historischen, der überholten Ideen einzureihen. Klar. Nur verwenden tut es keiner.
Außer Max Stirner (1806 – 1856), einer der großen anarchistischen Philosophen, der, wenn ich der Darstellung Prof. Arno Waschkuhns in “Politische Utopien” (Oldenbourg Verlag, 2003) folge, dieses Verb genau so behandelte:
“Alle überpersonalen Allgemeinheitsbegriffe implizieren normative Voraben und bekommen früher oder später einen Zwangscharakter. Sie sind deshalb für Stirner als ärgerliche Tatsachen konsequent zu “antiquirieren”.”
Waschkuhn schreibt offenbar wesentlich langweiliger und sprachunschöpferischer als Stirner. Was nicht unbedingt gegen den Professor, aber auf jeden Fall für den Anarchisten spricht. Deshalb würde es sich möglicherweise lohnen, Stirners Werk aus wortistischer Sicht zu ent-antiquirieren.
22.05.2008 von Detlef Guertler
Dass es im Dark Room selten, eigentlich eher nie, gesittet zugeht, hat sich auch in unschwulen Kreisen inzwischen herumgeflüstert. Für Dark Pools gilt das auch, obwohl es dabei nicht um Rudelvögeln im Wasser geht, sondern um die Handel von großen Aktienpaketen an der traditionellen Börse vorbei. Praktisch alle großen Banken verfügen über eine solche vornehmer “elektronisches Handelsnetzwerk” genannte Einrichtung, auf der besonders Investmentbanken und Hedge Fonds gerne ihre Geschäfte machen – damit ihnen auch ja keiner in die Karten schauen kann, und sie mit ihren großen Deals nicht die Kurse an der eigentlichen Börse kaputt machen.
Die FTD hat diese Dark Pools als Schattenbörsen eingedeutscht, womit die Anrüchigkeit dieser Einrichtungen ihren sexuellen Beigeschmack verliert und dafür einen konspirativen Anstrich gewinnt – was sowohl den Intentionen von Betreibern und Kunden als auch dem tatsächlichen Geschehen wesentlich näher kommen dürfte. Eine rundum gelungene Übersetzung.
18.05.2008 von Detlef Guertler
Wieder eins von diesen Wörtern, von denen man sicher ist, dass es bestimmt schon mal jemand anders benutzt oder geschöpft hat. Aber nein, der einzige Treffer, den Google dazu findet, ist tatsächlich aus Klaus Jarchows gestrigem Beitrag in der Medienlese. Sollte es wirklich bis gestern gedauert haben, dass jemand die Neuschöpfung von Tim Berners-Lee aus dem Jahr 1989 mit diesem abfälligen Substantiv versieht?
17.05.2008 von Detlef Guertler
“Wenn mehr als ein Drittel eines Jahrgangs ein Gymnasium besuchen, ist man damit natürlich nichts Besonderes mehr”, schreibt der Wortist in der Welt. Und weiter: “Um die Zugehörigkeit zur intellektuellen Elite von morgen zu dokumentieren, muss es schon ein ganz besonderes Gymnasium sein. Das traditionelle dreigliedrige Schulsystem mit Hauptschule, Realschule und Gymnasium, hat sich klammheimlich in ein viergliedriges verwandelt: mit dem Übernasium an der Spitze.”
Einzuwenden dagegen wäre allenfalls, dass Übernasium wie ein Kampfbegriff der Gegner eben dieser Einrichtung klingt – nicht wirklich tauglich, um in den kultusministeriellen Lehrplänen aufzutauchen. Dem deutschen Geist würde sicherlich “Spezialgymnasium” besser gefallen. Und wenn die dann, weil sie ja so speziell sind, ihre Lehrpläne auch ein bisschen selber machen dürften, könnte es für meinen Geschmack gar nicht genug Spezialgymnasien in Deutschland geben.
16.05.2008 von Detlef Guertler
Passend zur Jahreszeit schlägt Wortistik-Leser Hartmut Bohn “Freilustsaison” vor. “Bei den Google-Fundstellen handelt es sich offensichtlich in 90% der Fälle um Freud’sche Fehlleistungen”, schreibt er. Ich habe zwar nur 80 Prozent Schreibfehler gefunden, aber das bestätigt ja Bohns Beobachtung.
Ach ja: Bei den Bildern, die Google zur Freilustsaison anbietet, handelt es sich sämtlich um Fehlleistungen. Und da soll noch jemand sagen, bei Google-Suchen ginge es immer nur um Sex.
15.05.2008 von Detlef Guertler
„parteilich – geldgeil – seilschaft(lich)” sollte auf der “Welt” stehen, meint Niggemeier-Kommentator Sebastian. Als ebenso langjähriger wie regelmäßiger Welt-Autor sollte und werde ich das inhaltlich nicht kommentieren – aber wortistisch gesehen kann ich dem Adjektiv seilschaftlich durchaus etwas abgewinnen. Denn für das über Beziehungen an einen Job, einen Auftrag, eine Wohnung kommen gibt es im Deutschen eine Vielzahl von Begriffen, vom Amigo-System über die Freunderlwirtschaft und den Nepotismus zum Vitamin B, der Gschaftlhuberei und so fort (und die Seilschaft natürlich auch), die Adjektive hierzu sind allerdings sehr dünn gesät: Allenfalls ein nepotistisch fällt mir ein, ohne das jedoch jemals gehört oder gelesen zu haben. Dann kommt seilschaftlich doch gerade recht.
13.05.2008 von Detlef Guertler
Da liest man sich nichtsahnend durch einen Artikel zum japanischen Bildungssystem, und stolpert dann über die Tanki Daigaku: “Die Tanki Daigaku ist eine Halbhochschule und dauert etwa zwei bis drei Jahre. Sie wird oft von Frauen besucht, da sie einen schnellen Berufseintritt ermöglicht. Dafür sind jedoch die Karriereaussichten mit der Tanki Daigaku schlechter, als mit der Daigaku.“
Was auch immer der Japaner unter einer Halbhochschule verstehen mag: Wer heute mit irgendeiner deutschen Universität zu tun hat, wird in dieser Beschreibung des Tanki Daigaku problemlos die allerorten Bachelor-Studiengänge wiedererkennen. Wonach ein Bachelor-Absolvent also eigentlich ein Halbhochschulabsolvent wäre. Angesichts der, vorsichtig gesprochen, gemischten Gefühle, die viele mit den Bachelor-Studiengängen verbinden, wäre es doch eine großartige Sache, sie durch die Verwendung des Begriffs Halbhochschule noch weiter abzuwerten, oder?
12.05.2008 von Detlef Guertler
Ein superschickes Wort in der FTD für eine superschicke Tastatur, die ganz ohne Computer dazu schon 1250 Euro kostet. Zum wiederholten Mal ein Dankeschön an die Kreativlinge bei der lachsrosa Zeitung, denen hoffentlich die Komplettübernahme durch Gruner+Jahr nicht so schnell den Spaß raubt.