Archive for Mai, 2008

11.05.2008 von Detlef Guertler
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Nestbenutzer

von Detlef Guertler

“Wie fühlt man sich so als Nestbeschmutzer?” war der komplette Text einer mit “Bäh!” betitelten Mail, die mich am Freitag erreichte. Kein Name, kein Betreff, eine Mail-Adresse, die auf einen männlichen Absender schließen lässt, diesen aber nicht mitteilt.

Wenn man an vielen verschiedenen Stellen viele verschiedene Texte veröffentlicht, und zwischen Schreib- und Veröffentlichungszeit je nach Medium Sekunden, Stunden, Tage, Wochen oder Monate liegen können, ist es nicht so einfach herauszufinden, welches Nest man gerade wo beschmutzt haben sollte. Etwa 24 Stunden nach Erhalt obiger Mail war mich mir denn aber doch ziemlich sicher, dass Anlass ein am Freitag in der Welt veröffentlichter Text in der Welt war, und dabei folgender Satz: “Aber auch die bestetablierte Einrichtung kann schnell wieder in der Bedeutungslosigkeit versinken, wenn die Qualität der Lehrer nicht mehr stimmt, wie zuletzt beispielsweise bei der Hamburger Henri-Nannen-Schule, lange Jahre unangefochtene Top-Adresse der deutschen Journalistenausbildung und inzwischen im… weiter lesen

09.05.2008 von Detlef Guertler
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angrobsen

von Detlef Guertler

Wer viel im Zug und im Stress ist, sollte zwischendurch mal etwas lesen, was überhaupt nichts mit seinen aktuellen Projekten zu tun hat. In dem Sinne hielt ich es für völlig unverfänglich, Mark Twains “Ein Bummel durch Europa” zu lesen. Aber was finde ich da in seiner Beschreibung von Baden-Baden: “Auch in den Bädern gibt man sich mit viel Geduld alle Mühe, die Gäste anzugrobsen.” Das muss wohl vor hundert Jahren ein durchaus gebräuchliches Verb gewesen sein, sonst wäre der Twain-Übersetzer kaum darauf verfallen, aber inzwischen ist es so gut wie ausgerottet.

Was schade ist. Denn sowohl in Bädern als auch in Geschäften als auch auf Ämtern als auch in Blogs wird man noch immer angegrobst. Nur dass die wenigsten Angrobser heute dabei die Geduld aufbringen, die Twain beobachtete. Ich würde mich sehr freuen, wenn dieses Verb wieder in den aktiven Wortschatz hinüberwechseln könnte. Schließlich wird jeder Angesprochene sofort verstehen,… weiter lesen

07.05.2008 von Detlef Guertler
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lollig

von Detlef Guertler

Jetzt läuft dieses Blog schon bald zwei Jahre, und es gab, doch, wirklich, schon den einen oder anderen etwas humorvolleren Beitrag unter den mehr als 800 Einträgen und mehreren tausend Kommentaren, aber noch kein einziges Mal, nie, wirklich, hat hier jemand einfach ein LOL hinterlassen. Liegt es daran, dass die Leser- und Schreiberschaft hier zu alt ist, weil es offenbar Menschen jenseits der 30 naturgesetzlich verboten ist, diese Abkürzung für Lough Out Loud zu benutzen? Oder daran, dass der Humor hier zu subtil ist und deshalb eher ein LOQ, ein Lough out Quiet, angebracht wäre? Oder doch daran, dass sich für die Wortistik nur eingefleischte Deutschfreunde interessieren, die es strikt ablehnen, mit Anglizismen um sich werfen?

Sollte letzteres der Grund sein, so wäre es keiner. Denn offenbar schon längst ist LOL in das adjektivische lollig eingedeutscht – Google verzeichnet schon mehrere zehntausend Treffer, und dass ich es erst diese Woche… weiter lesen

05.05.2008 von Detlef Guertler
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Unterhoheit

von Detlef Guertler

Ein strahlender Nachmittag auf der Wiese im Meißener Internat St. Afra mit Leonie und ihrer Freundin Eleonora. Leonie erklärt dem für ihren Geburtstag angereisten Vater den Stand der Vorbereitungen für das Sprachenfest im Juni. “Wer hat eigentlich die Oberhoheit für die Festorganisation?”, will ich wissen. “Frau Nagel”, sagt Leonie. “Aber wir haben die Unterhoheit!” ergänzt Eleonora stolz. “Ihr? Unterhoheit?” – “Na ja, wir sind mit noch ein paar anderen Schülern in der Arbeitsgruppe für das Sprachenfest, also sind wir doch auch irgendwie dafür verantwortlich, dass es ein schönes Fest wird.” Stimmt, Eleonora. Und für “auch irgendwie dafür verantwortlich” ist Unterhoheit ein hübsches Wort.

