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vonDetlef Guertler 01.07.2008

Wortistik

Neue Zeiten brauchen neue Wörter. Doch wer trennt die Spreu vom Weizen? Detlef Gürtler betätigt sich als Wortwart der Nation.

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Einen „reinen Selbstmordtäter“ nennt Hamburgs Ärztekammerpräsident Frank Ulrich Montgomery den ehemaligen Hamburger Justizsenator Roger Kusch, weil der einer 79jährigen dabei half, Selbstmord zu begehen, um sich so das Altersheim zu ersparen.

Das Anliegen hinter dieser Wortschöpfung ist legitim: Montgomery möchte unterscheiden zwischen dem Sterbehelfer, der unheilbar Kranke auf deren Wunsch von ihrem Leiden erlöst, und einer Person, die einem aus welchem Grund auch immer lebensmüden Menschen den Giftbecher oder die geladene Pistole reicht. Der Selbstmordtäter ist als Begriff so nahe am Selbstmordattentäter, dass allein die Verwendung dieses Worts ausreicht, um sich als scharfen Kritiker dieses Verhaltens kenntlich zu machen. Durch die Unterscheidung zwischen (gutem) Sterbehelfer und (bösem) Selbstmordtäter gäbe es auch die Chance, sich vom Begriff Euthanasie zu lösen, der jede Debatte über die Grenze zwischen Leben und Tod (und deren Überschreitung) automatisch 70 Jahre zurückwirft.

Ob sich der Selbstmordtäter als Begriff durchsetzt (oder irgendein anderer, der Gut und Böse bei Sterbehilfe unterscheiden hilft), hängt von der Bereitschaft der Gesellschaft ab, diese Debatte zu führen und eine solche Unterscheidung zu machen. In einer ständig alternden Gesellschaft, in der in den kommenden Jahrzehnten wesentlich mehr kinderlose Singles (bzw. Verwitwete) mit dem kurzen Rest ihres Lebens konfrontiert werden, bin ich aber zuversichtlich, dass eine solche Unterscheidung kommen wird. Und wenn nicht jetzt, dann eben 2018.

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  • Ein Attentat ist ein Angriff auf eine Personen des öffentlichen Lebens. Bringe ich unbekannte Leute um, ist es allenfalls Mord. Bringe ich unbekannte Leute um, indem ich mich in ihrem Beisein in die Luft sprenge, bin ich ein Selbstmordmörder – oder eben ein Selbstmordtäter. Mit Sterbehilfe hat das alles nichts zu tun. Die nämlich setzt – im Gegensatz zum Mord oder Attentat – das Einverständnis des Getöteten voraus. Außerdem hat der Sterbehelfer – anders als der Selbstmordattentäter – in aller Regel gute Chancen, seine Tat zu überleben. Unter der Überschrift Selbstmordtäter kann man also entweder ganz schnell ans Ende der Debatte kommen (S. ist schlecht. Basta!), oder auf kuriose Abwege geraten. Eine persönliche Aversion, fürchte ich, ist kein guter Ratgeber für einen, der Sprachlöcher stopfen will. Unsinnige Wortneuschöpfungen gibt es schon zur Genüge. Sie dienen allesamt mehr der Beseitigung letzter Klarheiten als der Klarstellung von Schverhalten.

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