03.05.2008 von Detlef Guertler
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Ideensauger

von Detlef Guertler

Klingt ein bisschen unappetitlich, oder? Ideensauger ist jemand (Mensch oder Konzern), der selbst keine eigenen Ideen hat, aber die Ideen anderer Leute in sich aufsaugt, dort in Innovation verwandelt und dann auf den Markt spuckt. Zu den wenigen Treffern, die es für den (in der Wortwarte gefundenen) Ideensauger bislang gibt, gehören Texte über Madonna und Procter & Gamble (PDF). Man könnte natürlich jederzeit auch Microsoft mit diesem Etikett versehen.

Aber wir sollten über den Ideensauger nicht vorschnell den Stab brechen. Schließlich ist er kein einfacher Plagiator, sondern hat die Fähigkeit, Ideen in vermarktbare Produkte zu verwandeln und diese auch tatsächlich mit Gewinn vermarkten zu können. Den Ideen selbst kann nichts besseres passieren – dem ursprünglichen Ideenhaber bleibt immer noch der Weg vor Gericht oder an die Öffentlichkeit.

02.05.2008 von Detlef Guertler
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Margenquetsche

von Detlef Guertler

Die “Kapital”-Rubrik der Financial Times Deutschland übt sich weiter in bitterem Sarkasmus in den Kommentaren zur Auseinanderentwicklungen von (immer schwächerer) Realwirtschaft und (davon völlig unberührten) Aktienkursen. Wesentlich deutlicher als im aktuellen Kommentar zu den vorläufigen Daten zum US-Wachstum für das erste Quartal kann man in einem Wirtschaftsmedium wohl kaum den Verdacht äußern, dass es sich um hochgradig manipulierte Zahlen handelt. Besonders gut gefällt mir in diesem Zusammenhang der Satz: “Aber wie steht es um die US-Exporte, von denen sich viele schließlich einen der entscheidenden Impulse erhoffen, die eine anhaltende (ja: anhaltende) US-Rezession vermeiden helfen sollen.” Das zu schreiben, obwohl nach den offiziellen Daten die Rezession in den USA noch immer nicht begonnen hat, hat Stil. Danke.

Schön auch, dass dabei immer wieder mal ein Neuwort abfällt. Diesmal die Margenquetsche. Gemeint ist eine angeblich um nominal 5,5 Prozent gestiegene Lohn- und Gehaltssumme, also nach Abzug der Inflationsrate von 2,6… weiter lesen

01.05.2008 von Detlef Guertler
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Gartenguerilla

von Detlef Guertler

Okay, die Gartenguerilla ist nicht neu. Auch als Harald Martenstein sie vor einem Jahr als “neues Wort” entdeckte, war sie schon längst nicht mehr neu. Aber da sie heute auf den Tag genau acht Jahre alt wird (die ersten Guerillagärtner traten laut Wikipedia am 1. Mai 2000 auf dem Londoner Parliament Square in Aktion), und trotzdem nur in linksaktivistischen Fachkreisen zum passiven Wortschatz gehört (oder sind die so aktivistisch, dass bei ihnen auch der passive Wortschatz aktiviert wird?), möchte ich ihr ein ehrendes Andenken widmen. Öffentliche Grauflächen ergrünen zu lassen, oder greengekeepte Golfplätze zu verbushen, äh, verbuschen, ist einer der nettesten Subversitäten, die sich die Systemgegner bislang einfallen ließen. Danke. Weiter so – Schwerter zu Klappspaten.

P.S.: Die deutschen Wikipedianer dürfen sich übrigens ruhig trauen, das guerilla gardening in Gartenguerilla zu übersetzen.